TSV 1860 München Das T steht für totalitär

Chaos bei den Löwen: Der Fußball-Zweitligist 1860 München entzieht drei Zeitungen die Akkreditierung, weil sie angeblich zu kritisch berichtet haben. Im Mittelpunkt: der mysteriöse Geschäftsführer Anthony Power.

1860-Geschäftsführer Anthony Power
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1860-Geschäftsführer Anthony Power

Von Christoph Leischwitz, München


Fast könnte man auf die Idee kommen, der TSV 1860 München will gar nicht, dass über ihn berichtet wird, nicht einmal positiv. Fünf neue Spieler hat der Zweitligist vor Schließung des Transferfensters am Dienstag verpflichtet. Spieler wie etwa der dänische Mittelstürmer Christian Gytkjaer von Rosenborg BK, die es wert wären, sie der Öffentlichkeit vorzustellen.

Doch das Gegenteil geschieht. Der Verein sorgte in den vergangenen Tagen eher noch für Verwirrung darüber, wer nun unterschreibt und wer nicht. Wie zum Beispiel im Falle des Brasilianers Luiz Gustavo, einem portugiesischen Zweitliga-Spieler (nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen Bayern- und aktuellen Wolfsburg-Spieler). Er war ins portugiesische Trainingslager der Sechziger eingeladen worden und anschließend sogar mitgeflogen nach München. Doch dann wurde er nie wieder gesehen. Dass der Defensivspieler letztlich gar nicht verpflichtet wurde, mussten sich Journalisten und Fans selbst zusammenreimen.

Auch an diesem Mittwoch wurde öffentlich kein Zugang vorgestellt. Und man hat es anscheinend vor dem Auswärtsspiel bei Arminia Bielefeld am kommenden Freitag auch nicht vor: Für den Donnerstag ist das obligatorische Pressegespräch mit Trainer Vítor Pereira anberaumt. Business as usual also.

"Keine Basis für partnerschaftliche Zusammenarbeit"

Die gestörte Kommunikation überrascht eigentlich niemanden mehr. Das Verhältnis zwischen der Lokalpresse und den Vereinsoberen an der Grünwalder Straße ist seit Monaten angespannt. Kurz nachdem Trainer Kosta Runjaic Ende November beurlaubt und Geschäftsführer Thomas Eichin entmachtet worden war, wurden die Journalisten für mehrere Tage ausgesperrt. Investor Hasan Ismaik sprach auf Facebook von einer "Lügenkampagne" und schrieb an die Fans gerichtet: "Sie versuchen, Euch über ihre Plattform zu manipulieren."

Offenbar glaubt Ismaik das immernoch. Denn am Dienstag wurde bekannt, dass gleich drei Münchner Tageszeitungen die Jahresakkreditierungen für die Heimspiele entzogen wurden: der "Bild"-Zeitung, dem "Münchner Merkur" sowie der "tz". Allen wurde eine E-Mail zugeschickt, denen ein Schreiben des aktuellen Geschäftsführers Anthony Power angehängt war. Darin hieß es: "Wir haben uns für diesen Schritt entschieden, da wir aufgrund der Berichterstattung in den letzten Wochen und Monaten derzeit keine Basis für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit sehen."

"We are Lions"

Dabei ist Power, 50, selbst die personifizierte Intransparenz. Fest steht nur, dass er ein Seiteneinsteiger ist, der für längere Zeit in der Flugzeugbranche und nach eigenen Angaben in vielen anderen Wirtschaftszweigen gearbeitet hat. Und dass er seinen Job in München auf gewisse Weise sehr ernst nimmt.

Der studierte Maschinenbauer, der nach eigenen Angaben aus den USA stammt, wirft sich im Stadion stets einen Schal des TSV 1860 München um. Er sieht auch regelmäßig beim Mannschaftstraining zu und soll schon einmal angeordnet haben, dass die Spieler "We are Lions" schreien. Auch gibt sich Power sehr volksnah; bei der Vorstellung des neuen Trainers Pereira kurz vor Weihnachten in einem Bräuhaus nahe der Theresienwiese schüttelte er viele Hände und klopfte Fans auf die Schulter.

Das Problem scheint, dass der Statthalter Ismaiks seinen Job manchmal ein wenig zu ernst nimmt. Das sehen nicht nur Journalisten so - sondern zum Beispiel auch die langjährigen Mitarbeiter in der 1860-Geschäftsstelle, die seit seiner Ankunft in München hingeworfen haben. Power brachte offenbar Gepflogenheiten aus anderen Berufsbranchen mit, die im Fußballgeschäft ungewöhnlich sind.

"Totalitärer SV 1860"

Den Zeitungen steht es nun offen, für jedes Heimspiel Tagesakkreditierungen zu beantragen. Deshalb wird sich wohl auch erst kurz vor dem nächsten Spiel in der Arena am 11. Februar gegen den Karlsruher SC zeigen, ob mit der Maßnahme einzelne Personen ausgeschlossen werden sollen, oder ob es sich um einen Schuss vor den Bug handelte.

Bis dahin wirkt die Auswahl der betroffenen Zeitungen willkürlich, auch andere hatten kritisch berichtet. Man sehe keinen aktuellen Auslöser in Form eines bestimmten Artikels, sagt einer der betroffenen Journalisten: "Vermutlich tut sich Ismaik einfach schwer mit freier Meinungsäußerung." Es handele sich höchstwahrscheinlich um einen "Einschüchterungsversuch", von dem man aber beim besten Willen nicht verstehe, was er bewirken soll. "Erhofft man sich davon, dass wir nicht mehr berichten? Das werden wir definitiv trotzdem tun." Der Verein könne auch kaum davon ausgehen, dass durch solche Aktionen die Berichterstattung in Zukunft partnerschaftlicher wird. Zumal es nicht die Aufgabe von Journalisten ist, Partnerschaften einzugehen.

Power ist nur Interims-Geschäftsführer, zum Saisonende soll er eigentlich durch Ian Ayre ersetzt werden, dessen Vertrag als Vorstandsvorsitzender beim FC Liverpool nicht verlängert wird. Bestätigt hat Ismaik das natürlich noch nicht, er sprach bislang nur von einem "neuen, starken Mann". Der jordanische Geschäftsmann will aus 1860 München "einen der erfolgreichsten Klubs Europas" machen. Die finanziellen Mittel dazu mag er haben. Doch nach Meinung eines betroffenen Journalisten ist der TSV auch drauf und dran, zum "totalitären SV" zu werden.



insgesamt 30 Beiträge
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extremchen 01.02.2017
1. Moin!
Der Zwang zur Hofberichterstattung ist doch kein Zeichen von Chaos! Der HSV, zum Bleistift, hat Dank Zuckerbrot und Peitsche hier in Hamburg geschafft das Medien, wie das Abendblatt, die MoPo oder auch der NDR zu reinen Hofberichterstatter verkommen sind. Kritisches findet man hier so gut wie gar nicht mehr, aus Angst vor so wichtigen Meldungen wie z.B. "Womit sich X Y die Fußnägel feilt" oder "Y Z schießt so gerne Tore" abgeschnitten zu werden. Stadion droht halbleer zu bleiben: Schon hauen die Medien "Der HSV braucht die Unterstüzung aller Fans!" als Werbebotschaft raus. Und ich möchte wetten das es nicht nur in Hamburg so ausschaut. Nein, der versuch der Einflussnahme von 1860 ist weder neu noch ein Zeichen von Chaos, das ist Alltag.
jerusalem 01.02.2017
2. was bringt das?
Kosten/Nutzen Rechnung: was bringt es, die Zeitungen auszuschließen? Erhofft man dadurch eine freundlichere Berichterstattung? Gute PR ??
sdmf 01.02.2017
3. 50+1
Wenn "Investoren" massiven Einfluss auf die Führung und Ausrichtung der Vereine nehmen, wie bei 1860 München oder bei RB Leipzig, dann sollte man sich einmal ein paar Gedanken darüber machen, wo die von einigen ach so fortschrittlichen Fußballexperten geforderte Abschaffung der 50+1-Regel uns hinführen wird...
hubsi49 01.02.2017
4.
Ein Klub der so agiert, ist zum medialen Abschuss freigegeben. Statt die Kritik mit den Journalisten zu diskutieren und Probleme auszuräumen, die bösen Medienleute auszusperren ist eine Provokation und eigentlich untragbar für die ganze Liga. Also Liga und DFB müssen die Verantwortlichen zur Räson bringen...
Partyzant 01.02.2017
5. Solche Dinge passieren
wenn man nur ans Geld denkt...egal wie es erwirtschaftet wurde. 1860 hat etwas anderes verdient denn mit diesen Investoren solchen Investoren wird das nix...sind etwas nervös die Herren.
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