Mainz-Trainer Hjulmand Im Geist von Ajax und Pep

Kasper Hjulmand, bis eben noch Coach von Nordsjaelland, wird in der nächsten Saison Mainz 05 trainieren. Hjulmand? Nordsjaelland? Wer ist der Däne, der Thomas Tuchel beerbt? Bei seiner Vorstellung wurde klar: Der Mann hat interessante Vorbilder.

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Von Andreas Böhm, Mainz


Skandinaviern wird eine gewisse Trinkfestigkeit nachgesagt. Nun ist Kasper Hjulmand, 42, Däne, gewiss kein Schluckspecht. Doch er ist nicht abgeneigt, sich eine Nacht an der Hotelbar um die Ohren zu schlagen. Beim Elitetrainer-Treffen der Uefa in der Spielzeit 2012/2013 teilte Hjulmand mit einem gewissen Jürgen Klopp für etliche Stunden den Tresen.

"Ich kann mich an den Inhalt dieses Gesprächs nicht mehr erinnern", flachste Hjulmand am Montag bei seiner Vorstellung in Mainz und hatte die Lacher auf seiner Seite, "ich weiß nur noch, dass wir extrem viel über Fußball gesprochen haben."

Klopp, von 2001 bis 2008 selbst Trainer in Mainz, fand Hjulmand damals extrem sympathisch. Und da der Chefcoach von Borussia Dortmund noch immer einen engen Kontakt zum Mainzer Fußballmanager Christian Heidel pflegt, ist es nicht abwegig, dass er seinem Spezi einen Tipp ins Ohr flüsterte, als es um die Nachfolge des amtsmüden Thomas Tuchel ging.

Persönlich sprachen Heidel, Teammanager Axel Schuster und Hjulmand am 14. April dieses Jahres erstmals miteinander. Rasch wurde deutlich: Beide Seiten könnten zueinander passen. Früh musste Hjulmand seine Laufbahn als Spieler wegen einer schwerwiegenden Knieverletzung beenden, wie sein Vorgänger Tuchel verdiente er sich erste Meriten als Jugendtrainer. 2012 führte er den kleinen FC Nordsjaelland überraschend zur dänischen Meisterschaft und in die Champions-League-Qualifikation.

Tempo und Pressing

Hjulmand gilt als akribischer, detailversessener Analytiker, als Trainer, der junge Spieler entwickeln und mit vergleichsweise bescheidenen finanziellen Mitteln etwas aufbauen kann. Vor allem Authentizität und Leidenschaft sind ihm wichtig: "Sage, was du tust, tue, was du sagst. Vertraue dir und dem, was du bist." Und: "Nicht weniger als hundert Prozent ist genug."

Der FC Nordsjaelland verbuchte in den vergangenen beiden Runden in der dänischen Liga den meisten Ballbesitz und spielte die meisten Pässe; die Mannschaft steht für Tempo und Pressing. Das lässt erahnen, welche Art Fußball Hjulmand in Mainz zu praktizieren gedenkt. Das Ajax-Team der achtziger Jahre habe ihn als erstes inspiriert, sagt er, beeinflusst aber habe ihn vor allem Josep Guardiola, bei dem er mehrfach in Barcelona zur Hospitanz weilte.

Gleichwohl, Hjulmand ist nicht nur Idealist, er ist auch Pragmatiker. "Du musst mit den Spielern herausfinden, was für das Team das Beste ist. Deswegen ist es zu früh zu sagen, wo ich meine Fingerabdrücke hinterlassen werde." Mit den Mainzer Profis möchte er eine sehr enge Bindung eingehen. "Du musst wissen, wer sie sind, nur dann kannst du das Beste aus ihnen herausholen."

Abschluss in Kopenhagen und Jacksonville

Hjulmand tropft der Fußball aus den Poren. Nicht umsonst betont Christian Heidel nimmermüde, der Däne passe perfekt zur Vereinsphilosophie des 1. FSV Mainz 05. Und umgekehrt. Er hätte gewiss nicht jedes Angebot aus der Bundesliga angenommen, sagt Hjulmand, doch bei der Offerte aus Mainz habe er nicht lange gezögert; die Leitsätze des Klubs passten perfekt zu den seinen, es sei eine "Entscheidung des Herzens".

Hjulmand besaß in Nordsjaelland einen Vertrag bis zum 30. Juni 2015. Das Arbeitspapier wurde geräuschlos aufgelöst. Er habe seine Karriere nicht geplant. Das Leben, sagt er, führe einen eh in eine andere Richtung. Den gemeinsamen Urlaub mit seiner Frau und den drei Kindern, "den ersten seit 16 Jahren", kann er knicken. Hjulmand ist ein Familienmensch, es fällt ihm schwer, seine Liebsten in Windeseile in ein anderes Land zu verfrachten und sie ihrer sozialen Kontakte zu berauben. Doch man werde sich in Mainz wohlfühlen, da sei er sich sicher.

Dem studierten Sportmanager, der seinen Abschluss in Kopenhagen und Jacksonville bastelte, bleiben nur wenige Tage zum Durchschnaufen. Am 16. Juni beginnt in Mainz das Training für die kommende Runde. Davor gilt es, Kader und Trainerstab betreffende Personalfragen zu klären. Hjulmand scheint weitaus nahbarer zu als sein Vorgänger Thomas Tuchel, der in Mainz ob seiner Arbeit geschätzt, aber nicht geliebt wurde. Gemein ist beiden die Eloquenz. Hjulmand ist der deutschen Sprache mächtig, nur bei kniffligen Fragen weicht er ins Englische aus. Auch linguistisch ist Mainz eine große Herausforderung.

Jürgen Klopp wird die Entwicklung seines neuen Bundesliga-Kollegen gewiss beäugen. "Wenn das klappt, ist Christian Heidel der größte Trainerentdecker Deutschlands", sagte Klopp unlängst der "Allgemeinen Zeitung". Es muss es ja wissen.



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