Triumph im Topspiel Schwaben schießen Bayern in den Teufelskreis

Ein einseitiges Spiel macht das Meisterrennen zu einem Dreikampf: Berauschte Stuttgarter haben den Bayern ihre Grenzen aufgezeigt. Jetzt dürfen sich Bremen und Schalke keine Ausrutscher mehr erlauben.

Von , Stuttgart


Stuttgart - Sie hatten keine Chance. Weder die Dame vom Pay-TV-Sender noch VfB-Pressesprecher Oliver Schraft. Horst Heldt schüttelte den Kopf und ließ das Pärchen allein vor der Werbewand stehen. Der Manager der Stuttgarter atmete tief ein, als könnte er ihn riechen, den Erfolg, den seine Mannschaft soeben gegen einen chancenlosen FC Bayern eingefahren hat.

Heldt genoss diesen Augenblick für sich allein. Dann fand er doch den Weg vor die TV-Kameras, seine Spieler tummelten sich gerade auf dem Rasen in der Fankurve. Die Hilberts und Magnins tanzten, sangen und ließen sich von ihren Anhängern für einen 2:0-Sieg bejubeln. Binnen zwei Stunden waren aus kritischen Schwaben im ausverkauften Gottlieb-Daimler-Stadion heißblütige Südländer geworden.

Sicher waren auch ein paar Bayern unter den 55.000 Fans, die die Stuttgartern bei ihrer Ehrenrunde beklatschten. Die Leistung des jungen VfB in den 90 Minuten zuvor hätte den Beifall in jedem Fall verdient. Die Mannschaft des Tabellendritten aus Stuttgart, gebaut von Heldt und geformt von Trainer Armin Veh, zeigte, wie jugendliche Spielfreude mit aggressivem Zweikampfverhalten unter dem Dach einer imponierenden taktischen Ordnung gepaart werden kann. Nicht nur Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld sah den Gegner in einer "blendenden Verfassung" aufspielen. Auch VfB-Coach Veh, der es ansonsten erfolgreich schafft, Euphorie wegzudiskutieren, sprach vom "mit besten Auftritt meiner Mannschaft in dieser Saison".

Kurze Zeit später warnt Veh jedoch. "Wir haben noch vier sehr schwere Spiele vor uns", wobei er keine Zweifel daran lässt, dass dies nicht im Entferntesten als fußballertypische Phrase, als gesprochenes Nichts, zu verstehen ist. Zwar heißen die Gegner "nur" Mönchengladbach, Mainz, Bochum und Cottbus, doch zu frisch ist die Erinnerung an das Jahr 2004, als der VfB am vorletzten Spieltag gegen die Bayern 3:1 gewann, eine Woche später aber die Champions-League-Qualifikation in Leverkusen verschenkte. 2005 stoppte ein 1:3 gegen den Rekordmeister den schwäbischen Höhenflug.

Dass dem VfB in dieser Saison der Einbruch wohl erspart bleibt, liegt in erster Linie an dem funktionierenden Team. Beim Anblick der nimmermüden Stuttgarter, die in jeder Phase der Partie den Münchnern einen Gedanken voraus waren und selbst in den Schlussminuten Torhüter Oliver Kahn bei Rückpässen bedrängten, muss die Frage erlaubt sein, wer denn nun am vergangenen Mittwoch in einem DFB-Pokalhalbfinale gegen Wolfsburg gestanden hat. "Die Mannschaft ist topfit, sie geht unheimliche Laufwege", lobte Veh. Cacau, der mit zwei Treffern (23., 25.) erneut seine tolle Entwicklung in dieser Saison unterstrich, ergänzte: "Jeder hilft dem anderen. Wir sind eine Mannschaft." Was auf dem Platz eindrucksvoll zu bestaunen war.

Endzeitstimmung bei den Bayern

In einer geschlossenen Mannschaft (Veh: "Meine Jungs sind vom Charakter alle einwandfrei") ragten dennoch zwei Abteilungen hervor: Thomas Hitzlsperger, Sami Khedira und der überragende Pavel Pardo bildeten in Vehs variablem 4-3-3 eine Mittelfeldreihe, die ihren Gegenübern Mark van Bommel und Owen Hargreaves demonstrierte, wie rigoros, erfolgreich und vor allem fair Angriffe im Keim erstickt werden können - um dann blitzschnell in Konter zu münden. Um diesem Kraftzentrum zu entkommen (und aus der Tatsache heraus, dass es ihnen an einem kreativen Mittelfeldspieler fehlt), waren die Bayern gezwungen, mit hohen Bällen zu operieren. Die wurden dann von Fernando Meira und Mathieu Delpierre, dem wohl derzeit stärksten Innenverteidiger-Paar der Liga, auf beeindruckend lässige Art in Empfang genommen.

Während in Stuttgart ein Rädchen ins andere greift und mit vier Punkten Rückstand auf Spitzenreiter Schalke sogar noch das Double möglich ist, herrscht in München Endzeitstimmung. "Jeder ist mit sich beschäftigt, jeder spielt vor sich hin. Da war keine Mannschaft auf dem Feld", kritisierte Kahn - der mit Beschimpfungsattacken die ohnehin furchtsamen Feldspieler verunsicherte.

"Wir hatten Angst", gab Hitzfeld später zu. Angst vor der Mittelmäßigkeit, die dem FCB als Viertplatziertem (fünf Punkte hinter Stuttgart) droht, dem Uefa-Cup, mit dem es schwer wird, die versprochenen namhaften Verstärkungen an die Isar locken zu können. Doch nur über sie führt der Weg zurück an die Spitze. Der FC Bayern befindet sich in einem Teufelskreis.



insgesamt 7 Beiträge
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Belzebub99, 22.04.2007
1. Herr Hoeness, Telefon!
Ich kenne da eine engagierten Trainer, Herr Hoeness, rufen Sie doch an. Magath soll er heißen, genannt Quälix. Der ist fitter als Ihr Altherrentrainer mit den tollen innovativen Ideen. Haha.
heisenberg, 22.04.2007
2. Wie schön das es andere Vereine auch können
Als HSV Anhänger gönne ich es Schalke oder Bremen oder auch Stuttgart an der Spitze zu stehen. Die Langeweile hat endlich ein Ende! Höneß sollte langsam einmal in die Verbannung gehen mit seiner Einstellung! Bayeren ist mittelmäßig geworden trotz alles wegkaufen auf den Bundesligamarkt! Super sag ich zu den 3 Topmanschaften Ihr 3 habt es ehrlich verdient! Ich habe da keinen Neid! Gruß Ein HSV Fan
Querschläger, 22.04.2007
3. Haarig!
Der Held von Belgrad anno 1976 muß und wird den Kader gnadenlos ausmisten. Mit Spielern wie Demichelis, van Buyten oder Pizzaro kann weder der FC Bayern was reißen noch die Münchner Friseure Geld verdienen.
Cider, 22.04.2007
4. Bayern spitze?
Ich finde englische Liga persönlich am besten. Aber wen ich dieses jahr die Lige betrachte, Hut vab, vor den Stuttgartern. Selbst Schalke kann mal Meister werden. Verdient hätten sie es allemal! Zu Bayern kann ich nur sagen: Nicht immer erster sein, kann hart sein! Spitzenspieler kommen nur mit CL - Plätzen und MeisterscAusserdem fegt ein neuer besen nicht unbedingt besser. Was bringt ein neuer Besen, wenn es ein Mannschaftliches Problem gibt. Und das hat auch Namen: Oliver Kahn (zu lange Nr.1 gewesen) und Rensing zu selten spielen lassen. Lukas Podolksi ist hoffnungslos überschätzt und van Bommel mit seinen Aktionen gefährdet das Spiel der Bayern durch sein Kindergartenverhalten, seine Fouls und die Diskussionen mit dem Schiri. Ausserdem sind die Aufkäufe in der Liga keine echte Verstärkung für mich.
CSM, 22.04.2007
5. Es ist ...
Zitat von sysopEin einseitiges Spiel macht das Meisterrennen zu einem Dreikampf: Berauschte Stuttgarter haben den Bayern ihre Grenzen aufgezeigt. Jetzt dürfen sich Bremen und Schalke keine Ausrutscher mehr erlauben. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,478685,00.html
... doch kein Unglück, wenn Bayern mal nicht unter den ersten 3 landet. Stuttgart, Bremen und Schalke haben es verdient, vor den Bayern zu stehen. Das sage ich als enttäuschter Bayern - Anhänger. Und die jetzt zu spürende Häme - die nehme ich als extrem unsportlich halt zur Kenntnis.
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