TV-Rechte-Poker Disney greift nach der Bundesliga

Eben noch Gerücht, jetzt Gewissheit: ESPN wird sich um die Pay-TV-Rechte der Fußball-Bundesliga bewerben. Der Disney-Sender wird zu einer gefährlichen Konkurrenz für den Platzhirsch Premiere - und er will weltweit angreifen. Auch die Sportschau droht zu kippen.
Von Daniel Bouhs

Vor ein paar Wochen schien die Sache klar zu sein: Fußballfans würden in Deutschland Bundesliga-Kicks auch künftig entweder live auf dem Pay-TV-Kanal Premiere verfolgen oder sich, wenn sie sich die Abo-Gebühren sparen wollten, mit den ersten Zusammenfassungen in der "Sportschau" zufriedengeben müssen.

Eigentlich sollte es nur noch um die vergleichsweise nebensächliche Frage gehen, wann genau die ARD denn die ersten Bilder aus den Begegnungen zeigen darf.

Doch die Dinge haben einen anderen Lauf genommen, als die Branche je hätte ahnen können. Denn plötzlich ist es offener denn je, wer nach der Ausschreibung der TV-Rechte für die Saison 2009/2010, die an diesem Freitag beginnt, die Bundesliga zeigen wird.

Schuld an den Irritationen ist zum einen Premiere selbst. Der Münchner Konzern musste erst Anfang Oktober einräumen, jahrelang seine wichtigsten Zahlen nicht korrekt angegeben zu haben. Konkret hat der Sender seine Kundenzahlen drastisch nach unten korrigiert: Statt den stets angegebenen deutlich mehr als drei haben nicht einmal zweieinhalb Millionen Deutsche Premiere abonniert.

Damit hat sich der Bezahlsender angreifbar gemacht, denn die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und die Sponsoren suchen bei der Vergabe der Live-Rechte nicht nur das große Geld. Sie müssen die Masse erreichen. Letztlich geht es auch darum, dass möglichst viele Zuchauer die Banden- und Trikotwerbung sehen.

Während Premiere bis zuletzt damit hätte punkten können, der einzige ernstzunehmende Pay-TV-Anbieter in Deutschland zu sein, ist auch hier die Ausgangslage heute eine andere: Denn aus dem Gerücht, der US-Sender ESPN, hinter dem der mächtige Disney-Konzern steht, wolle in den Bieterkampf einsteigen, ist Gewissheit geworden. Wie SPIEGEL ONLINE aus dem amerikanischen Sender erfuhr, denkt ESPN daran, ein eigenes deutsches Angebot zu starten.

ESPN ist bereits bei den Kabelbetreibern eingespeist

Der in Bristol (US-Bundesstaat Connecticut) angesiedelte Sender ist bereits in etwa 100 Ländern aktiv. Allein der Firmenslogan "The Worldwide Leader in Sports" (Weltmarktführer im Sport) zeigt die Ambitionen. Diese gehen nämlich deutlich über den heimischen US-Markt hinaus. Hierzulande ist der Sender ohnehin bereits bei den wichtigsten Kabelanbietern wie Kabel Deutschland, Kabel BW und Unity Media eingespeist: ESPN Classics zeigt historische Begegnungen des US-Sports.

Klappt alles, sollen dort bald nicht mehr nur Spiele der American-Football-Liga NFL sondern auch der Bundesliga zu sehen sein – live natürlich. Dabei ist der Zeitpunkt für ESPN äußerst günstig: Premiere hat mit seinem internen Zahlendebakel die Fußballwelt geschockt. Die Fußball-Liga und die angeschlossenen Sponsoren suchen aber gerade jetzt, da ihr ursprüngliches Vermarktungsmodell mit dem einstigen Medienmogul Leo Kirch gescheitert ist, vor allem Verlässlichkeit.

ESPN wiederum ist längst eine weltweite Marke für Sportfernsehen. Und das Sportnetzwerk ist auch bekannt dafür, vor hohen Investitionen nicht zurückzuschrecken.

Weil gleichzeitig aber der australisch-amerikanische Medienmogul Rupert Murdoch bei Premiere die Kontrolle übernommen und Mitte Oktober erst einmal alle Führungspositionen mit eigenen Vertrauten neu besetzt hat, ist auch das absehbar: Murdoch hat gar keine andere Chance, als im anstehenden Bieterwettbewerb viel Geld in die Hand zu nehmen. Denn sollte Premiere am Ende ohne die Bundesliga dastehen, wäre der Sender plötzlich ohne sein Premiumprodukt - und damit wohl am Ende. Bei Filmen und Serien haben sich die Münchner nämlich nicht ausreichend Exklusivrechte gesichert, um ohne Fußball neue Kundschaft locken zu können.

Warum Sat.1 zur Konkurrenz für die ARD wird

Weil es für Premiere also in den nächsten Wochen ums Überleben geht, ESPN aber willens ist, in den deutschen Markt einzusteigen, wird sich am Ende die Fußball-Liga freuen können: Für die Live-Rechte, die in jedem Fall an das Bezahlfernsehen gehen sollen, darf mit hohen Summen gerechnet werden. 205 Millionen Euro zahlt Premiere derzeit pro Saison. Es dürften weit mehr werden.

Sat.1 baut bereits eine eigene Sportredaktion

Gleichzeitig muss die ARD fürchten, sich nicht mehr das Recht sichern zu können, als erster im frei empfangbaren Fernsehen über die Spiele berichten zu dürfen. Denn auch folgendes nicht unrealistisches Szenario ist im Gespräch: Murdochs Premiere könnte sich gleich alle TV-Rechte sichern und das sogenannte Erstverwertungsrecht für die Zusammenfassungen an einen Privatsender weiterreichen. Vor allem Sat.1 scheint hier vorstellbar. Der Sender hatte zwischen 1992 und 2003 mit dem reinen Bundesliga-Magazin "ran" großen Erfolg, obwohl der Sendung immer wieder vorgeworfen wurde, den Sport zu einer Show zu machen. In den vergangenen Jahren fehlte Sat.1 dann die finanzielle Kraft, dabeizubleiben. Sat.1 hat sich nun ebenfalls die Ausschreibungsunterlagen schicken lassen.

In der ARD bangen sie nun nicht nur um die Zuschauer, die Fußball zieht. Die Sportredaktionen denken an ein ganz anderes Problem: Was sollten die auf die einzelnen Landessender wie WDR und SWR verteilten Sportreporter eigentlich tun, wenn ihnen die Bundesliga verlorengehen sollte? Zuletzt hat die ARD ja erst entschieden, die Tour de France nicht mehr mit dem bisherigen großen Aufwand zu begleiten.

Würde jetzt auch Fußball eine Sparberichterstattung, weil die Rechte fehlten, müssten etliche ARD-Mitarbeiter Däumchen drehen. Und auch das passt ins Bild: Sat.1 hat erst vor wenigen Tagen erklärt, der Sender baue wieder eine eigene Sportredaktion auf, hat er doch unter anderem wieder Champions-League-Begegnungen im Programm.

Ein Modell mit vier verschiedenen Anstoßzeiten

Für den Großteil der Fußballfans dürfte es freilich egal sein, ob sie letztlich weiter die "Sportschau" oder bald doch wieder "ran" einschalten. Die Sendungen unterscheiden sich in ihrer nach Emotionen gierenden und mit Werbung gespickten Machart nur unwesentlich. Ein öffentlich-rechtliches Profil ist in der "Sportschau" in der reinen Spielberichterstattung jedenfalls nicht zu erkennen.

Den Zuschauer wird letztlich viel mehr interessieren, wann er seine Spiele denn künftig wird sehen können. Im Gespräch ist derzeit vor allem ein Modell mit vier verschiedenen Anfangszeiten: ein Spiel am Freitag um 20.30 Uhr, fünf Partien am Samstag um 15.30 Uhr und eine Begegnung um 18.30 Uhr sowie am Sonntag eine Partie um 15.30 und eine um 17.30 Uhr.

Das würde aber bedeuten, dass "Sportschau" oder auch "ran" gegen ein Samstagspiel senden müssten. Viele Fußballanhänger wären dann im Stadion, in der Kneipe oder bei mit Pay-TV ausgestatteten Freunden. Ein ARD-Sprecher betonte deshalb im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE auch, dass damit "der Wert der Erstverwertungsrechte erheblich sinken würde".

Bei den Rahmenbedingungen von vor ein paar Wochen hätte dieses Argument für die ARD noch als Trumpf getaugt, weniger Geld zu zahlen. Jetzt nicht mehr. Konkurrenz belebt nicht nur das Geschäft. In diesem Fall erhöht sie auch die Preise.

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