U-21-Pleite Räumung des Talentschuppens

Die U-21-Nationalmannschaft ist bei der Europameisterschaft in Israel früh gescheitert - in der Vorrunde kam das Aus. Dabei wollte Deutschland um den Titel mitspielen. Doch die Pleite war vorhersehbar: Zu viele Jungstars hat Bundestrainer Löw für seine DFB-Elf abgezogen.

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Aus Netanja berichtet


Es dauerte nicht lange, dann wurde sie gestellt, diese eine Frage: die Frage nach der Zukunft von Rainer Adrion, dem Trainer der deutschen U-21-Nationalmannschaft. Adrion atmetet tief durch, er sammelte sich und sagte dann: "Ich habe einen Vertrag, der noch über ein Jahr läuft, der erst vor kurzem verlängert wurde. Und ich möchte den Vertrag erfüllen und die neue Mannschaft aufbauen, die sich dann für 2015 qualifizieren soll."

Die Fragen nach der Zukunft Adrions waren unausweichlich geworden an diesem Sonntag in Netanja. Die deutsche U21 war ausgeschieden nach einem 0:1 gegen Spanien, ein spätes Tor von Alvaro Morata bedeutete das Ende aller Titelambitionen. Das frühe Aus ist damit perfekt, das letzte Spiel gegen Russland ist bedeutungslos. Doch, so versprach Kapitän Lewis Holtby: "Wir werden uns nicht blamieren."

Eine Blamage ist das Ausscheiden in einer Gruppe mit dem Titelfavoriten Niederlande, gegen die die Deutschen im ersten Match mit 2:3 in einem knappen Spiel unterlagen, und den spanischen Kurzpass-Artisten nicht. Und dennoch hat Adrion schlechte Argumente zur eigenen Verteidigung. Der Titel war als Ziel ausgegeben worden, und nicht wenigen ist auch noch das Scheitern in der Qualifikation für die EM 2011 in lebhafter Erinnerung, als die deutsche Mannschaft gegen Island mit 1:4 eine Niederlage von historischem Ausmaß hinnehmen musste.

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Und so geriet der Trainer in der Nacht zu Montag schnell in die Defensive: Hatte er etwas falsch gemacht gegen die Spanier? Es war ja ein typisch spanischer Sieg, mit einem extrem hohen Anteil an Ballbesitz und einem späten Tor, der alten Torero-Taktik, mit der der Gegner müde gespielt und dann die Entscheidung gesucht wird, wenn die Konzentration nicht mehr in vollem Umfang da ist. Die 86. Minute bedeutete das Aus.

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Unterbinden könne man das nicht, sagte Adrion, dafür sei die Klasse dieser Mannschaft zu groß. Und es hat einen Grund, warum die Klasse so groß ist. Sie haben Spieler wie Cristian Tello vom FC Barcelona oder Isco, den Spielmacher aus Málaga, in ihren Reihen. Die besten Deutschen dagegen spielen im A-Team, der Dortmunder Ilkay Gündogan, André Schürrle, oder der Schalker Julian Draxler, der sich zuletzt noch beim bedeutungslosen 3:4 gegen die US-Boys in Washington zeigen durfte.

Alle Kraft der deutschen A-Mannschaft

Doch bringen solche Freundschaftsspiele einen jungen Fußballer weiter? Adrion wich bei dieser Frage aus. Er verwies darauf, dass Bundestrainer Joachim Löw seine klaren Vorstellungen mit der Mannschaft habe, und darauf, dass die Strategie, alle Kräfte auf die A-Mannschaft zu bündeln, abgesprochen sei. "Für den Jogi Löw war es wichtig, diese jungen Spieler dabei zu haben, um sie im Rahmen der A-Nationalmannschaft zu integrieren."

Noch einmal wird nachgehakt: Welche Ansicht vertreten Sie denn als Trainer, was bringt einem jungen Fußballer mehr? Da wurde Adrion dann doch präziser: "Junge Spieler bringt natürlich am meisten weiter, wenn sie sich mit den Besten messen, auf ganz, ganz hohem Niveau. Und sicherlich ist für jeden jungen Spieler so ein Turnier ein Highlight. Wenn man dann die Sache richtig annimmt und sich mit der Zielsetzung identifiziert, mit der Mannschaft, dann kann man aus einem Turnier viel lernen."

Damit vertritt der Coach eine andere Auffassung als Löw - obschon sich ein solches Turnier auch unmittelbar auf die A-Nationalmannschaft auswirken würde. Es ist erst ein paar Jahre her, als Matthias Sammer, seinerzeit DFB-Sportchef, Siegermentalität und Spitzenleistungen einforderte von allen Juniorenteams. Gelänge dies nicht, so seine Botschaft, dann sähe es düster aus für die Zukunft des A-Teams im europäischen Vergleich. Dann verschwand Sammer nach langen Diskussionen um Zuständigkeiten aus dem DFB und ging zum FC Bayern.

Robin Dutt wurde Sammers Nachfolger als Sportchef, und auch der ist schon Geschichte, er unterzeichnete kürzlich in Bremen einen Vertrag als Cheftrainer. Auch er erkannte offenbar, dass ein quasi kompetenzloser Sportdirektor wenig ausrichten kann, wenn der A-Bundestrainer das letzte Wort beim Zugriff auf Talente hat.

So scheint den Deutschen nach dem Titelgewinn von 2009 die Linie verlorengegangen zu sein. Das Aus von Netanja ist das Ergebnis davon.



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fusselsieb 10.06.2013
1. zu einfach
Die deutsche Mannschaft war hoffnungslos unterlegen. Die Abwehr ein Hühnerhaufen. Es hätte auch eine zweistellige Niederlage werden können. Die Defizite sind Ballannahme, Halten und Weiterleitung. Leider hat die A-Nationalmannschaft in der Abwehr die gleichen Probleme. Wenn das eine Strategie sein soll, dann muß man auch das Löw Konzept hinterfragen. Der Unterbau des deutschen Fußballs ist zu groß, als das man sagen könnte, da wurden zu viele Talente von Löw abgezogen. Gerade die A-Nationalmannschaft hatte genug Zeit um solche Niederlagen wie gegen die USA oder das 4:4 gegen Schweden zu verhindern.
Stelzi 10.06.2013
2. Blame the Jogi
"Damit vertritt der Coach eine andere Auffassung als Löw - obschon sich ein solches Turnier auch unmittelbar auf die A-Nationalmannschaft auswirken würde." Ja und? Wirkt sich die Teilnahme an Spielen mit der A-Nationalmannschaft etwa nicht auf den Spieler UND die A-Nationalmannschaft aus?
Superman44 10.06.2013
3. Jetzt müssen Köpfe rollen!
Unentschuldbare Niederlage, einfach nur peinlich! Der verantwortliche Trainer sollte ohne weiteres Federlesen entlassen werden! Wer so eine Gurkentruppe nominiert, hat wirklich alles falsch gemacht! Den Moritz Leitner nicht mitzunehmen ist Ausdruck völligen Unvermögens. Man sollte ein paar Looser aus der A-Mannschaft (Boateng, Badstuber, Schürrle) direkt zur u21 schicken, jetzt ist die Chance da den Laden aufzuräumen!
joey55 10.06.2013
4.
Es mutet schon reichlich komisch an, wenn man der U21 erst die besten Spieler nimmt und dann nach dem Ausscheiden den Trainer, der sich nicht wehren konnte, den schwarzen Peter zuschiebt. Man sollte beim DFB nicht den Fehler machen und wieder nur auf die A-Nationalmannschaft schauen. Zu der Ausbildung, die ja als Hauptprämisse der U21 genannt wird, gehören auch Spiele auf Wettkampfebene. Hier kann man ganz andere Erfahrungen sammeln als bei Freundschaftsspielen gegen Ecuador und die USA. So leidet der DFB noch einmal unter der sinnlosen USA-Reise.
buenaire82 10.06.2013
5. Der eigentliche Skandal...
... ist ja, dass Löw Horst Hrubbesch nach dem Titelgewinn 2009 abgesägt hat, seine Meinung: der spielt altmodischen Fußball, er kann das nicht (zwar hat er gerade einen Titel gewonnen und damit mehr Erfolg als Löw bisher, aber gut). Und die Hauptprobleme der Mannschaft 2013 lagen einmal im mentalen Bereich und zweitens in der aberwitzig neu zusammengewürfelten Abwehr. Adrion ist wie Löw ein Taktikfuchs, ohne jede Ahnung von eben Siegermentalität und mentaler Stärke - wer davon reden muss, hat sie nicht. Das ist nur traurig und man kann nur hoffen, dass die Leidenszeit nach 2014 endlich vorbei ist und ein Trainer wie Klopp den Laden übernimmt (dann bitte mit Sammer als Sportchef, man darf ja mal träumen)
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