Zum Tod von Udo Lattek Der letzte Preuße

Mit Udo Lattek ist einer der erfolgreichsten Trainer gestorben, den die Bundesliga je hatte. Neu erfinden wollte er den Fußball nie, er machte einfach das Beste aus seinen Möglichkeiten.

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Trainer Udo Lattek, getragen von seinen Bayern-Spielern (1972)
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Trainer Udo Lattek, getragen von seinen Bayern-Spielern (1972)

Visionen hat er stets den anderen überlassen. Hennes Weisweiler, dem großen Architekten des Mönchengladbacher Erfolges. Oder Johan Cruijff, dem Mastermind des FC Barcelona. Weisweiler und Cruijff - das waren Revolutionäre im Traineramt. Udo Lattek hatte für so etwas nie viel übrig. Er war überzeugt: Titel gewinnt man nicht, indem man einer Mannschaft das vermeintlich Beste von außen überstülpt. Man gewinnt sie, indem man das Beste, was da ist, aus einer Mannschaft herauszieht. Er holte die Teams, die er trainierte, da ab, wo sie standen. Da war er - der an der Seitenlinie zuweilen so emotional wirkte - vollkommen kühl. Wenn man so will, war dies das Preußische in ihm.

Nun ist Udo Lattek im Alter von 80 Jahren gestorben.

Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, ein langjähriger Weggefährte, sagte einst den berühmten Satz: "Fußball ist keine Mathematik." Das war als Seitenhieb auf den gelernten Mathematiklehrer Ottmar Hitzfeld gedacht, aber Rummenigge hätte damit genauso Lattek treffen können. Auch Lattek hat Mathematik studiert, Physik dazu. Und was er dort gelernt hat, behielt er sein Leben lang. Lattek war ein Macher, ein Verwalter, ein Taktiker, ein rationaler Kopf. Erfolg - das war es, was für ihn zählte.

All jene, die ihn vor allem aus seinen Zeiten als Sprücheklopfer beim Fußballstammtisch des Privatfernsehens kennen, haben ein vollkommen falsches Bild des Trainers Udo Lattek. Der wahre Lattek war jener, der in den Siebzigerjahren als Nachfolger von Hennes Weisweiler bei Borussia Mönchengladbach anheuerte.

Er war damals bereits ein berühmter Mann, hatte mit den Bayern dreimal in Folge den Meistertitel geholt und als Krönung gegen Atlético Madrid 1974 den Europapokal der Landesmeister, den Vorläufer der Champions League, errungen. Lattek hatte junge Spieler wie Paul Breitner und Uli Hoeneß zu Stars gemacht. Ihm war es gelungen, den Kapitän Franz Beckenbauer auf seine Seite zu bringen. Aber nach fünf Jahren war die Zweierbeziehung München-Lattek verschlissen. Der Trainer wechselte zum damals großen Rivalen nach Mönchengladbach.

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Die Gladbacher hatten in den Jahren zuvor stets den eleganteren, berauschenderen Fußball gespielt, am Ende hatten aber meist die Bayern in der Liga das bessere Ende für sich gehabt. Es bedurfte eines Rechners wie Lattek, um das zu ändern. Der Coach trieb der Borussia aus, in Schönheit zu sterben. Spielertypen wie die Arbeiter Uli Stielike oder Rainer Bonhof machte er zu Schlüsselfiguren, die Abwehr wurde stabiler gebaut, Außenverteidiger Berti Vogts stieg zur Führungsfigur auf. Das Ergebnis: Gladbach wurde Meister 1976, Meister 1977 und So-gut-wie-Meister 1978. Den Uefa-Cup-Sieg 1979 gab es als Zugabe obendrauf. Der Mathematiklehrer Lattek hatte wieder eins und eins zusammengezählt.

Udo Lattek war über den DFB in die Bundesliga gekommen, beim Deutschen Fußball-Bund hatte der gebürtige Ostpreuße 1965 angeheuert, hatte den Schuldienst quittiert und stattdessen die Jugend-Nationalmannschaft trainiert. Bei Bundestrainer Helmut Schön, zu dessen Stab er gehörte, schaute er sich die wesentlichen Dinge ab. Er beobachtete, welche Kniffe Schön im Training anwendete. Er sah aber auch, dass Schön die Spieler äußerst nachgiebig behandelte. Für Latteks Geschmack zu nachgiebig. So wollte er nicht sein. Disziplin war ihm nicht nur wichtig, sie war ihm das Wichtigste.

Aus Deutschland geflohen

Daher konnte es zwischen ihm und Diego Maradona auch nicht gut ausgehen. Lattek war 1981 zum FC Barcelona gewechselt. Er war geradezu aus Deutschland geflohen. Kurz zuvor war sein 15-jähriger Sohn Dirk an Leukämie gestorben. Lattek musste raus aus Deutschland, um sich abzulenken, um zu vergessen. Der große FC Barcelona schien dafür genau die richtige Station.

Aber mit dem nicht zu bändigenden Maradona als Superstar des Teams, mit Bernd Schuster und Allan Simonsen hatte Barca zu jener Zeit ein Ensemble, das mehr eine Ansammlung von Einzelkönnern als eine echte Mannschaft war. Als Lattek Maradona einmal auf dem Stadionparkplatz stehen ließ, weil der mal wieder zu spät kam, war sein Trainerschicksal besiegelt.

Der Disziplinfanatiker Lattek kehrte nach München zurück. Dort perfektionierte er in den Achtzigerjahren sein Modell. Mit einer Mannschaft aus Fußball-Arbeitern von Klaus Augenthaler über Norbert Nachtweih bis hin zu Dieter Hoeneß feierte er mit den Bayern innerhalb von vier Jahren drei weitere Meistertitel und zwei DFB-Pokal-Erfolge. Spätestens jetzt war er für immer ein Mitglied der Bayern-Familie.

Der Erfolg blieb ihm auch bei seiner nächsten Etappe treu: Als Sportdirektor des 1. FC Köln begleitete er den Club in seine bis heute letzte Hochphase. Sein "blauer Pullover", den er aus Aberglauben auf der Tribüne auftrug, ist längst ein Fall fürs FC-Museum. Wichtiger für den Verein war jedoch, dass er den bis dahin unbekannten Christoph Daum zum Cheftrainer beförderte.

Er versuchte es danach noch einmal glücklos bei Schalke 04 und sieben Jahre nach seinem Rücktritt vom Trainergeschäft noch einmal für fünf Partien bei Borussia Dortmund. Den BVB bewahrte er damals vor dem Abstieg. Dennoch waren die beiden Stationen ein Abschied, den der Titelsammler Udo Lattek nicht verdient hatte.

Er konnte ruppig sein im Tonfall, mitleidlos gegen sich und andere - einen harten Hund nennt man so einen Trainer. Als sein FC Bayern 2009 eine demütigende 0:4-Niederlage beim FC Barcelona kassiert hatte, saß er auf der Tribüne und weinte. Auch das war Udo Lattek.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
foolbar 04.02.2015
1.
Gibt es den blauen Pulli eigentlich noch? Mach es gut, Udo.
banditjarno 04.02.2015
2.
Ruhe in Frieden,du warst der Größte !!!!!
Ihr5spieltjetzt4gegen2 04.02.2015
3. Hau rein, Udo!
Werde heute abend einen Malteser auf Dich trinken, Udo. Und weil Du es bist, eher schon zwei oder drei... Deine Kontrolltouren mit Reinhard R. werde ich nicht vergessen. In jeder Kneipe oder Disco, die Ihr angesteuert habt um (tatsächlich?) zu kontrollieren, ob sich denn auch niemand vom spielenden Personal dort findet, habt ihr mehr als einen Blick riskiert (nicht Du, Udo, ich weiß) und den einen oder anderen Kurzen (und durchaus auch Langen) gezwitschert (vor allem Du, Udo). Der Ferrari vom Aigner-Eigner wurde eh nie kontrolliert... Aber dass man dann durchaus auch Spieler von anderen Clubs treffen kann, hat Euch dann doch mitunter sprachlos gemacht... OK, zum 'Prost' hat es dann doch immer noch gereicht... Warst ein guter 'Verwalter' als Trainer. Konntest erfolgreiche Teams gut führen. Aufbauarbeit war Deine Sache nicht. Und die Sache mit RWE fand ich gelinde gesagt voll Scheiße. Aber was soll's, Schnee von gestern. Mach's gut, Udo. Jetzt bist du Deinem Freund, dem Chanson/Schlager-Udo, gefolgt. Bin mir sicher, Ihr beide werdet des öfteren einen Zug durch die Gemeinde machen, in der Ihr nun für immer seid. Und es wird so sein wie eh und je: Der eine steht auf Blonde, der andere auf Klare... ;-)
williondo 04.02.2015
4.
Mach's gut Udo. Du warst der Beste.
Balla8872 04.02.2015
5.
Servus Udo! Wir behalten Dich immer in Erinnerung.
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