Türkische Meisterschaft Das grüne Wunder von Bursaspor

In einem Herzschlagfinale durchbrach Außenseiter Bursaspor im Mai die jahrzehntelange Istanbuler Vorherrschaft in der türkischen Süper Lig. Für das Magazin "11FREUNDE" schildert Kapitän Ömer Erdogan das Spiel seines Lebens.
Spieler von Bursaspor: Die Dominanz der Istanbuler Clubs gebrochen.

Spieler von Bursaspor: Die Dominanz der Istanbuler Clubs gebrochen.

Foto: EuroFootball/ Getty Images

Abi, agabey - Bruder, alles Gute, sagt mein Nebenmann und schaut dann zu Trainer Ertugrul Saglam. Nun spricht niemand mehr. Es ist der 16. Mai 2010. An diesem Tag findet das letzte Süper-Lig-Spiel der Saison statt. Wir spielen zuhause gegen Besiktas Istanbul. Wir stehen auf dem zweiten Tabellenplatz, lange Zeit waren wir Erster, doch auf der Zielgeraden hat uns Fenerbahce eingeholt. Nun liegen sie einen Punkt vor uns und treffen zuhause auf Trabzonspor, für die es um nicht mehr als einen versöhnlichen Saisonabschluss geht. Das ist die Ausgangslage. Wir haben keine Chance.

Oft hört man Leute sagen, dass am Ende der Saison doch immer eine Mannschaft aus Istanbul Meister wird. Und für den Fall, dass sich ein anderer Club anschickt, den Titel zu erringen, würden mächtige Strippenzieher im Hintergrund und Schiedsrichter im Vordergrund die Tabelle schon gerade rücken. Moderne Mythen. Allerdings ist es tatsächlich so, dass es seit 1984 nur drei Mannschaften gegeben hat, die Meister wurden: Galatasaray, Besiktas und Fenerbahce. Davor gelang es nur Trabzonspor, diese Hegemonie zu durchbrechen. Seit 1956 geht das so. Sie finden, das klingt langweilig? Nun, es klingt nicht nur so.

Als wir den Rasen des Bursa-Atatürk-Stadions betreten, bleibt mir die Spucke weg. Das Stadion ist geschmückt, riesige Banner hängen von den Dächern auf die Ränge hinab, Ballons an den Streben, das ganze Stadion grün-weiß. Wir umarmen uns, formen einen Kreis, alle sind da, die Ersatzspieler, Co-Trainer, Masseure, Busfahrer. Wir sind eine große Familie. Saglam nimmt mich, seinen Kapitän, zur Seite: "Ich habe den Leuten gesagt, sie sollen das Stadion schmücken, als wären wir Meister geworden. Nicht weil wir es werden, sondern weil ihr es verdient habt. Ihr sollt euch fühlen wie Meister. Ich danke dir!"

Eigentlich glaube ich in diesem Moment keine Sekunde daran, dass Fenerbahce gegen Trabzonspor Punkte lässt. Das Sükrü-Saracoglu-Stadion in Istanbul ist seit Wochen ausverkauft, auf dem Schwarzmarkt werden Karten für 3000 Euro gehandelt. Und der Verein hat bereits einen Festsaal angemietet.

Das eigene Spiel ist Nebensache

Es ist 19.23 Uhr. Der letzte Spieltag läuft seit 23 Minuten. Plötzlich explodiert das Stadion. Wir ahnen, dass Trabzon ein Tor gemacht hat - es läuft traumhaft, denn mit dem nächsten Angriff gehen wir selbst 1:0 in Führung, und kurz vor der Halbzeit fällt das 2:0 durch ein Eigentor von Besiktas' Ibrahim Toraman. In der Kabine sind wir außer uns vor Freude. "Komm runter, komm runter", sage ich mir. Und die Ernüchterung folgt: Fener hatte bereits früh das 1:0 markiert, der Jubel auf den Tribünen galt Trabzons Ausgleichstor. Fener wird sicher noch ein Tor machen, denke ich.

Irgendwann, so um die 70. Minute herum, wird es ruhiger im Stadion. Plötzlich ist es so still wie bei einem Amateurspiel, man kann vereinzelt Rufe hören. Gespenstisch. Verdammt, Fener hat das 2:1 gemacht, schießt es mir durch den Kopf. Ich blicke fragend meinen Trainer an, doch er schaut weg. Keine Ansage zum Ergebnis in Istanbul, das war vor dem Spiel seine Anordnung. Der Ball rollt ins Seitenaus, ich schaue auf die Tribüne und sehe die Menschen gebannt an Radiogeräten lauschen. Unser Spiel ist Nebensache. Noch mal ein Blick, ein kleiner Junge sieht mich, winkt und hebt die Zeigefinger seiner rechten und linken Hand. Zwischen Fenerbahce und Trabzonspor steht es immer noch 1:1. Mein ganzer Körper vibriert. Noch drei Minuten, da macht Ugur Incemann den Anschlusstreffer. Ruhig bleiben, Jungs!

Der Pfiff halt durchs Stadion. Unser Spiel ist ein paar Minuten vor der Partie in Istanbul beendet. Was dort in jenen Minuten passiert, erfahre ich erst später. Als unser Spiel abgepfiffen wird, verkündet der Stadionsprecher im Istanbuler Sükrü-Saracoglu-Stadion das vermeintliche Endergebnis aus Bursa: 2:2. Warum, weiß ich bis heute nicht. Bei diesem Spielstand wäre also Fenerbahce Meister. Die Fener-Fans drehen durch und die Elf verwaltet die letzten Minuten ihr Unentschieden. Der Ball wird mitunter aus der gegnerischen Hälfte zum eigenen Torwart gepasst.

In Istanbul brennen die Sitze

Bei uns im Stadion blocken wir die Journalisten ab. Wir stehen im Mittelkreis ohne Radio, nur unser Präsident Ibrahim Yazici hat eine Telefonverbindung nach Istanbul. Dann reißt er die Arme hoch. Dann Jubel. Dann Chaos. In Bursa drängen die Menschen auf die Straßen, im Stadion stürmen sie den Rasen. Ich erklimme die Tribüne, suche meine Frau und meinen vierjährigen Sohn. Dieses Mal ist aber kein Durchkommen, überall Menschen, frenetisch feiernde Fans, mittendrin Reporter, die versuchen, Wortfetzen als Exklusivinterviews zu verkaufen. Ich bringe meinen Sohn und meine Frau in Sicherheit. Dann flüchte ich in die Kabine und schließe die Tür.

Zur gleichen Zeit in Istanbul, im Stadion: Auch hier rennen die Menschen aufs Spielfeld, die Spieler geben Interviews im Glauben, Meister zu sein. Sie lächeln. Der Bosporus lächelt wie jedes Jahr. Und dann der Schock: Der Stadionsprecher hat das falsche Ergebnis durchgesagt. Es vergehen nur wenige Minuten, schon brennen die Sitzplätze. Die Feuerwehr rückt an. Ein Stadion in rasender Wut. Tobende Fans, enttäuschte Menschen, denen ihr Präsident vor der Saison mit heiligem Ernst versprochen hatte "Wir werden nun dreimal in Folge Meister", und der nun - so war es jedenfalls in der Presse zu lesen - seinen Stadionsprecher verprügelt.

Ich sitze immer noch in der Kabine und habe Angst. Angst davor, dass alles ein Missverständnis war, dass Fener in der Nachspielzeit ein Tor gemacht hat, das die Kommentatoren unterschlugen. Dann kommen meine Mitspieler. Schließlich mein Trainer. Er sagt: "Ich bin stolz auf euch."

Protokoll: Andreas Bock