Türkische Siegesfeiern "Wir sind gestorben und wieder auferstanden!"

Jubel, Trubel, Siegespartys nach der Zitterpartie: Die türkischen Fans feiern den Einzug ihres Teams ins Halbfinale. Deutsche Partyhauptstadt war Berlin - mit Spontanfesten und stundenlangen Hupkonzerten wurde es eine Nacht in rot-weiß. In Wien gab es Ärger mit kroatischen Anhängern.


Wien/Berlin - Sie sind geschminkt, in rot und weiß, haben sich in türkische Nationalflaggen gehüllt - und den langweiligen Teil des Spiels nehmen sie noch vergleichsweise locker: "Hadi", tönt es durch die Reihen, was soviel heißt wie "Auf geht's, macht schon". Schiri und Trainer werden wild beschimpft, ausgelacht und mit Grimassen bedacht. "Allah razi ol sun", "Gott sei dank", wispert und ächzt es durch die Reihen, wenn der türkische Torhüter den Ball der Gegner hält. Bei einem Torversuch der Türken zeigt eine türkische Frau echte Verbundenheit mit dem potentiellen Halbfinalgegner: "Wenn jetzt Ballack geschossen hätte, wäre der Ball drin gewesen." Berlin-Kreuzberg, Zentrum des türkischen Fußball-Spektakels in Deutschland: Zehntausende Fans verfolgten das Spiel gegen Kroatien in unzähligen Cafés und Kneipen, deren Besitzer wie im WM-Sommer 2006 die Meile mit Flatscreens und Leinwänden bepflastert hatten. Bei Sonnenblumenkernen, Tee und Cocktails strömten Tausende Deutsch-Türken vor die Bildschirme auf die Oranienstraße.

Doch dann, als in der 119. Minute das erste Tor für Kroatien fällt, herrscht Totenstille in Kreuzberg. Für Sekunden hört man nur noch die Geräusche der Fernseher, das Rascheln der Snacktüten verstummt. Zweifelnde Blicke zum Bildschirm.

Eine Minute später die Erlösung - die Türkei schießt das Ausgleichstor. Es kommt zum Elfmeterschießen. Die Fans bersten in kollektives Feiern, niemand sitzt oder kauert mehr. Jeder umarmt jeden.

Und nach dem Elfmeterschießen, das die Kroaten deutlich verlieren, rollen sofort die Autokorsos an. Riesige rot-weiße Flaggen flattern aus Fenstern und Schiebedächern. "Bei diesem Spiel sind wir gestorben und wieder auferstanden!", ruft eine Türkin.

"Wie 1. Mai und Neujahr auf einmal"

Die Luft ist voller Nebel, die Fans zünden im Sekundentakt Silvesterknaller - "das hier ist wie 1. Mai und Neujahr auf einmal", sagt eine Passantin.

Im Minutentakt strömen jubelnde Fans mit ihren Autos Richtung Kurfürstendamm. Im Nu sind es Hunderte von Wagen, aus denen die Fans bei geöffneten Fenster ihre Freude in die Stadt hinausschreien.

In den Seitenstraßen hat die Polizei Hundertschaften postiert, um das Gebiet abzusichern - doch am Ende wird die Feierlaune überwiegen. Zur Vorsorge haben die Polizeiwagen ihr Blaulicht eingeschaltet, um die Autokorsos zu bändigen; Berichte über Ausschreitungen oder Verletzte gibt es bis spät in die Nacht keine.

Was die Sieger des Halbfinales angeht, sind die Meinungen keineswegs einheitlich: "Schade für Deutschland", sagt ein junger Türke und grinst, "sie werden verlieren." - "Nein, die Türken werden verlieren", meint eine ältere Frau bedauernd, "und dann wird die Stimmung von jetzt weg sein."

Ob auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg, in der Fanzone in Frankfurt, am Austragungsort Wien oder in der Türkei selbst - überall löste der Sieg über Kroatien Jubelstürme bei den rot-weißen Fans aus.

Hunderttausende kamen nach Mitternacht allein in Istanbul auf die Straßen, um mit Fahnen, Sprechchören und hupenden Autokorsos gemeinsam den Einzug ins Halbfinale zu feiern. Feuerwerkskörper wurden abgefeuert, Schiffe auf dem Bosporus betätigten ihre Signalhörner. Bei Freudenschüssen kam in Gaziantep ein Mann ums Leben, 16 weitere Menschen wurden verletzt.

Der türkische Nationaltrainer Fatih Terim sagte nach dem Sieg, die Türkei könne nun stolz auf ihre Mannschaft sein: "Dieser Sieg ist für uns sehr wichtig."

Raufereien in Wien

In Wien herrschte vor allem im Stadtteil Ottakring Ausnahmezustand. Die Hauptstraße, in dem viele Kroaten und Türken leben, war am Abend für den Verkehr unpassierbar. Anhänger beider Teams hatten dort seit dem Vormittag überwiegend friedlich gefeiert. "Egal wer heute gewinnt, Hauptsache am Ende scheidet Deutschland aus", wurden zwei kroatische und türkische Fans zitiert, die sich verbrüdert hatten.

Um Ausschreitungen zu verhindern, waren 4600 Polizisten im Einsatz. Mehrere kroatische und türkische Beamte unterstützten sie. Gänzlich verhindern konnten sie Randale jedoch nicht. Wie die österreichische Nachrichtenagentur APA berichtete, musste die Polizei die verfeindeten Fangruppen voneinander trennen.

Flaschen und Feuerwerkskörper wurden gegen die jeweils andere Seite und gegen die Polizei geworfen. Auch mit türkischen Flaggen geschmückte Häuser wurden von Kroaten angegriffen. Zuvor, so die Polizei, sei es bereits in der Wiener Fanzone zu Schlägereien zwischen türkischen Fans und Anhängern der schließlich im Elfmeterschießen unterlegenen kroatischen Mannschaft gekommen, hieß es weiter.

Während des Spiels habe es bereits kleinere Raufereien gegeben. "Straßenschlachten waren das bestimmt nicht", sagte ein Sprecher der Polizei. Nach ersten Erhebungen wurden am Abend und in der Nacht zwölf Menschen festgenommen. Es gab in der gesamten Stadt Wien zehn Leichtverletzte und zwei Kreislaufzusammenbrüche.

Auch in Mostar und anderen bosnischen Städten waren die Sicherheitskräfte in Alarmbereitschaft. Um mögliche Gewaltausbrüche zwischen Kroaten und Bosniern zu verhindern, wurde der Boulevard in Mostar, die Frontlinie zwischen den kroatischen und bosnischen Truppen während des Bosnien-Krieges, am Freitag komplett gesperrt.

Dennoch kam es zu Ausschreitungen. Mehrere Dutzend Menschen, darunter vier Polizisten, wurden verletzt, wie Sprecher des örtlichen Krankenhauses bestätigten. Die Polizei setzte Tränengas gegen die Randalierer ein, die sich gegenseitig mit Steinen und Flaschen bewarfen und mehrere Autos und Schaufenster beschädigten. Augenzeugen berichteten auch von Schüssen aus Feuerwaffen. Es wurden keine Angaben über eventuelle Festnahmen gemacht.

amz/fat/sid/ddp/dpa/Reuters



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