1860 München im Drittliga-Derby Straßenkampf in der Vorstadt

Das unglückliche Remis im hitzigen Derby gegen Unterhaching dämpft die Hoffnungen der 1860-Fans auf einen Durchmarsch in die zweite Liga. Es gibt Gründe, warum ein Aufstieg für die Löwen viel zu früh käme.

Zu grün, die Blauen: Münchens Herbert Paul nach einem Foul
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Zu grün, die Blauen: Münchens Herbert Paul nach einem Foul

Aus München berichtet Florian Kinast


Räumlich trennte die beiden Trainer nur ein Meter. Bei der Pressekonferenz im kleinen Medienraum des Hachinger Sportparks. Angesichts der Gemütslage waren es Welten. "Schön war's", frohlockte Claus Schromm, der Trainer der SpVgg Unterhaching. Neben ihm saß sein Kollege Daniel Bierofka vom TSV 1860 München, er sah blass aus und brummelte in seinen Bart: "Das tut weh." Ein später Ausgleich in der Nachspielzeit kostete Bierofkas Löwen am Mittwochabend den Sieg in Unterhaching. Vermiest wurde damit der Dienstausflug in den Münchner Süden, der 1:1 (0:0) endete.

Ein neuerlicher Dämpfer für all die Fans des alten Traditionsklubs, die bereits vom Durchmarsch und der Rückkehr in die zweite Liga träumten. Letztlich aber war das ernüchternde Ergebnis für den Klub vielleicht ganz gut. Denn ein Aufstieg käme für die Löwen viel zu früh. Für die Zweitklassigkeit fehlt ihnen die Reife, sind die Blauen so wie die Farbe ihrer Auswärtstrikots: viel zu grün. Und dann gibt es auch noch ganz andere Probleme.

Giftig, hitzig, eklig

Das Drittliga-Derby im Münchner Süden, ganze zwei S-Bahn-Stationen von der Sechzger-Heimat Giesing entfernt, war giftig, hitzig, eklig. Etliche Fouls, üble Tretereien, acht gelbe Karten. Der Hachinger Sportpark war mit 14.200 Plätzen seit Wochen ausverkauft, fast 6000 Tickets gingen offiziell an die Gäste. Gemessen an der gefühlten Dezibel-Zahl der Anfeuerungsrufe waren rund 13.950 Zuschauer Löwen-Fans.

Gallig auch die Stimmung an der Seitenlinie: Hachings Präsident Manfred Schwabl, der in der ersten Halbzeit noch verträumt den rötlichen Abendhimmel über der blauen Nordkurve fotografiert hatte, stürmte mal zornig auf den Linienrichter los, später wurde es zwischen Schromm und Bierofka laut. Ein humorloses Derby, das hielt, was es versprach - Marke rüder Straßenkampf in der Vorstadt. Inklusive Schaum vorm Mund.

Bodenständiger Arbeiter Bierofka

Sichtlich mitgenommen von der Intensität des Spiels war auch Daniel Bierofka, doch so frustrierend der späte Gegentreffer für ihn auch sein mochte: Es blieb die beruhigende Erkenntnis, dass der Rückstand auf einen drohenden Aufstiegsplatz weiter beruhigende vier Punkte beträgt.

Der bodenständige Arbeiter Bierofka hält nichts von Träumereien und Hirngespinsten. Eben aus der Regionalliga aufgestiegen, predigt er permanent, dass man ankommen und Fuß fassen wolle in der dritten Liga. Doch abgesehen von der mangelnden sportlichen Reife - durch späte Gegentore gegen Lautern, Osnabrück, Uerdingen und jetzt Haching verspielte 1860 in dieser Saison bereits sechs Punkte - fehlt es dem Team für einen Aufstieg an ganz anderen Voraussetzungen.

Da ist zum Beispiel die ungeklärte Stadionfrage.

Kein Plan für den Ernstfall Aufstieg

Die Spielstätte an der Grünwalder Straße erfüllt gerade so die Anforderungen für die dritte Liga, für die zweite reicht es auch langfristig bei Weitem nicht. Eine Rückkehr in die Allianz-Arena ist ausgeschlossen, nicht nur, weil die verhassten Bayern die Bestuhlung gerade in den Vereinsfarben samt Logo verziert haben.

Auch das alte Olympiastadion, in dem 1860 bis zum Bundesliga-Abstieg 2004 kickte und das als möglicher Spielort im Aufstiegsfall im Gespräch war, ist keine Alternative mehr. Einzig denkbar scheint derzeit eine Ausnahmeregelung für das Grünwalder. Einen wirklichen Plan für den Ernstfall Aufstieg hat die Klub-Führung um Robert Reisinger im Moment noch nicht, man arbeite an Konzepten, heißt es.

Und dann ist da ja noch der Investor. Würde Hasan Ismaik, der umstrittene wie auch unberechenbare Investor, denn überhaupt das Geld für die Zweitliga-Lizenz zuschießen?

Im Moment herrscht immerhin halbwegs Ruhe. In einem Interview bezifferte Reisinger das Verhältnis zu Ismaik auf einer Skala von null (miserabel) bis zehn (supertoll) auf "sechs bis sieben". Ausbaufähig. Angesichts der Tatsache, dass der Wert vor einem Jahr so etwa zwischen 0,3 und 0,4 lag, allerdings in der Relation ganz ordentlich.

"Haching arbeitet solide und ruhig"

Wie man übrigens einen Drittligisten bedächtig aufbaut, das zeigt gerade die SpVgg Unterhaching. Behutsam führte Präsident Schwabl nach dem Wiederaufstieg aus der Regionalliga 2017 professionelle Strukturen ein. Eine Mannschaft formen, vielleicht in zwei Jahren mal aufsteigen, mittelfristig denken, nichts überstürzen, ist seine Devise.

20 Jahre ist es nun her, dass die SpVgg Unterhaching als belächelter Emporkömmling in die Bundesliga kam, nun ist der Dorfklub aus dem Münchner Landkreis fast schon ein Vorbild für den alten Giesinger Traditionsverein. "Haching arbeitet solide und ruhig", schwärmte Reisinger kürzlich, "Neid und Missgunst sind mir da fremd. Da wollen wir auch wieder hin." Ohne Intrigen innerhalb des Klubs? Ohne hausinterne Streitereien, Querelen, Machtkämpfe? Und das bei 1860? Eine kühne Vision.



insgesamt 2 Beiträge
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weem 27.09.2018
1. Niemand spricht ernsthaft vom Durchmarsch
Zuerst..auch wenn sie in der gleichen Liga spielen, man sollte (und kann) Haching nicht mit Sechzig vergleichen. Haching ist froh, wenn sie mal eine vierstellige Zuschauerzahl haben, bei Sechzig ist jedes Spiel mit 15.000 ausverkauft ( Btw. Antrag auf Ausbau für 18.600 Zuschauer soll angeblich der Stadt schon vorliegen). Haching ist eine verträumte Vorstadtsiedlung, der Verein hat um die 1500 Mitglieder, schwer vorstellbar, hier noch weitere hinzuzugewinnen (auch nicht in der 2. Liga). Sechzig ist in München-Giesing, polarisiert die Menschen in ganz Bayern, der ganze Stadtteil ist an Spieltagen weiß-blau, von Jung bis Alt fiebert jeder mit den Löwen, nach dem Zwangsabstieg in die 4. Liga steigerte sich Mitgliedszahl um mehr als 3.000 auf mittlerweile fast 24.000 (Ende ist nicht absehbar). Und ganz wichtig..das neue Präsidium um Präsident Reisinger und der neu gewählte (alte) Verwaltungsrat ziehen erstmals seit vielen Jahren an einem Strang, es wird äußerst seriös gearbeitet, es wurden kompetente Leute für den sportlichen Bereich verpflichtet (Gorenzel usw.), kurzum, es ist alles dafür angerichtet, in den nächsten 2-3 Jahren (O-Ton Reisinger bei der MV dieses Jahr) einen Aufstieg ins Visier zu nehmen. Und das ist gut so..
kopi4 29.09.2018
2.
1860 mit Unterhaching zu vergleichen ist kühn. So als würde der 1.FC Köln sich,weil die mehr Ruhe im Klub haben und auch nicht so oft abgestiegen sind, Fortuna Köln zum Vorbild erklären.
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