TV-Rechte im Fußball "Ohne Zentralvermarktung können wir nicht überleben"

Horrorvision Einzelvermarktung: Für die großen Vereine ein Segen, wäre die Einführung eines dezentralen Rechteverkaufs im deutschen Fußball für die kleinen Clubs eine Katastrophe. Zukunft und Existenz hängen dort von den TV-Einnahmen aus einem gemeinsamen Topf ab.

Von und Frieder Schilling


Lars Schauer sagt "Solidargemeinschaft der Vereine", wenn er die zentrale Vermarktung der Fernsehrechte im deutschen Fußball meint. Und wie liebevoll und gleichzeitig ehrfürchtig der Geschäftsführer des FC Energie Cottbus diese Floskel ausspricht, zeigt, wie sehr er noch an dieses Konzept glaubt. 12,45 Millionen Euro hat der FC Energie in der vergangenen Saison an TV-Geldern eingenommen - knapp die Hälfte dessen, was Meister VfB Stuttgart (26,18 Millionen) und der FC Bayern München (25,19 Millionen) an der Spitze der Liga erlöst haben. Ganz andere Dimensionen finden sich in den europäischen Topligen. So kassiert der spanische Spitzenclub Real Madrid pro Jahr 157 Millionen Euro.

TV-Kamera im Berliner Olympiastadion: Je erfolgreicher, desto attraktiver
AP

TV-Kamera im Berliner Olympiastadion: Je erfolgreicher, desto attraktiver

Cottbus liegt am Ende der TV-Rechte-Tabelle, dennoch ist Schauer überzeugt, dass es keine Alternative zur Zentralvermarktung gibt. Für den Verein sei sie "lebenswichtig", sagt Schauer SPIEGEL ONLINE. "Ohne sie könnten wir in der 1. und 2. Bundesliga nicht überleben." Die Frage, ob das Bundeskartellamt die Zentralvermarktung im deutschen Profifußball kippt oder nicht, ist für den Club somit existenziell. Wobei man davon ausgehen kann, dass dieses Schicksal einige der 36 Bundesligisten teilen.

"Lebenswichtig ist die Zentralvermarktung doch für die ganze Liga - bis auf drei, vier Vereine an der Tabellenspitze, die finanziell weitaus besser dastehen", sagt Jörg Hambückers, kaufmännischer Leiter des Zweitligisten Kickers Offenbach. "Wir müssten mit sehr großen Einbußen rechnen, was sich in erster Linie im Spielermaterial auswirken wird. Heraus käme eine sportliche Qualität, mit der man wohl nicht die Klasse halten könnte", so Hambückers zu SPIEGEL ONLINE.

Insgesamt zehn Proficlubs, unter ihnen auch Arminia Bielefeld, Eintracht Frankfurt und der 1. FC Kaiserslautern, lassen ihre Rechte von der Agentur Sportfive vermarkten. Deren Geschäftsführer Thomas Röttgermann sagte SPIEGEL ONLINE: "Tendenziell würde die Einzelvermarktung bedeuten, dass die grossen Vereine des ersten Drittels der Liga vermutlich deutlich mehr erlösen würden, als sie durch die Zentralvermarktung bekommen. Die kleineren Vereine werden in diesem Fall definitiv schlechter gestellt", so Röttgermann. Gleichzeitig rät er: "Vor dem Hintergrund der Wettbewerbsfähigkeit muss es aber nivellierende Elemente geben. Würde es eine dezentrale Vermarktung geben, ist also ein Ausgleichsverfahren zu entwickeln, das die Ähnlichstellung der Vereine - wie bisher - sicherstellt."

Bis zum 19. März müssen die 36 Lizenzvereine zwölf Fragen des Bundeskartellamts zur Vermarktung ihrer Fernsehrechte beantworten. Unter anderem will die Behörde wissen, mit wieviel Aufwand die Einführung der Einzelvermarktung verbunden wäre. Für den Cottbuser Schauer wäre die Mehrbelastung deutlich spürbar - in erster Linie "personell und damit auch finanziell". Dennoch sei "die Lücke im Etat, die eine Einzelvermarktung aufgrund des Rückgangs der TV-Gelder reißen würde, zu groß - da kommt es auf das zusätzliche Personal auch nicht mehr an", so Schauer.

Die Angst geht um bei den kleinen Vereinen. Die Angst vor einer Revolution von außen im Handel mit den TV-Rechten im deutschen Profifußball, beschlossen vom Bundeskartellamt. Nicht ohne Grund eilten DFB-Boss Theo Zwanziger und Ligaverbandspräsident Reinhard Rauball nach Bonn, um sich direkt vor Ort über die Vorgehensweise des Kartellamts zu informieren.

Dabei steht die Bundesliga nahezu geschlossen hinter der Zentralvermarktung. Nur Martin Kind, Präsident von Hannover 96, hat sich bislang für die Einzelvermarktung ausgesprochen. Selbst Bayern-Präsident Karl-Heinz Rummenigge bezeichnet sie als "wichtiges Gut" und fordert lediglich einen "Spagat" zwischen Einzel- und Zentralvermarktung.

Doch auch eine Dezentralisierung in Teilen hätte zumindest für die zweite Bundesliga dramatische Auswirkungen. Die Vereine dort erhalten insgesamt eine Garantiesumme von 86 Millionen Euro jährlich, was durchschnittlich 4,7 Millionen pro Club entspricht - und damit einem Großteil des Etats vieler Vereine.

Die vielgelobte zentrale Vermarktung hat in ihrer jetzigen Form für Schauer jedoch auch Schwächen. Den Energie-Geschäftsführer stört die starke Berücksichtigung abgelaufener Spielzeiten im Verteilerschlüssel. "Warum man drei vorangegangene Spielzeiten neben der aktuellen berücksichtigen muss, verstehe ich nicht", so Schauer.

In Offenbach hingegen gefällt der Status quo: "Wer lange oben steht, hat auch das Recht, mehr zu bekommen, wir finden die leistungsbezogene Komponente dewegen auch gut", so Hambückers. "Außerdem ist das Geld aus dem TV-Erlös immer auch eine Motivation für Mannschaften, für die es in den letzten Spieltagen eigentlich um nichts mehr geht."

So bleibt die Einzelvermarktung zumindest in den kommenden Wochen als Drohkulisse im Raum. Vielleicht könnte die Diskussion jedoch auch ein gutes Ergebnis für die finanzschwächeren Clubs in den deutschen Topligen zur Folge haben: "Die Zentralvermarktung von Medienrechten hat dieselbe Wirkung wie ein Preiskartell", zitiert der "Kicker" Ralph Langhoff, Vorsitzender der 6. Beschlussabteilung des Bundeskartellamtes, dieser Tage aus einem Schreiben an die Proficlubs. Eine Fortführung der Zentralvermarktung sei deshalb nur dann möglich, wenn kleinere Clubs stärker an den TV-Honoraren beteiligt werden. Ein Grund mehr, für die "Lebensversicherung" (Schauer) Zentralvermarktung zu kämpfen.



insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
Kurt Kurzweg 11.03.2008
1. falscher Film?
Zitat von sysopDas Bundeskartellamt prüft die zentrale Vergabe der TV-Rechte. Kleine Vereine zittern vor dem Ende der Solidargemeinschaft - Topclubs hoffen auf zusätzliche Millionen. Die Einzelvermarktung der Medienrechte: Zukunfts- oder Auslaufmodell?
Wenn ich die Summen sehe, um die es hier geht, wird mir schwindelig. Und die Schulen in Deutschland haben nicht einmal das Geld, um die Wände ihrer zerbröselnden Turnhallen zu pönen. Gibt es denn nur noch Idioten in Europa, die ihr Geld den Frensehfuzzies hinterherschmeissen, damit die balltretende Millionäre zu Milliardären machen? Ich glaub',ich bin im falschen Film...
Emperor_Norton, 12.03.2008
2.
Zitat von sysopDas Bundeskartellamt prüft die zentrale Vergabe der TV-Rechte. Kleine Vereine zittern vor dem Ende der Solidargemeinschaft - Topclubs hoffen auf zusätzliche Millionen. Die Einzelvermarktung der Medienrechte: Zukunfts- oder Auslaufmodell?
England - Zentralvermarktung, Italien - Einzelvermarktung (wird in 1/2 Jahren aber auf Gesamtvermarktung umgestellt), Spanien - Einzelvermarktung (Anstoßzeiten können oft nur Stunden vor dem Spiel bekannt gegeben werden, Zuschauerzahlen relativ niedrig, Unsicherheit bei Planungen führt zu weniger Attraktivität bei Sponsoren und Auslandsvermarktung). Da Deutschland nur über eine wirkliche Topmannschaft verfügt (anders als Italien oder Spanien) dürften im Ergebnis französische Verhältnisse einkehren. Wie Lyon kann dann Bayern 7 Jahre am Stück Meister werden. Die Attraktivität und Gesamteinnahmen der Bundesliga würden sinken und Bayern wird wie Lyon international nichts mehr reißen - und sich dann darüber beklagen, dass sie international nicht mehr mithalten können weil sie in der Bundesliga nicht gefordert würden.
Polar, 12.03.2008
3.
Zitat von Kurt KurzwegWenn ich die Summen sehe, um die es hier geht, wird mir schwindelig. Und die Schulen in Deutschland haben nicht einmal das Geld, um die Wände ihrer zerbröselnden Turnhallen zu pönen. Gibt es denn nur noch Idioten in Europa, die ihr Geld den Frensehfuzzies hinterherschmeissen, damit die balltretende Millionäre zu Milliardären machen? Ich glaub',ich bin im falschen Film...
Ja, ich geb´s zu, ich bin einer der Idioten, die 20 € im Monat für den Empfang der Buli im TV opfern. Okay, ich werde ab jetzt die 20 €, die ich NACH Steuern und NACH Sozialversicherungsbeiträgen und INKLUSIVE Umsatzsteuer für MEIN Freizeitvergnügen opfere, meinen Lokalpolitikern und der Verwaltung hinterherwerfen, damit die Instandhaltungsarbeiten damit ausführen können. Natürlich können sie damit aber auch weiterhin "Kunstwerke" aufstellen, Haltestellenhäuschen im XXXL-Format bauen, ungenutzte Mitfahrerparkplätze betonieren oder sonstwie jeden Unfug anstellen, der ihnen in den Sinn kommt. Zur Ausgangsfrage: ja, natürlich darf die Zentralvermarktung kein Auslaufmodell sein!!! Spochtliche Grüße Polar
icaros, 12.03.2008
4.
Zitat von Kurt KurzwegWenn ich die Summen sehe, um die es hier geht, wird mir schwindelig. Und die Schulen in Deutschland haben nicht einmal das Geld, um die Wände ihrer zerbröselnden Turnhallen zu pönen. Gibt es denn nur noch Idioten in Europa, die ihr Geld den Frensehfuzzies hinterherschmeissen, damit die balltretende Millionäre zu Milliardären machen? Ich glaub',ich bin im falschen Film...
Ja, mich zum Beispiel, und ich halte mich auch nicht für einen Idioten. Übrigens kein netter Umgangston, den Sie da pflegen. Ich bin nun mal an Fußball interessiert, also zahle ich auch dafür. Zumindest solange es einigermaßen im Rahmnen bleibt. Es wird ja keiner dazu gezwungen, und jeder hat sicher seinen eigene Grenze. Wenn sie nichts für Fußball ausgeben wollen, dann tun sie es halt nicht. Ich kann ihre Aufregung in so fern nachvollziehen, daß ich auch der Meinung bin das so manche Profis zuviel verdienen. Aber die Fußballer sind sicher nicht schuld, wenn in Schulen kein Geld mehr für Wandfarbe da ist. Außerdem kann ich mich auch nicht erinnern das die Bundesliga für Massenentlassungen verantwortlich ist, im Gegensatz zu so manchem angeblichen Top-Manager, der übrigens ein Vielfaches eines Fußballprofis verdient. Auch wenn Sie offensichtlich kein Fußballfreund sind, müssen sie wohl zugeben das Geld durchaus auch schon sinnloser vernichtet wurde. Hier sei vielleicht noch an die aktuelle Bankenkrise erinnert, mit der Kohle hätte man Schulen nicht nur mit Farbe versorgen können sondern wahrscheinlich hunderte neu bauen können. Wie dem auch sei, bitte sparen Sie es sich in Zukunft anders denkende als Idioten zu bezeichenen. Und um nicht zu Off-Topic zu werden: Obwohl ich Bayern-Fan bin sollte man die Zentralvermarktung beibehalten. Die Einzelvermarktung führt letzten Endes dazu, daß die Schere zwischen reichen und armen Vereinen noch weiter auseinander klafft als sie es eh schon tut. Und wenn die großen Vereine irgendwann keine halbwegs konkurrenzfähigen Gegner mehr haben ist niemanden damit gedient. Und ich denke auch das die bayern auch jetzt schon eine Mannschaft haben mit der sie die Champions League gewinnen können, trotz Zentralvermarktung. Also gilkt für mich auch nicht das Argument der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.
Polar, 12.03.2008
5.
Zitat von icarosJa, mich zum Beispiel, und ich halte mich auch nicht für einen Idioten. Übrigens kein netter Umgangston, den Sie da pflegen. Ich bin nun mal an Fußball interessiert, also zahle ich auch dafür. Zumindest solange es einigermaßen im Rahmnen bleibt. Es wird ja keiner dazu gezwungen, und jeder hat sicher seinen eigene Grenze. Wenn sie nichts für Fußball ausgeben wollen, dann tun sie es halt nicht. Ich kann ihre Aufregung in so fern nachvollziehen, daß ich auch der Meinung bin das so manche Profis zuviel verdienen. Aber die Fußballer sind sicher nicht schuld, wenn in Schulen kein Geld mehr für Wandfarbe da ist. Außerdem kann ich mich auch nicht erinnern das die Bundesliga für Massenentlassungen verantwortlich ist, im Gegensatz zu so manchem angeblichen Top-Manager, der übrigens ein Vielfaches eines Fußballprofis verdient. Auch wenn Sie offensichtlich kein Fußballfreund sind, müssen sie wohl zugeben das Geld durchaus auch schon sinnloser vernichtet wurde. Hier sei vielleicht noch an die aktuelle Bankenkrise erinnert, mit der Kohle hätte man Schulen nicht nur mit Farbe versorgen können sondern wahrscheinlich hunderte neu bauen können. Wie dem auch sei, bitte sparen Sie es sich in Zukunft anders denkende als Idioten zu bezeichenen. Und um nicht zu Off-Topic zu werden: Obwohl ich Bayern-Fan bin sollte man die Zentralvermarktung beibehalten. Die Einzelvermarktung führt letzten Endes dazu, daß die Schere zwischen reichen und armen Vereinen noch weiter auseinander klafft als sie es eh schon tut. Und wenn die großen Vereine irgendwann keine halbwegs konkurrenzfähigen Gegner mehr haben ist niemanden damit gedient. Und ich denke auch das die bayern auch jetzt schon eine Mannschaft haben mit der sie die Champions League gewinnen können, trotz Zentralvermarktung. Also gilkt für mich auch nicht das Argument der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.
Hey Icaros! Ich seh´ schon: zwei Stühle - eine Meinung!
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