Gruppe D - Türkei  Süper Imperator

Heißsporn und Volksheld: Fatih Terim prägt den türkischen Fußball seit Jahren. Bei seiner dritten EM-Teilnahme will der Nationaltrainer wieder für Furore sorgen.

AP

Wer in der Türkei nach dem Star der Nationalmannschaft fragt, bekommt meist dieselbe Antwort: Fatih Terim. Auch unter Fachleuten ist der 62-Jährige unbestritten der prägende Macher des türkischen Fußballs der letzten zwei Jahrzehnte. Zum vierten Mal startet die Türkei bei einer Europameisterschaft, das dritte Mal heißt der Trainer Terim.

Der frühere Libero, der lange mit 51 Länderspielen Rekordnationalspieler seines Landes war, wurde 1993 Nachfolger von Sepp Piontek. Kaum in Amt und Würden, brach er offensiv Fronten auf. "Die führen hier alle ein schönes Leben", kritisierte Terim damals die mit viel Geld geköderten deutschen Trainer, für das Fortkommen des türkischen Fußballs hätten sie nach seiner Ansicht nicht wirklich etwas getan.

Terim schickte 600 türkische Trainer in die Provinzen des Landes, um nach Talenten zu suchen - mit Erfolg. 1996 war die Türkei erstmals für die EM qualifiziert. Beim Turnier in England scheiterte die Mannschaft in der Vorrunde. Danach wechselte Terim zu Galatasaray und gewann mit dem Klub sechs Meistertitel. 2000 bescherte ein Finalsieg gegen den FC Arsenal sogar den Uefa-Pokal.

Provokativer Heißsporn

Provokativ aufzutreten, das gehört zu den Charakterzügen Terims. Vor zwei Wochen kassierte sein Team in England bei einer 1:2-Niederlage in der Anfangsphase einen Abseitstreffer durch Harry Kane. Mit einem von seinem Assistenten zusammengeschnittenen Handyvideo protestierte der Trainer eine Viertelstunde später beim Vierten Offiziellen.

Von Zeit zu Zeit verrennt sich der Heißsporn. 2013 hatte er Galatasaray bis in das Viertelfinale der Champions League geführt, doch national handelte er sich eine Strafe von neun Spielen wegen aggressiven Verhaltens ein. Acht Jahre zuvor endete ein Playoff-Spiel um die WM-Qualifikation gegen die Schweiz mit wüsten Rangeleien. Terim, von der "Neuen Zürcher Zeitung" als Anstifter bezeichnet, kam im Gegensatz zum türkischen Verband, einem Assistenztrainer und drei Spielern ohne Strafe davon. Unter Druck trat er allerdings für wenige Tage von seinem Amt zurück.

Euro 2008 als Vorbild

In Frankreich ist das Erreichen der K.o.-Runde das offizielle Ziel. In der Qualifikation verlor die Türkei nach zwei Auftaktpleiten keine Partie mehr. Zum Abschluss schlug Terims Team Island, Tschechien und die Niederlande ohne Gegentor und machte als bester Dritter die Teilnahme zum Turnier perfekt.

Wie bereits 2008 vertraut Terim vor allem Spielern der Süper Lig. Vor acht Jahren bot er im Halbfinale gegen Deutschland in der Startformation mit Hamit Altintop vom FC Bayern nur einen Profi auf, der im Ausland unter Vertrag stand. Erst in der Nachspielzeit gelang Philipp Lahm in Basel das 3:2-Siegtor für die DFB-Elf.

Sieben "Legionäre" standen damals im Aufgebot der Türkei. Nun sind es sechs. Die Bundesliga wird durch Hakan Calhanoglu (Bayer Leverkusen), Yunus Malli (Mainz 05) und Nuri Sahin (Borussia Dortmund) vertreten. Leverkusens Vize-Kapitän Ömer Toprak wurde nicht berücksichtigt. Aus den Top-Ligen Europas ist ansonsten nur Arda Turan vom FC Barcelona dabei.

Terim setzt auf mannschaftliche Geschlossenheit und Disziplin. Der von den Fans ehrfurchtsvoll Imperator genannte Trainer geht dabei keinem Konflikt aus dem Weg. Dass auch er sich manchmal um Gelassenheit bemüht, zeigte er 2008 anlässlich eines Länderspiels in Armenien, dessen Bevölkerung 1915 unter dem brutalen Völkermord des Osmanischen Reiches litt. In einem Grußwort appellierte Terim: "Ich glaube, dass wir mit der Magie des Sports Millionen für eine verständnisvollere und friedlichere Welt gewinnen können. Lasst uns keine Zeit mit alten Gegensätzen, Ängsten und bedeutungslosen Diskussionen verlieren."



insgesamt 4 Beiträge
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kobmicha 07.06.2016
1. Sehr guter neutraler Artikel.
Und wenn mich mein Gefühl nicht Täuscht werden die Türken auch die Vorrunde überstehen. Ich würde mich über eine Partie, Deutschland -Türkei freuen! ..praktisch..Merkel gegen Erdogan...
sojetztja 07.06.2016
2.
"In einem Grußwort appellierte Terim: "Ich glaube, dass wir mit der Magie des Sports Millionen für eine verständnisvollere und friedlichere Welt gewinnen können. Lasst uns keine Zeit mit alten Gegensätzen, Ängsten und bedeutungslosen Diskussionen verlieren." Leider fällt dem Journalisten nicht auf, dass die Umschreibung "bedeutungslose Diskussion" an sich ja schon wieder eine politisch deutliche Aussage gegen die Ansprüche der Armenier auf Anerkennung ihrer Leiden ist. Insofern ist diese Aussage - anders als der Journalist denkt - eben kein Zeichen der "Gelassenheit", sondern genau das Gegenteil davon. Es ist eine geschickt verpackte Breitseite gegen die Armenier. Aber Sportjournalisten müssen ja keine Politikwissenschaftler oder Historiker sein... ;-)
bok 10.06.2016
3. unter einem brutalen
Völkermord lieber Autor versteh ich nicht dass man deportiert wird sondern dass man direkt massakriert wird weil man als herero nicht dem deutschen herrenvolk dienen will. oder dass man erst mal ohne Nahrung sklavenarbeit macht medizinischen Experimenten dient und dann kostengünstig vergast wird.
dieter 4711 10.06.2016
4. Armenische Zivibevölkerung wurd masakriert
Zitat von bokVölkermord lieber Autor versteh ich nicht dass man deportiert wird sondern dass man direkt massakriert wird weil man als herero nicht dem deutschen herrenvolk dienen will. oder dass man erst mal ohne Nahrung sklavenarbeit macht medizinischen Experimenten dient und dann kostengünstig vergast wird.
Lieber bok, die Armenier wurden nicht deportiert, sondern die Zivilbevölkerung wurde masakriert.
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