Tunesien-Sieg Beruhigungspille für die DFB-Abwehr

Die guten Nachrichten zuerst: Die DFB-Elf ist ins Halbfinale des Konföderationen-Cups eingezogen, hat gegen Tunesien kein Gegentor kassiert und in der letzten Viertelstunde eine hervorragende Leistung gezeigt. Doch die Verbesserung in der Defensive ging zu Lasten eines anderen Mannschaftsteils.

Von , Köln


 Huth umarmt Lehmann: Endlich zu null gespielt
REUTERS

Huth umarmt Lehmann: Endlich zu null gespielt

Robert Huth wollte gar nicht mehr aufhören. Der Abwehrspieler hüpfte und tanzte nach Abpfiff des Spiels über den Rasen des Kölner Rhein-Energie-Stadions und klatschte jeden ab, der ihm über den Weg lief. Erst waren die Mitspieler an der Reihe: Mike Hanke, Per Mertesacker, Bernd Schneider. Doch an der Seitenlinie standen auch noch Betreuer, die geherzt werden mussten. Und ganz am Ende kam sogar DFB-Pressechef Harald Stenger an die Reihe. Huth schwebte auf ihn zu, lächelte und: klatsch. Dann atmete er tief ein und verschwand in die Katakomben.

Man kann Huth verstehen. Der Hüne ist Mitglied der deutschen Nationalverteidigung, die zuletzt keine leichte Zeit hatte. Man kann sogar sagen, dass Huth selbst die schwerste Zeit hatte. Der 20-jährige Verteidiger vom FC Chelsea war in den vergangenen Spielen regelmäßig mit kleineren und größeren Fehlleistungen aufgefallen und so ins Zentrum der gesamten Abwehrdiskussion geraten. Einen statistischen Beleg dafür lieferten sechs Gegentore in drei Spielen.

Fotostrecke

16  Bilder
Tunesien-Länderspiel: Fürstlicher Erfolg, fröhliche Fans

Die Debatte um die Qualität der Hintermannschaft wird nach dem 3:0 (0:0)-Erfolg der deutschen Nationalelf gegen Tunesien und der Qualifikation für das Halbfinale des Konföderationen-Cups zwar nicht sofort aufhören - aber Huth und die Abwehr haben gegen den Afrika-Champion einiges zu ihrer Entlastung vorgebracht.

"Das war schon toll zu sehen, wie Robert Huth nach all dieser Kritik in den vergangenen in dieses Spiel gefunden hat", sagte deshalb auch Jürgen Klinsmann salbungsvoll. Und in der Tat: Huth zeigte über 90 Minuten eine ausgesprochen souveräne Leistung, schaltete mit einer Ausnahme die tunesische Spitze Ziad Jaziri aus - und wurde dafür auch vom Publikum belohnt. Die Kölner Zuschauer bedachten den 1,94-Meter-Mann mit Sprechchören: "Huth, Huth, Huth" schallte es von den Rängen.

Erstmal hinten dicht machen

Zupass kam Huth und Co. an diesem Abend jedoch, dass Klinsmann die Maßgabe erteilt hatte, erstmal hinten dicht zu machen. Die Priorität für die Mannschaft: Passwege zumachen, in Richtung Ball verschieben und schnelle Pässe mitten durch die zuletzt löchrige Viererkette verhindern. Zu diesem Zwecke hatte der Bundestrainer Michael Ballack zurückgezogen - der Kapitän ließ sich bei gegnerischem Ballbesitz neben Torsten Frings fallen, um Klinsmanns Vorgabe, dass die Abwehr bereits im Mittelfeld beginnt, erfüllen zu können.

In den ersten 20 Minuten funktionierte das auch ganz ordentlich. Aus der gesicherten Defensive heraus spielte die DFB-Elf schnell nach vorn, und nach fünf Minuten hatte Asamoah bereits die Chance zur Führung. Podolski hatte den Schalker mit einem Steilpass bedient, doch Asamoah, der allein auf Tunesiens Keeper Ali Boumnijel zulief, zögerte zu lange und scheiterte dann aus spitzem Winkel.

 Heimspiel: Die Kölner Fans stehen auf Podolski
DPA

Heimspiel: Die Kölner Fans stehen auf Podolski

Tunesien kam danach besser ins Spiel. Die Nordafrikaner, die in zwei Partien zuvor nicht gegen Deutschland verloren hatten, waren meist mit zwei Verteidigern beim ballführenden Spieler und schalteten nach Ballgewinn schnell um. Zwar blieben die langen Pässe auf Jaziri meist ohne Wirkung, aber in der 27. Minute wäre Tunesien dann doch beinahe in Führung gegangen. Nach einem Eckball von der rechten Seite war Thomas Hitzlsperger am kurzen Pfosten wie erstarrt, doch Jens Lehmann klatschte den Ball in Volleyballermanier noch aus dem Tor.

Deutsche Angriffsaktionen blieben bis zur Pause meist schon im Ansatz hängen. Die in den vergangenen Partien so schwerelose Offensive litt unter der verstärkten Abwehrarbeit. Podolski wartete in der ersten Halbzeit vergeblich auf flache Zuspiele in den Lauf. Der Stürmer, schnell und robust aber leider nicht allzu groß, wurde stattdessen zu häufig in der Luft angespielt und gewann kein einziges Kopfballduell gegen seinen Schatten Radhi Jaidi. Und Flanken wie die zum 4:2 im Spiel gegen Australien fehlten fast völlig, weil die schnellen Außenverteidiger, besonders der gute Kapitän Hatem Trabelsi, die deutschen Linienspieler Bastian Schweinsteiger und Sebastian Deisler zudeckten. Die erfüllten dafür aber ihre Defensivaufgaben ausnehmend gut und grätschten wie gelernte Verteidiger über den Platz.

Podolskis Last des Alleinunterhalters

Dass am Ende noch ein Sieg mit drei Toren stand, erklärte Ballack später mit einer einfachen Eigenschaft: der Geduld. "Wir haben sehr diszipliniert gespielt und zu keiner Zeit aufgemacht. Man muss auch warten können - und wir sind dafür belohnt worden." Neben der Gelassenheit war es aber vor allem ein Wechsel, der die Entscheidung brachte. Kevin Kuranyi kam für seinen zukünftigen Vereinskollegen Asamoah und entlastete so Podolski, der sich zuvor als einzige Spitze aufgerieben hatte.

Der Kölner Publikumsliebling nutzte den freien Raum in der 73. Spielminute. Von der Strafraumgrenze spitzelte er den Ball zu Ballack, der Wissem Abdi austanzte und nur durch ein Foul gebremst werden konnte. Den fälligen Strafstoß verwandelte der Spielmacher mit seinem zweiten Turniertreffer selbst zum 1:0 - und entschied damit nach eigenen Worten auch die Partie. "Nach dem Elfer wussten wir, dass wir durch sind", so Ballack.

Schweinsteiger, Podolski: Echte Freunde stehen zusammen
REUTERS

Schweinsteiger, Podolski: Echte Freunde stehen zusammen

Auch den zweiten deutschen Treffer bereitete der von der Last des Alleinunterhaltens befreite Podolski vor - mit einem traumhaften Steilpass auf seinen Kumpel Bastian Schweinsteiger. Der Bayern-Profi umspielte Torwart Boumnijel und vollendete dann aus spitzem Winkel in die linke lange Ecke (80.). "Podolskis Vorlage auf Schweinsteiger war schon ein Genuss", sagte Klinsmann später mit einem Lächeln, "da haben sich die beiden mal wieder gesucht und gefunden." 15 Minuten zuvor war das ausnahmsweise einmal anders gewesen. Schweinsteiger hatte den besser postierten Podolski im Strafraum übersehen und selbst geschossen.

Und dann war da noch Mike Hanke. Der 21-Jährige wurde drei Minuten vor dem Ende für Podolski eingewechselt und traf schon zwei Minuten später zum 3:0 (89.). Sebastian Deisler hatte eine seiner wenigen guten Flanken genau auf den Kopf des Stürmers geschlagen. Hanke, für den es das erste Tor im zweiten Länderspiel war, verwertete seine Chance im zweiten Anlauf, nachdem Boumnijel den Kopfball noch pariert hatte.

"Es ist das schwierigste überhaupt im Fußball, offensiv zu spielen und dabei gleichzeitig defensiv sicher zu stehen", hatte Klinsmann-Assistent Joachim Löw vor dem Spiel noch erklärt. Zumindest 15 Minuten lang hatte die deutsche Mannschaft demnach schon mal nahezu perfekt agiert.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.