Alexander Nübel im U21-EM-Finale So wie einst Oliver Kahn

Die deutsche U21 verliert das EM-Finale gegen Spanien, weil einer der Besten patzt: Torwart Alexander Nübel unterläuft ein Fehler wie Oliver Kahn im WM-Finale 2002. An der positiven Turnierbilanz ändert das nichts.

Deutschland Nummer eins, Alexander Nübel, verursachte das 2:0 für Spanien durch Dani Olmo
Miguel MEDINA / AFP

Deutschland Nummer eins, Alexander Nübel, verursachte das 2:0 für Spanien durch Dani Olmo

Von


Szene des Spiels: Alexander Nübel ist vielleicht der talentierteste Spieler der deutschen U21-Nationalelf. Der Schalker Torwart hielt Deutschland im Halbfinale gegen Rumänien mit einer sensationellen Parade im Spiel. Nun, im Finale gegen Spanien, unterlief dem 22-Jährigen ein schlimmer Fehler, der die Niederlage besiegelte. Einen eigentlich harmlosen Schuss von Fabián konnte Nübel nicht fangen. Dani Olmo staubte zum 2:0 ab. Jene Szene erinnerte an den Torwartfehler von Oliver Kahn im WM-Finale 2002 gegen Brasilien, als Ronaldo traf. Nur halt eine Nummer kleiner.

Nübel weinte nach dem Schlusspfiff. U21-Trainer Stefan Kuntz aber machte ihm Mut: "Wenn er jetzt eine Karriere macht wie Oli Kahn, dann ist alles gut."

Das Ergebnis: Deutschland verlor 1:2 (0:1) gegen Spanien. Hier geht es zum Spielbericht.

Erkenntnis des Spiels: Es ist ein bitteres Zahltag-Wochenende für den deutschen Fußball: Nachdem sich am Samstag die Schwedinnen für die Finalniederlage bei den Olympischen Spielen 2016 gegen Deutschland revanchierten, taten es am Sonntag die Spanier für die Endspielpleite bei der U21-EM 2017. Verloren hat Deutschland dieses EM-Finale, weil die Elf von Trainer Kuntz fast eine Hälfte lang zu ängstlich auftrat, ihre Chancen zu wenig nutzte - und mit Nübel einen tragischen Helden hatte.

Erkenntnis des Turnier: Der deutsche Fußball hat sich trotz der Finalniederlage nicht in einem desolaten Zustand präsentiert, wie es nach dem Vorrunden-Aus der A-Elf bei der WM 2018 von vielen Beobachtern auf Jahre hinaus befürchtet wurde. 15 Tore in fünf Partien, dazu die zweite Finalteilnahme in Serie, das konnte sich sehen lassen. Die Kuntz-Elf hat die Erwartungen bei diesem Turnier eher übertroffen.

Die deutschen Spieler waren nach dem Spiel sichtlich enttäuscht.
Alberto Lingria/REUTERS

Die deutschen Spieler waren nach dem Spiel sichtlich enttäuscht.

Nachschub für Löw? Eine neue "Goldene Generation" wie 2009, als das Team um Mesut Özil und Manuel Neuer U21-Europameister wurde und fünf Jahre später Weltmeister in Brasilien, hat in Italien aber nicht vorgespielt. Der neue, hoffnungsvolle Jahrgang 1996 ist bereits Teil der A-Elf und wird angeführt von Leroy Sané, Timo Werner und Julian Brandt. Auch sie hätten bei diesem Turnier noch mitspielen dürfen. Aus der Vize-Europameisterelf von 2019 wird man bei Löw vermutlich nicht allzu viele Spieler sehen: Neben Lukas Klostermann und Jonathan Tah, die schon unter Bundestrainer Joachim Löw spielen durften, haben Maximilian Eggestein und Nübel wohl die besten Aussichten.

Erste Hälfte: "#Herzzeigen" ist das Motto der deutsche U21-Auswahl. Aber zu Beginn der Partie war von den Herzen der deutschen Spieler nichts zu sehen. Sie waren ihnen in die Hosen gerutscht. Diese Ehrfurcht nutzte Fabián zum frühen 1:0 für Spanien: Er nahm sich kurz hinter der Mittellinie den Ball und durfte damit bis vor den deutschen Strafraum spazieren. Sein Flachschuss aus 22 Metern flog an Nübel vorbei ins Tor (7. Minute). Der DFB-Auswahl dagegen gelang kein wirklich gefährlicher Schuss in Hälfte eins. Thomas Broich, der Co-Kommentator bei der ARD, sprach von fehlender Courage. U21-Kapitän Tah fand das nach dem Spiel nicht so gut: "Wer hat das gesagt?", fragte Tah. Als er hörte, dass es der frühere Bundesliga-Spieler Broich war, sagte er: "Nicht meine Meinung!"

Dunkelgelb: Pech hatte Deutschland auch bei einer Schiedsrichter-Entscheidung: Luca Waldschmidt, der Sieben-Tore-Stürmer in diesem Turnier, wurde einmal heftig von Jesus Vallejo umgetreten, wofür der Spanier durchaus hätte vom Feld gestellt werden können. Es gab nur Gelb.

Pink-Panther mit der Pfeife: Abseits des Spielgeschehens machten schon während der ersten Hälfte die Stutzen des Schiedsrichters Karriere bei Twitter. Das grelle Pink, für das sich der serbische Unparteiische Srdjan Jovanovic entschieden hatte, provozierten mehr oder weniger gute Witze im Internet.

Zweite Hälfte: Zum Ende der ersten Hälfte hatte sich Kuntz' Elf etwas in die Partie gekämpft. Mit Beginn der zweite übernahm sie die Kontrolle. Nadiem Amiri und Waldschmidt hatten gute Gelegenheiten (48. und 53.). Die Spanier setzten auf Konter - und einer davon führte zum 2:0. Fabiáns Schuss, Nübels Fehlgriff, Olmos Tor (69.). Carlos Soler traf dann sogar noch die Latte (81.). Und Waldschmidt vergab die beste deutsche Gelegenheit aus fünf Metern (83.). Sein achtes Turniertor, womit er der alleinige Rekordtorjäger in der U21-EM-Geschichte geworden wäre, blieb ihm verwehrt. Dafür traf Amiri. Sein Schuss wurde von Vallejo noch per Kopf abgefälscht (88.). Aber der Anschlusstreffer kam zu spät.

Rekord eingestellt: Nach 1986, 1998, 2011 und 2013 feiert Spanien somit seinen fünften U21-EM-Titel und zieht mit dem Rekordhalter Italien gleich. Für Deutschland bleibt es bei zwei EM-Titeln (2009 und 2017).

Spieler des Turniers: Fabián, der Mittelfeldspieler von der SSC Neapel, wurde nach dem Finale noch als Spieler des Turniers ausgezeichnet. Eine gute Wahl.

Ein Ärgernis zum Schluss: ARD-Kommentator Steffen Simon steht ohnehin im Verdacht, nicht immer unbedingt auf Ballhöhe zu sein. Diesmal aber vergaß er völlig, was seine Rolle war. Als es noch 0:1 stand, sprach Simon mit Co-Kommentator Broich über die deutschen Chancen und rief dann irgendwann: "Noch haben wir nicht verloren." Ein Wir aber sollte es bei allem sportlichen Patriotismus für einen Journalisten niemals geben. Oder wie sagte der große Hanns Joachim Friedrichs einmal: "Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten!"

Deutschland - Spanien 1:2 (0:1)
0:1 Fabián (7.)
0:2 Dani Olmo (69.)
1:2 Amiri (88.)
Deutschland: Nübel - Klostermann, Tah, Baumgartl, Henrichs - Serdar (61. Neuhaus), Maximilian Eggestein (79. Nmecha), Dahoud - Öztunali (72. Richter), Waldschmidt, Amiri - Trainer: Kuntz
Spanien: Sivera - Aguirregabiria, Nunez, Vallejo, Junior Firpo - Roca, Fabián (78. Merino) - Olmo, Ceballos, Fornals (72. Mayoral) - Oyarzabal (55. Soler) - Trainer: de la Fuente
Schiedsrichter: Srdjan Jovanovic (Serbien)
Zuschauer: 25.132
Gelbe Karten: / - Vallejo, Nunez



insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ribra 01.07.2019
1. Die Spanier waren technisch eine Klasse besser.
Nicht nur in den ersten 20 Minuten konnte man sehen, auch mit deutscher Brille, dass die Spanier fussballerisch einfach eine Klasse besser waren. Da helfen keine wenn und aber. Die Spanier hätten jederzeit noch einen Zacken zulegen können.
astrolenni 01.07.2019
2. Zeitspiel
Nicht undenkbar wäre in 90+1 auch die 2.(!) gelbe Karte für den spanischen Torwart gewesen. Und 3x gewechselt hatte Spanien schon. Bei der Restzeit wäre es eher symbolisch gewesen, aber nicht unverdient...
menton 01.07.2019
3. mit Verlaub...
"An der positiven Turnierbilanz ändert das nichts" ist natürlich Unfug. Bei einem Torwart - das macht ja gerade die Schwierigkeit dieser Position aus - hat JEDER Fehler unmittelbare Auswirkung auf dessen Beurteilung. Wenn er dann auch noch in einem wichtigen Endspiel patzt und eine Niederlage (mit) zu vertreten hat, erst recht. Man kann vielleicht sagen: insgesamt trotzdem noch eine gute Leistung... Aber wegen seiner Fehler gestern eben nicht mehr so glanzvoll. Natürlich haben diese etwas an der Beurteilung seiner Turnierleistung geändert!
polza_mancini 01.07.2019
4. Blödsinn,
Steffen Simon verursacht bei mir auch das ein oder andere Augenrollen - aber diese typisch deutsche Selbstkasteiung, dass der Kommentator nicht für Deutschland sein darf, ist doch abgehobener Blödsinn. Beim Ausscheiden der Damen war man im Anschluss auch bei den Medienvertretern erkennbar betrübt, völlig zurecht! Wer in einem Finalspiel 10 Minuten vor Schluss nicht unter Strom ist, der hat einfach den Beruf verfehlt. Gönnen Sie sich doch mal die verbale Spielbegleitung bei Südamerikanern (oder fast überall sonst auf der Welt)...
Papazaca 01.07.2019
5. Trotz der Niederlage: Die Mannschaft macht Spass
In den ersten 20-30 Minuten konnten die Deutschen dem spanischen Tiki Taka wenig entgegensetzen und wirkten hilflos. Das änderte sich besonders nach der Pause. Insgesamt war Spanien cleverer und am Ball technisch sicher besser. Man muß Spanien also ohne wenn und aber gratulieren. Trotzdem war der spanische Sieg keine klare Sache. Bei einem bösen Faul an Waldschmidt hätte es rot geben müssen und das zweite Tor war ein vermeidbarer Torwartfehler. Und die deutsche Tormaschine kam nicht wie gewohnt in Gang. Fazit: Spanien hat verdient gewonnen, die deutsche U21 hat aber trotzdem überzeugt und viel Spass gemacht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.