Uefa-Cup-Pleite Werder erlebt sein blaues Wunder

Die Verantwortlichen auf beiden Seiten waren sich einig: Nie und nimmer hätte Werder Bremen gegen die biederen Glasgow Rangers ausscheiden dürfen. Doch den grün-weißen Profis fehlte mal wieder der Killerinstinkt - dafür setzte es nach dem Schlusspfiff reichlich Spott.

Von , Bremen


Man weiß, dass Fußballfans von der Insel nicht nur sangesfreudig, sondern auch erfindungsreich sein können. Also hatte der tanzende und grölende Anhang der Glasgow Rangers, der die Westkurve des Weserstadions auch zu fast mitternächtlicher Stunde nicht zu verlassen gedachte, noch eine Demütigung für die Profis von Werder Bremen parat.

Nicht nur, dass die mitgereisten Schotten die mit dem Weiterkommen ins Uefa-Cup-Viertelfinale gleichbedeutende 0:1-Niederlage so nachhaltig bejubelten wie einen historischen Triumph, nein, sie reckten gemeinsam mit befreundeten Hamburger Fans auch noch Dutzende Fahnen mit dem Logo des norddeutschen Erzrivalen Hamburger SV in die Höhe - die passenderweise ebenso blau leuchteten wie die Trikots der Rangers. Entgeistert trabten Tim Wiese und Kollegen beim Auslaufen an der Szenerie vorbei – optischen Hohn und Spott ertragend.

Zur gleichen Zeit lieferte Werder-Manager Klaus Allofs in der zugigen Mixed Zone am anderen Ende des Stadions eine Analyse, die keinen Spott, aber ungewohnt harsche Kritik an der eigenen Mannschaft offenbarte: "Ich bin sehr, sehr enttäuscht. Das Rückspiel hat meine Ansicht nur verfestigt: Die Rangers haben keine brillante Mannschaft, gegen die man ausscheiden muss."

In der Tat: Den biederen schottischen Handwerker genügten in Hin- und Rückspiel hoher kämpferischer Einsatz und zweckbestimmter Defensivfußball, um das Ziel zu erreichen. Und der bessere Torwart: Während der diesmal nahezu beschäftigungslose Tim Wiese im Hinspiel zweimal böse patzte, wuchs im Rückspiel der schottische Keeper Allan McGregor über sich hinaus. Der 26-Jährige hielt bis auf den feinen Drehschuss von Diego (58.) alles, was 90 Minuten lang fast ununterbrochen auf sein Tor zuflog, darunter den Schuss von Werders Boubacar Sanogo aus kurzer Distanz, den der Schotte noch an die Latte lenken konnte.

Rangers-Teamchef Walter Smith lobte seinen Keeper in feinem britischen Humor: "Unser Torhüter hat uns das Leben gerettet – und mich von Herzattacken verschont." Selbst Smith musste aber eingestehen: "Das Viertelfinale kommt für uns überraschend." Was Allofs wiederum mit süßsaurer Miene kommentierte: "Nach dem Hinspiel wussten die schon nicht, warum sie gewonnen hatten."

Auf der anderen Seite konnten es die Werder-Profis nicht fassen, dass sie ausgeschieden waren. "Uns hat doch nur noch ein Tor gefehlt", stammelte der laufstarke Linksverteidiger Sebastian Boenisch, der zuvor eine Flanke nach der anderen in den schottischen Strafraum geschlagen hatte - und fügte in Richtung des Sonntag-Spiels (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in der Bundesliga gegen den VfL Wolfsburg an: "Wenn wir in der Bundesliga so auftreten, möchte ich die Mannschaft sehen, die uns schlägt." Torschütze Diego sagt: "Ich kann mich nicht erinnern, in einem Spiel einmal so überlegen gewesen zu sein."

Raus mit Applaus - wie bei Rehhagel

Das 1:0 gegen den destruktiven schottischen Rekordchampion war eingedenk der Überlegenheit des Bundesliga-Zweiten in der Tat ein Witz-Resultat – 35:4 Torschüsse, 18:2 Ecken und 15:1-Chancen zählten die Statistiker. Und doch hatte Werder-Trainer Thomas Schaaf recht, der nüchtern feststellte: "Fakt ist: Wir machen die Tore nicht. Gegner wie Glasgow müssen wir mit Toren erdrücken." Die Erkenntnis ist nicht eben neu: Die Bundesliga-Niederlagen dieses Jahres gegen den VfL Bochum, Eintracht Frankfurt und VfB Stuttgart waren ebenso vermeidbar wie das Ausscheiden im DFB-Pokal-Achtelfinale gegen Borussia Dortmund.

Seit dem Double 2004 geht Werder der Killerinstinkt ebenso ab wie die totale Konzentration. Als Ergebnis bleibt der Club nun vermutlich im vierten Jahr ohne Titel und muss angesichts der Konkurrenz aus Hamburg und Leverkusen auch um das Erreichen eines Champions-League-Platzes zittern. Zudem fehlen den Hanseaten nun rund 1,8 Millionen Euro, die über die Zentralvermarktung der Uefa plus Zuschauereinnahmen in die Kasse geflossen wären - hätte man Glasgow ausgeschaltet.

"Wir können auch bei Werder jeden Euro gut gebrauchen", erklärte Allofs, "doch es ist keine Katastrophe, dass dieses Geld jetzt fehlt." Die Situation habe sich nicht dramatisch verschlechtert – das würde sie aber, sollte jetzt die Champions-League-Qualifikation verpasst werden. Allofs mahnt daher: "Das ist vielleicht der einzig positive Aspekt: Wir können uns jetzt ganz auf die Bundesliga fokussieren."

Und von den Fans trösten lassen: Es spricht für das Mitgefühl der ansonsten sehr verwöhnten und zurückhaltenden Bremer Anhängerschaft, dass sie die kickende Belegschaft gestern zu später Stunde mit donnerndem Applaus zu einer Ehrenrunde animierte. Also erledigten Per Mertesacker und Kollegen flugs den Trikottausch, um dann tapfer ein bisschen Trost zu erhalten.

Ein wenig erinnerte diese Raus-mit-Applaus-Szenerie an frühere Europapokal-Abende des SV Werder. In den achtziger Jahren unter Otto Rehhagel starben die Grün-Weißen auf internationaler Bühne des öfteren in Schönheit. Schon im Dezember 1982 stand der schottische Underdog Dundee United mit einem ermauerten 1:1-Remis im Weg – auf der Bank saß kopfschüttelnd als Assistenztrainer der heutige Rangers-Coach Smith, der sich gestern an die Vergangenheit erinnert sah: "Damals ging der Ball sechsmal an den Pfosten und wurde fünfmal von der Linie gekratzt. Es war ein Wunder, dass wir ungeschoren davon kamen." Wie heute.



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