Triumph in letzter Sekunde Nihat schießt Türkei ins Viertelfinale

Was für ein Finale: Wenige Minuten vor Abpfiff liegt Tschechien 2:1 vorn, dann patzt Torhüter Cech und Nihat trifft gleich doppelt - die Türkei ist im Viertelfinale. In den dramatischen Schlusssekunden fliegt auch noch der türkische Keeper vom Platz.

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Eigentlich war schon vor dem Anpfiff klar, wer zum großen Helden dieser Partie bestimmt sein würde: Auf der einen Seite Volkan Demirel, Torhüter der Türken. Auf der anderen Petr Cech, Schlussmann der tschechischen Auswahl. Bei Unentschieden nach 90 Minuten hätte es ein Elfmeterschießen gegeben und da stehen die Torhüter von Natur aus im Mittelpunkt. Soweit sollte es zwar nicht kommen, zu Hauptdarstellern wurden beide Keeper aber dennoch - wenn auch unfreiwillig.

Kurz vor Schluss der regulären Spielzeit hatten die Tschechen 2:1 geführt, dann leistete sich Cech einen ungeheuren Fehler und ermöglichte so den Ausgleich durch Nihat in der 87. Minute. Zwei Minuten später war der Stürmer erneut zur Stelle, erzielte das 3:2 und schoss sein Team so ins Viertelfinale gegen Kroatien am kommenden Freitag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Volkan, der bei Nihats Toren seine Freude lauthals herausbrüllte, wird dann aber zuschauen müssen. Der 26-Jährige verlor in der dramatischen Schlussphase die Nerven, schubste Tschechiens Stürmer Jan Koller um und wurde mit der Roten Karte bestraft. Im schwarzen Muskelshirt stapfte der Keeper gefrustet vom Platz, bitter enttäuscht, dass er wegen seiner Dummheit die Teilnahme am Viertelfinale verpassen wird.

Matchwinner Nihat zeigte sich euphorisch: "Wir haben jetzt Geschichte geschrieben und schreiben sie weiter. Jetzt kommt Kroatien, und auch die können wir schlagen. Wir haben schlecht gespielt und gewonnen, was passiert, wenn wir gut spielen?"

Dass die Türkei überhaupt so weit kommen würde, konnte eine halbe Stunde zuvor niemand erwarten. Tschechien war überlegen und profitierte dabei vor allem von einer taktischen Überraschung des Trainers Karel Brückner. Der 68-Jährige hatte im Sturm Jan Koller aufgeboten. Konkurrent Milan Baros saß nur auf der Bank - obwohl er bei der 1:3-Niederlage gegen Portugal eine ordentliche Leistung gezeigt hatte. Koller dagegen hatte beim Auftaktspiel gegen die Schweiz (1:0) enttäuscht. Zu berechenbar sei die Mannschaft mit ihm in der Startelf, monierten seine Kritiker.

Doch in der ersten Hälfte gegen die Türkei war Koller der dominante Akteur auf dem Platz. Der 35-Jährige rackerte wie in seinen besten Tagen. Er war immer anspielbereit, schirmte den Ball ab, setzte seine Teamkollegen in Szene. Und natürlich köpfte er. Zum ersten Mal in der elften Minute, da zielte er noch zu hoch.

Bei seinem zweiten Versuch machte es der 2,02-Meter-Hüne dann besser. Nach einer Flanke von Außenverteidiger Zdenek Grygera war er zur Stelle und köpfte den Ball zur Führung ins Netz (34.). Ein typisches Koller-Tor. Von der türkischen Offensive war bis dahin nichts zu sehen. Das Team von Trainer Fatih Terim war zunächst nur darauf bedacht, Fehler zu vermeiden. Immer wieder schoben sich seine Spieler in der eigenen Hälfte den Ball hin und her. Cech musste in der ersten Halbzeit nicht einen Ball parieren, was allerdings auch an der exzellenten Abwehrkette vor ihm lag.

Grygera (Juventus Turin), Marek Jankulowski (AC Mailand), Tomas Ujfalusi (AC Florenz) und David Rozehnal (AC Florenz) spielen allesamt in der italienischen Serie A - und kennen sich dementsprechend gut im Verhindern von Toren aus. Nach dem Seitenwechsel wurden sie dennoch etwas leichtsinnig, die Türken kamen mit Leidenschaft aus der Kabine und hatten endlich erste Chancen.

In dieser Phase wirkte Cech allerdings noch unüberwindbar. Er parierte einen Kopfball von Sanli Tuncay und fing eine Flanke nach der anderen ab. Als Mittelfeldmann Jaroslav Plasil in der 62. Minute auf 2:0 erhöhte, schien das Spiel entschieden. Zu einfallslos waren die türkischen Angriffe, zu sicher die tschechische Defensive. Hätte Jan Polak kurz darauf bei einem Konter das 3:0 erzielt - die Türken wären wohl kaum noch einmal zurückgekommen.

Doch Polak traf nur den Pfosten und bekam im Nachsetzen auch noch einen Elfmeter verweigert. So nahm das Spiel eine dramatische Wendung. Turan Arda, der schon beim 2:1 gegen die Schweiz in letzter Minute getroffen hatte, war auch dieses Mal erfolgreich. Der Mittelfeldspieler versenkte in der 75. Minute einen plazierten Flachschuss und gab seinem Team so die nötige Hoffnung.

Angefeuert von den eigenen Anhängern rannten die Türken an, die Tschechen kamen kaum noch aus der eigenen Hälfte, ein Treffer lag in der Luft. Dass er tatsächlich fallen sollte, lag aber einzig und allein an Cech. Der Torwart, der als einer der besten seiner Zunft gilt, ließ eine harmlose Flanke durch die Hände rutschen. Der Ball rollte direkt vor die Füße von Nihat, der keine Mühe hatte, den Ausgleich zu erzielen.

Als sich die 29.000 Zuschauer in Genf schon auf ein Elfmeterschießen einstellten, war Nihat erneut zur Stelle und schloss einen Konter zum 3:2-Endstand ab. "Das erste Gegentor kann passieren, das zweite war ein individueller Fehler, das dritte ein kollektiver Kollaps. So ein Spiel am Ende noch zu verlieren, ist unfassbar", sagte Brückner. Es dürfte sein letztes Spiel als tschechischer Nationaltrainer gewesen sein. Was für ein bitterer Abschied.

Mit Material des sid

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