Übernahme durch US-Konsortium So könnte die Zukunft des FC Chelsea aussehen

Milliardär Todd Boehly soll den FC Chelsea nach der Abramowitsch-Ära übernehmen. Sein Erfolg im US-Sport kann den Fans von Thomas Tuchels Klub Mut machen. Doch ein alter Konflikt droht aufzubrechen.
Von Hendrik Buchheister, Manchester
Spieler des FC Chelsea nach dem Gewinn der Champions League (im Mai 2021 in Porto)

Spieler des FC Chelsea nach dem Gewinn der Champions League (im Mai 2021 in Porto)

Foto: David Ramos / AFP

Todd Boehly musste Geduld haben, um seinen Traum vom eigenen Premier-League-Klub zu verwirklichen. Bereits vor drei Jahren versuchte der US-amerikanische Milliardär, den FC Chelsea zu kaufen, doch sein Angebot blieb unter den angeblich von Chelsea-Eigentümer Roman Abramowitsch aufgerufenen 2,6 Milliarden Euro. Auch für Tottenham Hotspur soll sich Boehly interessiert haben, ebenfalls ohne Erfolg.

Im Interview mit Bloomberg TV offenbarte der Investor damals, was ihn an der englischen Hochglanzliga reizt. Er schwärmte von dem »besten Sport«, den »besten Spielern« und einem »Medienmarkt, der sich stark entwickelt«. Allerdings sei es eine komplizierte Angelegenheit, sich in die Premier League einzukaufen – schließlich würden die Klubs »nicht einfach zur Auktion ausgeschrieben«.

Genau das ist inzwischen geschehen, weshalb Boehlys Traum vom eigenen Klub in England kurz vor der Erfüllung steht. Nach den Sanktionen der britischen Regierung gegen Abramowitsch wegen dessen Nähe zu Russlands Präsident Wladimir Putin (die Abramowitsch bestreitet) steht Chelsea zum Verkauf an den bestgeeigneten Bieter. Den Zuschlag hat ein Konsortium bekommen, das von Boehly angeführt wird, dem Miteigentümer der Los Angeles Dodgers aus der Major League Baseball.

Vermögen von 4,5 Milliarden Dollar

Insgesamt soll die Übernahme 4,25 Milliarden Pfund kosten, umgerechnet knapp fünf Milliarden Euro. Die britische Regierung und die Premier League müssen dem Geschäft noch zustimmen. Beides gilt als wahrscheinlich.

Finanzexperte und Sportfan: Todd Boehly bei einem Spiel der Los Angeles Dodgers

Finanzexperte und Sportfan: Todd Boehly bei einem Spiel der Los Angeles Dodgers

Foto: Mark J. Terrill / AP

Boehly hat an der renommierten London School of Economics studiert, ihm kann also ein Gespür für die Heimat und das Umfeld des FC Chelsea unterstellt werden. Das Magazin »Forbes« schätzt sein Vermögen auf 4,5 Milliarden US-Dollar (knapp 4,3 Milliarden Euro). Er war Präsident des US-amerikanischen Finanzdienstleisters Guggenheim Partners und gründete 2015 das Investmentunternehmen Eldridge Industries, das sich in verschiedenen Branchen engagiert; unter anderem gehören der Firma die Rechte an den Liedern von Bruce Springsteen.

Die Dodgers und künftig Chelsea sind nicht Boehlys einzige Beteiligungen im Sport. Er besitzt auch Anteile an den Los Angeles Sparks aus der amerikanischen Frauen-Basketballliga WNBA und an den Los Angeles Lakers aus der NBA.

Die Zeiten des »Roman Empire« sind vorbei

Unter Boehly dürfte sich radikal ändern, wie Chelsea wirtschaftet. Abramowitsch steckte in den vergangenen knapp 19 Jahren rund zwei Milliarden Euro in den Verein und machte ihn so zu einem der erfolgreichsten Klubs in England und Europa mit fünf Meisterschaften und zweimaligem Gewinn der Champions League, zuletzt in der vergangenen Saison mit Trainer Thomas Tuchel.

In den Zeiten des »Roman Empire« konnte es sich Chelsea leisten, enorme Verluste auf dem Transfermarkt zu machen. Eigentümer aus den USA operieren anders – sie wollen Geld verdienen mit ihrem Engagement. In der Premier League ist das unter anderem beim FC Liverpool (Fenway Sports Group), bei Manchester United (Glazer-Familie) und dem FC Arsenal (Stan Kroenke) zu beobachten.

Auch Chelsea wird unter Boehly wohl nachhaltiger wirtschaften als bisher. »Die Tage von Ausgaben von 200 Millionen Pfund in einem Sommer für Transfers könnten vorbei sein, aber das bedeutet nicht, dass Chelsea nicht mehr um die größten Titel mitspielt«, mutmaßte kürzlich der »Guardian«.

Mit den Los Angeles Dodgers hatte Boehly Erfolg

Ähnlich sieht das der aus London stammende Sportökonom Stefan Szymanski von der University of Michigan. »Boehly und seine Partner erkennen, dass Chelsea seine Position halten muss. Wenn es Probleme geben würde, würden sie sicher Geld zur Verfügung stellen«, sagte er dem SPIEGEL. Aber die Frage ist laut Szymanski auch: Wie viel Geld genau?

Grund zur Zuversicht für die Chelsea-Fans ist Boehlys Erfolg bei den Los Angeles Dodgers. Mit Partnern, zu denen auch Basketballlegende Magic Johnson gehörte, übernahm er den abgestürzten Klub 2011 und führte ihn zurück zu altem Glanz. Er schloss einen lukrativen Deal mit Time Warner Cable und gründete einen regionalen Sportsender, der die Dodgers-Spiele überträgt. Die Einnahmen wurden in den Kader und das Stadion investiert. 2020 gewann der Klub zum ersten Mal seit 32 Jahren wieder die World Series.

Boehlys Werk in Los Angeles erinnert an den Aufschwung des FC Liverpool unter der Fenway Sports Group. Auch der einstige englische Rekordmeister wurde von seinen US-amerikanischen Besitzern aus dem Mittelmaß geholt. Liverpools Erfolg mit dem Champions-League-Gewinn 2019, der Meisterschaft 2020 und möglichen vier Titeln in dieser Saison basiert darauf, dass die Eigner das richtige Personal für das operative Geschäft rekrutiert haben, allen voran Sportdirektor Michael Edwards und Trainer Jürgen Klopp.

Das Gespür für die bestmöglichen Leute sieht Sportökonom Szymanski auch bei Boehly: »Er weiß, was er tut. Die Dodgers sind ein gut geführter Klub.«

Abramowitsch-Vertraute sollen Posten behalten

Eine umfassende Neuordnung der Führungsriege scheint bei Chelsea allerdings erst mal nicht geplant. Vorstand Bruce Buck und Sportdirektorin Marina Granovskaia, beides Abramowitsch-Vertraute, sollen ihre Posten laut Medienberichten behalten. Trainer Thomas Tuchel ist ohnehin in einer starken Position nach dem Gewinn der Champions League in der vergangenen Saison und seinem Krisenmanagement seit den Sanktionen gegen Abramowitsch.

Schlüsselspieler im letzten Vertragsjahr: Jorginho

Schlüsselspieler im letzten Vertragsjahr: Jorginho

Foto:

Michael Steele / Getty Images

Unsicher ist dagegen, wie Chelseas Mannschaft künftig aussieht. Antonio Rüdiger (zu Real Madrid), Andreas Christensen und Kapitän César Azpilicueta (beide zum FC Barcelona) werden Chelsea wohl im Sommer verlassen. Die Schlüsselspieler N'Golo Kanté, Jorginho, Thiago Silva und Marcos Alonso gehen in ihr letztes Vertragsjahr. Rekordeinkauf Romelu Lukaku könnte sich nach nur einer Saison, die für ihn deprimierend verlief, wieder verabschieden. Auch über Timo Werners Zukunft wird spekuliert.

Kommt doch noch eine Super League?

Ein Konflikt droht bei einer Frage, die Europas Fußball umtreibt, seit die größten Klubs des Kontinents vor einem Jahr ohne Erfolg versucht hatten, eine Super League zu gründen. Ökonom Szymański hält es für wahrscheinlich, dass die Boehly-Gruppe irgendwann einen neuen Anlauf unternehmen wird, um Chelsea in einen solchen Wettbewerb zu führen: »So ist das mit US-amerikanischen Eigentümern. Sie sehen den Sinn von Aufstieg und Abstieg nicht.«

In diesem Fall könnte Boehlys Traum vom eigenen Premier-League-Klub zum Albtraum werden. Chelseas Fans gehörten im Frühjahr 2021 zu den lautesten Gegnern der Super League.

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