Englands Aus bei der U21-EM Tage der Dämmerung

Zur EM war Englands U21 als Titelfavorit angereist, doch diesem Ruf wurde das Team nicht gerecht: Nach der Vorrunde ist Schluss. Überhaupt ist es kein guter Sommer für den englischen Nachwuchsfußball.

Englands U21-Spieler Mason Mount nach der EM-Niederlage gegen Rumänien
Getty Images/Giuseppe Bellini

Englands U21-Spieler Mason Mount nach der EM-Niederlage gegen Rumänien

Aus Udine berichtet


Es ist nicht einmal zwei Wochen her, dass Englands U21-Trainer Aidy Boothroyd dem "Guardian" ein längeres Interview gegeben hat. Boothroyd hat darin über den englischen Fußball und dessen Nachwuchs gesprochen, über Ziele, auch über Risiken. England müsse immer danach streben, fußballerisch zu den "führenden Nationen" weltweit zu gehören, sagte Boothroyd, nur sei es eben verdammt schwer, ein solches Niveau über viele Jahre zu halten. Er sagte auch: "Es wird Höhen geben und Tiefen. Die gibt es immer."

Es wäre Boothroyd sicher sehr recht gewesen, wenn sich seine Befürchtungen als falsch erwiesen hätten, wenn man ihn dafür einen Pessimisten genannt hätte. Doch er sollte Recht behalten: Dieser Sommer, das kann man schon im Juni sagen, ist kein guter für den englischen Nachwuchsfußball.

England hat bei der U21-EM auch das zweite Vorrundenspiel verloren, 2:4 gegen Rumänien, und ist damit ausgeschieden. Dabei war das Team als Titelfavorit in das Turnier gestartet. Auf der Tribüne saß gegen Rumänien A-Nationaltrainer Gareth Southgate und sah einigermaßen entsetzt aus ob dieses Auftritts. Und nach dem Schlusspfiff fingen die Fernsehkameras Spielmacher Phil Foden ein, der mit den Tränen kämpfte. Foden verlor diesen Kampf gegen sich selbst, so wie zuvor die Engländer das Spiel - und womöglich bald auch Englands Nachwuchsarbeit ihren exzellenten Ruf.

"Eine Saison zum Vergessen"

In den vergangenen Jahren hatte sich England wieder zu einer der führenden Kräfte im Nachwuchsfußball entwickelt. Englands U-Teams spielten plötzlich sehr ansehnlichen Fußball, und sie waren vor allem gut, richtig gut: Vor zwei Jahren war England gleichzeitig U19-Europameister, U17- und U20-Weltmeister, stand im Halbfinde der U21-EM und im Endspiel der U17-EM. Und nun das.

"Eine Saison zum Vergessen" sei das aus englischer Perspektive, schrieb der Telegraph. Auch für die U17 war die EM im Mai schon nach der Vorrunde vorbei, die U19 und die U20 qualifizierten sich gar nicht für die jeweilige Endrunde. Und jetzt erwischte es auch noch die U21, von der das vor einigen Tagen wohl niemand vermutet hätte.

Englands Jake Clarke-Salter liegt nach der Niederlage gegen Rumänien auf dem Rasen.
Getty Images/Giuseppe Bellini

Englands Jake Clarke-Salter liegt nach der Niederlage gegen Rumänien auf dem Rasen.

Er sei der Meinung, seine Mannschaft sei trotz des Ausscheidens auf einem "guten Weg", sagte Trainer Boothroyd. Nun müsse man nur noch, "diese Undiszipliniertheiten ausbügeln und sicherstellen, dass wir unsere Chancen nutzen. Ganz einfach." Bei dieser EM hat das alles nicht funktioniert. Ein Beispiel: Als Hamza Choudhury im ersten Spiel gegen Frankreich Rot sah, lag England in Führung. In Unterzahl kassierte das Team jedoch in den letzten Minuten noch zwei Gegentreffer und verlor das Spiel.

Und der Torhüter Dean Henderson, der bei einem Treffer der Rumänen böse gepatzt hatte, sagte: "Wenn man auf den Kader schaut, dann glaube ich noch immer, dass wir das beste Team bei dieser Endrunde sind. Als Gruppe jedoch haben wir enttäuscht. Es ist eine Schande."

Nicht auch noch Letzter werden

Zwar standen Trainer Boothroyd in Italien nicht seine besten Spieler zur Verfügung, weil etwa Jadon Sancho, Marcus Rashford, Trent Alexander-Arnold oder Declan Rice Bestandteile der A-Nationalmannschaft geworden sind. Doch auch unter denen, die Englands U21 in Italien vertraten, sind einige, denen man eine große Zukunft prophezeit: Der famose Foden von Manchester City etwa, oder auch Leicesters Demarai Gray, Fulhams Ryan Sessegnon und Aaron Wan-Bissaka, der noch für Crystal Palace spielt, aber schon bei Manchester United als Neuzugang gehandelt wird.

Nur zeigten sie bei dieser Endrunde nicht, warum das so ist - mit Ausnahme von Foden, der bei der Niederlage im ersten Spiel gegen Frankreich Englands bester Spieler war, und sich gegen Rumänien trotzdem auf der Ersatzbank wiederfand. Er habe Foden für das letzte Gruppenspiel gegen Kroatien schonen wollen, sagte Boothroyd, und das war sicher keine besonders kluge Aussage. Denn wenn England am Montag auf Kroatien trifft, geht es nur noch um eins: nicht auch noch Letzter in der Gruppe zu werden.

Es sind Tage der Dämmerung in Englands Nachwuchsfußball, und es wirkt, als sei niemand auf sie vorbereitet gewesen. Womöglich nicht einmal der Trainer, der doch selbst vor ihnen gewarnt hatte. Als er gefragt wurde, ob er womöglich trotz eines Vertrags bis 2021 zurücktreten wolle, sagte Boothroyd: "Ich gehe nirgendwo hin. Da müssen sie mich schon raus tragen."



insgesamt 8 Beiträge
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winfriedgiesen 22.06.2019
1. Alexander-Arnold
Fehler im Text: Nicht "Trent-Alexander Arnold" heißt der englische Spieler, sondern Trent Alexander-Arnold!
sysop 22.06.2019
2. @1, winfriedgiesen
Vielen Dank für ihren Hinweis, wir haben das korrigiert.
blurps11 22.06.2019
3.
Die Niederlage gegen Frankreich lag sicherlich nicht an der roten Karte. Mit Ausnahme der Anfangsphase war England einfach hoffnungslos unterlegen und wurde nur dank der Abschlusschwäche des Gegners nicht mit einer Packung aus dem Stadion geballert. Normalerweise muss das mit sechs oder sieben für Frankreich ausgehen und die sahen im zweiten Spiel gegen Kroatien auch nicht gerade übermächtig aus. Da kamen mal wieder die bekannten Engländer durch: "Kleine" Teams in der Quali rumschubsen können sie traditionell gut, aber wenn es dann bei der Endrunde ans Eingemachte geht, ist es schnell vorbei mit der Herrlichkeit.
Skakesbier 22.06.2019
4. Junge Talente
der U 21-, U 19- und teils schon der U 17-Kategorie werden in England von der Boulevard-Presse unfaßbar gehypt. Die Burschen glauben dann, sie wären besser als Messi. Wenn sie dann gegen die aus aller Welt zusammengekauften 24-30 jährigen Männer der 'Premier League' antreten müssen, bekommen sie kaum Einsatzzeiten und versinken schnell im Nirvana. Die letzten englischen Spieler internationaler Klasse waren Steven Gerrard und Frank Lampard. Lingard und Co sitzen oft nur auf der Bank oder fallen durch Skandale auf.
philipp.zuerich 22.06.2019
5.
Spieler mit Wurzeln in der Karibik und Westafrika haben in der Jugend einfach Vorteile in Sachen Dynamik und Körperlichkeit. Wenn sie dann noch eine gute Akademieausbildung geniessen bist schon mal deutlich vorne. Im Schritt zu den Erwachsenen relativiert sich das dann. Daher sollte man Erfolge von Holland, Frankreich, Nigeria, Ghana oder eben England bis zur U19 nicht allzu hoch hängen. Meist sind das im U21 Bereich ganz andere Kaderzusammensetzungen bzw andere Spielertypen die den Unterschied ausmachen.
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