Überraschungsteam Schweiz Junge Welteroberer

Souverän ist die Schweiz ins Achtelfinale der WM eingezogen. Vor allem in der Defensive überzeugte das Team von Trainer Jakob "Köbi" Kuhn. In allen drei Vorrundenspielen blieb die Elf ohne Gegentreffer. Einzig die Verletzung eines Abwehrspielers bereitet vor der Partie gegen die Ukraine Sorgen.

Von Pavo Prskalo


Hannover - Sein Gesicht war blutüberströmt. Doch Philippe Senderos lachte. Er strahlte, obwohl er sich soeben eine Platzwunde zugezogen hatte. Doch dies nahm Senderos in diesem Moment gar nicht wahr. Viel wichtiger war dem jungen Abwehrspieler, was wenige Zehntelsekunden nach seinem Zusammenprall mit dem Südkoreaner Choi Jin-Cheul geschehen war. Der Ball zappelte im Netz, Senderos hatte sein Team mit einem Kopfball 1:0 in Führung gebracht.

Also streckte der Torschütze seinen Finger in die Höhe. Erst jetzt bemerkte er, dass er sich verletzt hatte. Senderos lief zum Betreuer, der ihm das Blut aus dem Gesicht wischte. Danach sprintete er zurück in die Viererkette, grätschte und gewann Zweikämpfe, wie er es bereits in den beiden vorherigen Partien getan hatte.

Doch sechs Minuten nach der Pause musste der Kämpfer Senderos aufgeben. Er war gestürzt, und hatte sich an der rechten Schulter verletzt. Die Schmerzen waren zu groß. Seine Teamkollegen hatten am Ende 2:0 gegen die Asiaten gesiegt, aber Trainer Kuhn weiß, dass es im Achtelfinale gegen die Ukraine am Montag um 21 Uhr schwer wird zu bestehen. Dann nämlich wird Senderos, Kopf der Schweizer Abwehr, aller Voraussicht nach fehlen. Und bei den Ukrainern spielt kein Geringerer als Andrej Schewtschenko im Angriff. "Es sieht nicht gut aus für ihn, sein Einsatz ist mehr als zweifelhaft", klagte Kuhn.

Als einziges Team zogen die Schweizer ohne Gegentor in die K.o.-Runde ein, was allerdings nicht nur an der Abwehr um Senderos lag. Auch das Mittelfeld hat großen Anteil daran, dass die Schweiz erstmals seit zwölf Jahren wieder das Achtelfinale einer Fußball-WM erreicht hat. Johann Vogel vom AC Mailand und HSV-Profi Raphael Wicky stehen defensiv kompakt, auf den Außen sorgt zumeist der Leverkusener Tranquillo Barnetta mit schnellen Vorstößen für Gefahr.

Sogar Frankreich, Weltmeister von 1998, ließen die Schweizer in der Gruppe hinter sich. Bereits in der WM-Qualifikation hatten sich Zidane und Co. die Zähne an den Eidgenossen ausgebissen und kamen wie im Gruppenspiel in der vergangenen Woche (0:0) nicht über zwei Remis (1:1 und 0:0) hinaus.

"Alle in der Schweiz werden feiern, als wären wir schon Weltmeister. Sie sollen das genießen. Wir werden es auch genießen", sagte der 21-jährige Barnetta. Er war einer von von sechs Spielern unter 24, die gegen Südkorea auf dem Platz standen. Verteidiger Philipp Degen ist 23 Jahre jung, die eingewechselten Mittelfeldspieler Xavier Margairaz und Valon Behrami sind gerade einmal 22 beziehungsweise 21. Hinzu kommt Abwehrchef Senderos, der mit 21 Jahren, wie auch Kollege Johan Djourou (19), schon beim englischen Spitzenclub FC Arsenal unter Vertrag steht.

Bei einem Topverein könnte nach der WM auch Stürmer Frei (derzeit beim französischen Erstligisten Stade Rennes unter Vertrag) spielen. Er erzielte zwei der vier Vorrundentreffer der Elf. "Die jungen Wilden sind dabei, die Welt zu erobern", erklärte Frei, der mit 26 Jahren zu den Älteren im Team gehört. "Wir haben keines der drei Gruppenspiele verloren und eine gute Figur gemacht."

Einzig Torhüter Pascal Zuberbühler (35) ist im Schweizer Kader über 30 Jahre alt. Allerdings sind die Verteidiger Patrick Müller, Offensivkraft Hakan Yakin wie auch Vogel und Wicky (alle 29)international erfahrene Profis. Trainer Kuhn scheint die richtige Mischung gefunden zu haben.

Für den 62-Jährigen, der nie als Clubtrainer tätig war, ist das Weiterkommen auch ein ganz persönlicher Triumph: Kuhn betreute seine Mannschaft gegen Südkorea zum 50. Mal und wurde bei diesem Jubiläum von seinen Schützlingen mit einer herausragenden Leistung belohnt. So soll das 51. Spiel Kuhns auf der Trainerbank nicht das letzte sein. Auch wenn er dort ohne Senderos auskommen muss. Vielleicht wird dieser ja bis zum Viertelfinale wieder fit. Dort würde der Gewinner der Partie Italien gegen Australien auf die Eidgenossen warten.

Schweiz - Südkorea 2:0 (1:0)
1:0 Senderos (23.)
2:0 Frei (77.)
Schweiz: Zuberbühler - Philipp Degen, Müller, Senderos (53. Djourou), Spycher - Barnetta, Vogel, Wicky (88. Behrami) - Cabanas, Yakin (71. Margairaz) - Frei
Südkorea: Lee Woon-Jae - Lee Young-Pyo (63. Ahn Jung-Hwan), Choi Jin-Cheul, Kim Jin-Kyu, Kim Dong-Jin - Lee Ho, Kim Nam-Il, Park Chu- Young (66. Seol Ki-Hyeon) - Lee Chun-Soo, Park Ji-Sung - Cho Jae-Jin
Schiedsrichter: Elizondo (Argentinien)
Zuschauer: 43.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Senderos, Yakin, Spycher, Wicky, Djourou / Kim Jin- Kyu, Lee Chun-Soo, Park Chu-Young, Choi Jin-Cheul



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