Trinidad-Star Yorke Absolute Ekstase

Mit Manchester United gewann Dwight Yorke die Champions League. Der wichtigste sportliche Erfolg des Stürmers war ein anderer: Der 34-Jährige sicherte Trinidad und Tobago erstmals die Qualifikation für eine WM. Entsprechend groß ist die Begeisterung im Karibikstaat.

Von Tibor Meingast, Port of Spain


Die Bon-Accord-Schule auf der Insel Tobago liegt unmittelbar an der stark befahrenen Straße vom Flughafen Crown Point in die größte Stadt Scarborough, gleich hinter dem Ortschild von Canaan. Das ist ein kleiner Ort weitab vom Strand und damit auch ohne Tourismus, aber mit mancherlei sozialen Konflikten. Dennoch wirken die Menschen hier froh in diesem Winter. "Wir sind so stolz!", freut sich der grauhaarige, alte Dorflehrer Kenneth Cooks, der in den beiden unscheinbaren Bungalows seiner Grundschule einst den Jungen unterrichtet hat, der inzwischen wie ein Nationalheld verehrt wird: Dwight Yorke, den Kapitän der Mannschaft, die das kleine karibische Land Trinidad und Tobago mit der Qualifikation zur Weltmeisterschaft in Deutschland beglückte. "In Mathematik war er immer gut", erinnert sich der Pädagoge. "Und in Sport natürlich."

Beide Talente nutzte Yorke auch beruflich, zählte um die Jahrtausendwende zu den besten Fußballern der Welt und hat dank seiner Rechenkünste finanziell schon lange ausgesorgt. 34 Jahre alt ist er inzwischen, und trotzdem wirkt er gelegentlich noch wie ein Lausbub: gut gelaunt, mit einem Lächeln auf den Lippen und dem Schalk in den dunkelbraunen Augen. Sein Optimismus ist ansteckend. "Die Weltmeisterschaft wird sicher ein Riesenspektakel", sagt er und lacht fast dabei, "ihr Leute in Deutschland seid doch total fußballverrückt!" Dabei war Yorke erst einmal dort, doch bei der Erinnerung daran strahlt er gleich wieder übers ganze Gesicht: "Da habe ich sogar schon ein Tor geschossen." Das war im Münchner Olympiastadion bei einem Gastspiel mit Manchester United, bei denen der freundliche Mann von der Urlaubsinsel zum Weltstar wurde.

Der Sohn einer Putzfrau und eines Straßenfegers, der auf einem von seinen Brüdern angelegten kleinen Spielfeld schon als Dreijähriger mit dem Fußball begann, verließ seine Heimat mit 17 und entwickelte sich zu einem der besten Torjäger, die Englands Premier League je hatte. Für Aston Villa, ManU, Blackburn und Birmingham City erzielte er 134 Treffer und gewann neben Meisterschaft und FA-Cup auch die Champions League, 1999 gegen Bayern München. "Ich liebe es zu lachen und Spaß zu haben", sagte Yorke damals im "Kicker"-Interview, und das merkt man ihm sogar an, wenn er nach dem Training mit bloßem, muskulösem Oberkörper vor dem Stadion Autogramme schreibt.

Seit sich sein Land im November für die WM qualifiziert hat, muss er das noch häufiger tun als sonst - und er macht es wohl auch noch lieber. "Ich bin absolut ekstatisch", sagt der Mann, nach dem das größte Stadion Tobagos benannt ist, "ich hätte in einer Million Jahren nicht gedacht, dass solch ein Erfolg möglich wäre." Es ist eine historische Leistung. Yorkes Mannschaftskollege Marvin Andrews, ein Hüne von den Glasgow Rangers, stammelte nach dem entscheidenden Sieg in Bahrein unter Tränen: "Ich danke Gott, dass ich diesen Tag erleben darf."

Stürmerstar Yorke (l., im Qualifikationsspiel gegen Mexiko): "Wichtig für unsere ganze Volkswirtschaft"
AP

Stürmerstar Yorke (l., im Qualifikationsspiel gegen Mexiko): "Wichtig für unsere ganze Volkswirtschaft"

Beim Autokorso nach der Rückkehr in Trinidads Hauptstadt Port of Spain tanzten die Spieler auf den Ladeflächen von Lastwagen und Premierminister Patrick Manning ordnete gar einen offiziellen Feiertag an. "Die Qualifikation ist wichtig für unsere ganze Volkswirtschaft", glaubt Yorke, "Trinidad und Tobago wird jetzt in aller Welt bekannt werden." Dafür benötigten sie allerdings insgesamt elf Versuche. Seit der Unabhängigkeit 1962 nämlich nimmt der Zwei-Insel-Staat mit kaum mehr Einwohnern als die Stadt Köln an der WM-Qualifikation teil, war seinem Ziel wiederholt auch schon sehr nah. Vor 16 Jahren fehlte nur noch ein Punkt bis Italien, doch das letzte Spiel gegen die USA ging mit 0:1 verloren.

Dwight Yorke stand schon damals in der Mannschaft und erinnert sich ungern: "Eine riesige Enttäuschung, von der sich unser Land lange nicht erholen konnte." Erst ein strenger Niederländer brachte ihnen seit April 2005 das Selbstvertrauen zurück. Da war Trinidad und Tobago Tabellenletzter in der Nord- und Mittelamerikagruppe mit lediglich einem Punkt aus drei Spielen, doch der mittlerweile 63 Jahre alte Leo Beenhakker führte das Team noch zu vier Siegen und damit in die Relegation mit Asienvertreter Bahrain. Dabei hatte der holländische Erfolgstrainer zu Beginn seiner Mission noch große Defizite ausgemacht: "Es ist unglaublich. Ich habe hier in der Karibik so viele Spiele gesehen, und immer spielen wie in Europa zwei Mannschaften, aber nie hat jemand den Ball."

Das änderte Beenhakker und es gelang ihm auch, die für europäische Vorstellungen zu lasche Lebensart zu kompensieren. Selbst Yorke verschwand einmal für mehr als eine Woche aus dem Trainingslager, um in England Geschäfte zu erledigen, und tauchte erst vier Tage vor dem wichtigen Spiel gegen Panama wieder auf. Aber Beenhakker fand augenscheinlich den richtigen Umgangston und auch die rechte Dosierung. So schickte er den gerade reaktivierten, 37-jährigen Spielmacher Russel Latapy mitunter in den Swimmingpool des Hotels, während die anderen in der Gluthitze trainierten.

Auf höchstem internationalem Niveau spielt auch Yorke nicht mehr. Beim australischen Erstligisten FC Sydney lässt er seine Karriere ausklingen. "Ein immens wichtiger Mann", sagt sein deutscher Trainer Pierre Littbarski. Im März ist die Saison in Australien bereits zu Ende, dann kann der Modellathlet, der selbst bei Liegestützen oder der Klappmesserübung noch lächeln kann, seinen Blick auf die WM richten. Auch dort wollen Yorke und seine Kollegen von sich reden machen: "Wir wollen dort nicht nur ein Team von vielen sein." Ein Anspruch den nicht alle teilen. Dwight Yorkes einstiger Lehrer Cooks in Canaan ist schon mit weniger zufrieden: "Schon dass wir zur Weltmeisterschaft fahren, ist nicht nur für die Fußballer eine großartige Erfahrung, sondern für alle Menschen hier."

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