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12. August 2010, 15:49 Uhr

U-21-Blamage auf Island

Sammers Scherbenhaufen

Von David Kluthe

Die deutsche U-21-Nationalmannschaft ist in der Qualifikation für die EM 2011 in Dänemark kläglich gescheitert. Auch die Olympischen Spiele 2012 in London finden ohne den amtierenden Europameister statt. Bundestrainer Joachim Löw fordert eine Aufarbeitung durch die Verantwortlichen.

Nicht die Kapitänsfrage, nicht die Torwartdiskussion und auch nicht der Terminstreit mit den Trainern der Bundesliga standen rund um das DFB-Testländerspiel in Kopenhagen im Vordergrund. Am meisten Brisanz hatten am Mittwochabend die Fragen, die Bundestrainer Joachim Löw zum Scheitern der U-21-Nationalelf beantworten musste.

Mit einer 1:4-Niederlage auf Island verspielte der DFB-Nachwuchs seine letzte Chance auf die EM 2011 in Dänemark und Olympia 2012 in London. Weder den Spitzenreiter Tschechien noch den Tabellenzweiten Island können die Deutschen noch einholen. Die Leistung des Teams - unterirdisch. Kampflos hat man sich der Blamage ergeben.

Die Verantwortung für dieses Desaster trägt zunächst einmal der Trainer, Rainer Adrion. Doch nicht nur der Coach, auch Sportdirektor Matthias Sammer, zuständig für die DFB-Jugend, zählt zu den Verlierern der Blamage von Hafnarfjördur.

"Das Resultat ist nicht zufriedenstellend und hat alle überrascht und enttäuscht", sagte Löw nach dem 2:2 seiner Mannschaft gegen Dänemark. "Das werden wir in den nächsten Tagen überarbeiten und wird intern beim DFB sicher ein Gesprächsthema sein." Sammer hingegen warnte vor Hektik und Aktionismus: "Wir müssen eine seriöse Analyse der Geschehnisse vom ersten bis zum letzten Tag vornehmen. Dafür muss man sich Zeit nehmen", sagte er. "Erfolge und Misserfolge haben immer eine gewisse Ursache."

Welch Talfahrt des DFB-Nachwuchses nach dem Gewinn der Europameisterschaft 2009 - "das sollte eine Art Neuanfang werden, aber durch eigene Nachlässigkeiten ist dieses Horror-Ergebnis zustande gekommen", sagte Adrion. Stellungsfehler der bundesligaerfahrenen Marcel Schmelzer oder Mats Hummels, ein abenteuerlicher Ausflug von Torwart Tobias Sippel und ein katastrophaler Fehlpass von Stefan Reinartz: Drei der vier Gegentore schenkte sich die deutsche Mannschaft selbst ein.

Stavanger, Reading und Kopavogur

Das alles auf die fehlenden WM-Stars Mesut Özil, Manuel Neuer oder Sami Khedira zu schieben, die 2009 beim 4:0-Endspieltriumph der U-21-EM in der Mannschaft standen und anschließend bei Löw zu festen Größen im A-Team wurden, wäre jedoch zu einfach. Mit Hummels, Kevin Großkreutz (beide Borussia Dortmund), Benedikt Höwedes (Schalke 04), Reinartz (Bayer Leverkusen) oder Philipp Bargfrede (Werder Bremen) hatte Adrion auch in Island etliche Leistungsträger von deutschen Top-Clubs zur Verfügung. Islands Torschützen dagegen kicken bei Viking Stavanger, FC Reading, AZ Alkmaar und Breidablik Kopavogur.

Beim VfB Stuttgart ermöglichte Adrion als Nachwuchscoach Spielern wie Kevin Kuranyi, Mario Gomez, Aliaksandr Hleb oder Timo Hildebrand den Sprung in den Profibereich. Bei der U21 blieb er bislang wirkungslos. "Wir haben unsere Ziele nicht erreicht. Damit habe ich meine Ziele auch nicht erreicht", sagte der 56-Jährige der "Bild"-Zeitung. "Ich kann nicht sagen, ob ich nach der Qualifikation noch im Amt bin."

Sein Verbleib hängt in erster Linie von Löw und Sammer ab.

Sammer hatte sich als Sportdirektor stets als strategischen Vordenker im Jugendbereich in Position gebracht. Im Kompetenzstreit mit Löw und Teammanager Oliver Bierhoff um die U21 hatte er mehr Verantwortung gefordert. Er finde es "problematisch, wenn die sportliche Verantwortung getrennt ist." Auch mit dem Amt des Bundestrainers wurde er kurzzeitig in Verbindung gebracht, als die Vertragsverhandlungen zwischen Löw und Bierhoff mit dem DFB zu scheitern drohten.

Verlierer im Kompetenzstreit

Nun steht der 43-Jährige vor einem Scherbenhaufen. Die Position von Löw und Bierhoff ist nach der erfolgreichen WM so stark wie nie zuvor. Im Gezerre um die U21 musste sich Sammer mit einem für ihn unbefriedigenden Kompromiss zufrieden geben - er erhielt lediglich den administrativen Bereich. Löw und Bierhoff haben jetzt das Sagen, wenn es um sportliche Fragen geht. So kann Löw weiterhin den U-21-Cheftrainer, die Spielphilosophie und jede Spielerberufung bestimmen. Die deutlichen Worte, die Löw am Mittwoch in Richtung U-21-Team schickte, dürften eine Kampfansage an Sammer sein - wobei auch Löw durch das Islandspiel angeschlagen ist. Adrion, der glücklose Coach, war Löws Wunschkandidat, als er vor einem Jahr installiert wurde.

Nur ein Jahr, nachdem Adrion seinen Vorgänger Horst Hrubesch als U-21-Coach ablöste, steht die Zukunft der Schnittstelle zwischen Nachwuchs und A-Nationalmannschaft zur Diskussion. Sammer hat jahrelang daran gearbeitet, sich beim DFB eine Position als strategischer Vordenker und Gegenpol zum Machtzentrum Löw/Bierhoff zu verschaffen.

Ein einziger trister Abend auf Island dürfte diese Arbeit zunichte gemacht haben.

mit Material von sid/dpa

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