Überraschungsteam der Saison Magier Magath zaubert Schalkes Krise weg

Akuter Geldmangel schien die Erfolgsphase des FC Schalke jäh zu beenden. Mit einem einzigen Telefonanruf hat Felix Magath die Stimmung gewendet: Der Verein kauft nun sogar noch mehr Spieler. Die Meisterschaft ist wieder möglich - und der Trainer auf dem Höhepunkt seiner Macht.
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Schalke träumt vom Titel: Magaths nächster Streich

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Viele Sehenswürdigkeiten hat das spanische Küstenstädtchen Chiclana de la Frontera nicht zu bieten: Angepriesen werden höchstens ein paar Gotteshäuser: Die Klosterkirche Jesus Nazareno, die Kirche Ermita de Santa Ana und die Pfarrkirche San Juan Bautista. Erstaunlicherweise gibt es in dem Ort, wo der FC Schalke 04 zurzeit sein Trainingslager und Winterquartier aufgeschlagen hat, noch keine Wallfahrtskirche San Feliciano, zu Ehren des heiligen Felix. Schließlich scheint Schalkes Coach Felix Magath in diesen Wochen endgültig in den Rang des Trainergottes zu entrücken.

Vom Fachblatt "Kicker" ist er zum "Mann des Jahres" erhoben worden, die Öffentlichkeit kennt ihn nur noch als Meistermacher, Felix den Glücklichen, als Schalkes Erretter aus höchster Not. Als sei das alles noch nicht genug der Ehre, präsentiert er dieser Tage eine personelle Verstärkung nach der anderen - bei einem Verein, bei dem seit Monaten aus Geldnot über nichts anderes als Spielerverkäufe gesprochen wird. Und alles fragt sich: Wie hat er das wieder hinbekommen? Magath arbeitet derzeit eifrig weiter an seinem eigenen Denkmal.

Alexander Baumjohann wechselt von Bayern München zu seinem alten Verein zurück, aus Norwegen kommt Nationalverteidiger Tore Reginiussen. Der Brasilianer Edu, der in Bochum und Mainz allerdings bisher keinen Heldenstatus erreichte, ergänzt den Kader künftig ebenso wie Stürmertalent Bogdan Müller vom Verbandsligisten Neckarelz. Magaths Wunschspieler Peer Kluge kommt aus Nürnberg, der frühere U21-Nationalspieler und England-Profi Moritz Volz, zurzeit ohne Vertrag, trainiert schon mal in Spanien bei den Königsblauen mit.

Er habe in einem Telefonat mit Club-Boss Clemens Tönnies auf die möglichen internationalen Perspektiven und die damit verbundenen Einnahmequellen des Vereins aufmerksam gemacht und dadurch noch ein bisschen Geld locker machen können, hat Magath gewohnt treuherzig mitgeteilt und damit die Stimmung im Verein mal wieder gerettet.

Dauerverletzte kommen auch noch zurück

In den gängigen Fanforen wurde seit Monaten lediglich darüber debattiert, welche Leistungsträger im Winter gehen müssen, um die Finanzlage des Clubs einigermaßen im Lot zu halten. Kuranyi oder doch Bordon, Rafinha steht ohnehin auf der Kippe, was ist mit Torwart Manuel Neuer? Nach dem derzeitigen Stand der Dinge sieht es so aus, als ginge Magath mit dem gesamten Stamm, der dazu beigetragen hat, dass Schalke zur Halbzeit auf Platz zwei der Tabelle steht, in die Rückrunde. Dazu kommen die dauerverletzten Nationalspieler Jermaine Jones und Christian Pander, die bald auch wieder mitmischen wollen.

Über die jungen, vor Saisonbeginn unbekannten Leute, wie Lukas Schmitz, Joel Matip oder Christoph Moritz, die aus dem Nichts den Sprung in die erste Elf geschafft haben, ist genug geschrieben worden. Magath habe sie aus dem Hut gezaubert, wird dann gern kolportiert, als sei der 56-Jährige inzwischen mehr Magier als Fußballlehrer.

Misserfolg und Kritik? Undenkbar

Der Mann hat eine Aura um sich aufgebaut, in der Misserfolg ebenso undenkbar erscheint wie Widerspruch. Selbst Vergleiche mit dem allmächtigen Teammanager von Manchester United, Sir Alex Ferguson, erscheinen manchem in der Sportpresse nicht mehr zu groß. Kritik an seiner Amtsführung, daran, wie er Spieler, die ihm nicht ins Konzept passen, kaltstellt, kann gar nicht erst verstummen, weil keiner wagt, sie überhaupt aufkommen zu lassen. Seine populistische Häme gegen den in Ungnade gefallenen Albert Streit, den er zunächst ungeschützt der Fanwut preisgegeben hat, kann er sich erlauben. Weil er Felix Magath ist.

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Der gebürtige Aschaffenburger verkörpert einen Trainertyp, den es eigentlich seit ein paar Jahren nicht mehr geben sollte, da er als von der Moderne überholt galt. Manchmal autoritär, manchmal altväterlich, die Spieler nicht vordringlich als erwachsene Partner, als hoch bezahlte leitende Angestellte wahrnehmend, sondern als Erziehungspflichtige, die man mit ein paar freien Stunden belohnt oder mit ein paar Magathschen Trainingsmethoden bestraft wie Kinder, die es zu führen gilt. Ein Typ, der beim FC Bayern München mit Louis van Gaal seine Entsprechung findet.

Der alte Typus hat wieder Konjunktur

Dass auch der aktuelle Spitzenreiter Bayer Leverkusen mit Jupp Heynckes einen Coach der alten Schule hat, dass verzweifelten Liga-Managern in der Krise oft nicht anderes einfällt, als den ewigen Ruheständler Hans Meyer um seine gnädige Hilfe zu bitten, passt da ins Bild. Die Projekttrainer, die Konzept-Coaches, die Kumpels an der Seitenlinie, ohne die im deutschen Fußball jahrelang nichts zu gehen schien, scheinen ein bisschen auf dem Rückzug zu sein. Die Bellheims kommen wieder, die Slomkas stehen zurück.

Über den heiligen Felix, einen Bischof aus dem 3. Jahrhundert nach Christus, heißt es, er habe einen halbtoten Greis auf wundersame Weise wieder zum Leben erweckt. Also ungefähr das, was Magath zurzeit beim FC Schalke praktiziert.

Es soll sich bloß niemand wundern, wenn am Ende der Saison der Deutsche Meister aus Gelsenkirchen kommt. San Feliciano wird es wohlgefällig von oben betrachten.

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