Überraschungsstreit um Löws Vertrag Bundestrainer auf Bewährung

Was ist beim DFB los? Die Vertragsverlängerung für Joachim Löw und Oliver Bierhoff ist überraschend geplatzt - und bis auf nach der WM vertagt. Damit stehen Trainer und Manager plötzlich unter besonderer Beobachtung. Verbandschef Zwanziger ist beschädigt, die Vorbereitung für Südafrika belastet.

Bundestrainer Löw: Vertragsverlängerung geplatzt, Ende offen
dpa

Bundestrainer Löw: Vertragsverlängerung geplatzt, Ende offen

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Wenn die Vertragsverhandlung zwischen dem DFB und der Leitung seiner wichtigsten Abteilung ein Fußballspiel wäre, dann wäre es längst abgepfiffen. Im Dezember nämlich erklärte Präsident Theo Zwanziger, er habe mit Bundestrainer Joachim Löw "per Handschlag" verlängert. Die Parteien standen schon unter der (Sekt-)Dusche. Und weil es im Fußball auch immer wie bei echten Kerlen zugeht, wurde dieser Handschlag interpretiert wie eine Abmachung unter Männern. Die gilt.

"Wir sind uns einig geworden, die erfolgreiche Zusammenarbeit auch über die WM hinaus zu verlängern", jubelte Zwanziger damals. Wer Löws Reaktion vernahm, musste sich allerdings wundern über so viel Optimismus des Präsidenten. Der Bundestrainer sprach lediglich von der "grundsätzlichen Bereitschaft, die Zusammenarbeit bis nach der EM 2012 fortzusetzen". Bis zur Unterzeichnung eines neuen Vertrages müssten aber "noch einige Punkte besprochen und geklärt werden, die mir und meinem Team für die weitere Arbeit wichtig sind".

Jetzt geht das Spiel zwischen DFB und Nationalmannschaftsführung in die Verlängerung, erst nach der WM wollen sich beide Parteien wieder zusammensetzen. Es ist aber auch nicht ausgeschlossen, dass das Spiel wegen Unbespielbarkeit des Platzes ganz abgebrochen werden muss. Das Ende jedenfalls ist völlig offen und wird frühestens im Juli klar. Doch die Folgen der geplatzten Vertragsverlängerung wirken sich schon jetzt entscheidend aus.

Ungemütliche Zeiten für den DFB

Auf den DFB kommen ungemütliche Zeiten zu. Der Umsatz des Verbandes wächst mit jedem Großereignis, selbst in Zeiten der Krise präsentiert der DFB (wie jüngst mit dem Elektronikriesen Sony) neue, exklusive Partner. Er ist ein riesiges, profitables Wirtschaftsunternehmen mit Partnern, die sich einen Imagetransfer von der A-Nationalmannschaft erhoffen. Zu prägenden Gesichtern dieser Mannschaft sind auch Löw, Bierhoff und Assistent Hans Flick geworden.

Wie will der Verband es erklären, dass eine Vertragsverlängerung an zwei in der Wirtschaft üblichen Forderungen scheitert?

Löw und Bierhoff haben vom DFB einen Bonus für die Vertragsverlängerung gefordert. Das ist legitim, schaut man sich die Umsatzentwicklung des DFB seit 2006 an, zu der die sportliche Leitung ihren Beitrag geleistet hat. Und wie SPIEGEL ONLINE aus dem Verband erfuhr, soll die Gratifikation aus einer festgeschriebenen, noch verhandelbaren Summe bestehen, die unter dem gesamten Führungsteam aufgeteilt wird und nicht - wie kolportiert - aus einem Jahresgehalt.

Oliver Bierhoff wollte sich zudem ein Vetorecht für die Besetzung des Bundestrainerpostens in den neuen Kontrakt schreiben lassen. Dies sei "nicht mit der Satzung vereinbar", wie DFB-Präsident Zwanziger in einer Pressemitteilung andeutete. Dieser Ablehnungsvorbehalt des Managers ist allerdings eine in vielen Bundesligavereinen übliche Praxis.

Mit das Unangenehmste für den DFB: Das Thema Löw wird den Verband die gesamte WM-Vorbereitung über begleiten. Jedes Wort des Bundestrainers wird auf eine Tendenz Richtung Verlängerung oder Abschied untersucht werden. Und jedes Testspielergebnis auf seine Folgen für die vertragliche Zukunft. Ganz zu schweigen von möglichen Rückkopplungen auf die Leistung der Mannschaft.

Zwanziger in Nöten

Hat Theo Zwanziger, der sich immer als Mann der Tat inszeniert, tatsächlich noch diese Rolle? Insgesamt zweimal verkündete er eine Handschlagvereinbarung mit dem Bundestrainer, jetzt muss er mitteilen lassen, dass die Gespräche mit der Nationalmannschaftsführung vertagt sind - ergebnisoffen. Aus einem Handschlag wurde ein Schlag ins Gesicht.

Im Kompetenzstreit zwischen Löw und Teammanager Oliver Bierhoff auf der einen und Sportdirektor Matthias Sammer auf der anderen Seite um den Einfluss bei der U21 reagierte Zwanziger noch unmittelbar und stutzte den fordernden Sammer zurecht. Doch jetzt wirkt der Präsident angeschlagen. Er ist mit dem wichtigsten Vorhaben der vergangenen Monate - der Verlängerung mit der sportlichen Leitung - gescheitert.

War Zwanziger zu voreilig oder sich seiner Sache zu sicher? Unterschätzte er womöglich die Vehemenz, mit der die Kräfte der Bewahrer hinter seinem Rücken Politik gegen Bierhoff und Löw machten? Und wollte er diese Situation wirklich?

Der deutsche Fußball steht erneut vor einer Zerreißprobe, und dabei tut sich eine unschöne Analogie auf. Schon 2006, Generalsekretär Wolfgang Niersbach wollte das in der DFB-Pressemitteilung nicht unerwähnt lassen, sorgten unklare Vertragsverhältnisse für den Abschied eines Bundestrainers. Jürgen Klinsmann ging, weil man seinem Sportdirektor-Kandidaten Bernhard Peters den verdienten Nationalspieler Matthias Sammer vorzog.

Klinsmanns Abschied wurde nicht zum Debakel für den DFB, es gab ja Löw. Und da hört die Analogie 2010 auch auf.

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