Uefa-Cup-Spiel gegen Milan Bremen hat ein Problem - Diego

Erst spielen sie die Bayern an die Wand, dann stürzen sie gegen einen Club aus Zypern ab: Fans rätseln über die enormen Schwankungen bei Werder Bremen. Dabei hat das Problem einen Namen. Immerhin - die Aussichten für das Uefa-Cup-Spiel gegen den AC Mailand sind nicht schlecht.

Von Christoph Biermann


Seit Jahren hat Werder Bremen seinen Anhängern nicht mehr so viele Rätsel aufgegeben wie in dieser Saison. Wie ist es möglich, dass ihr Team 5:2 beim FC Bayern gewinnt und Hertha BSC mit 5:1 aus dem Stadion fegt, aber zu Hause gegen Arminia Bielefeld, in Mönchengladbach und Karlsruhe verliert? Wieso hat Werder in der Champions League vier Punkte gegen den überlegenen italienischen Tabellenführer Inter Mailand geholt, aber nur zwei gegen Anorthosis Famagusta aus Zypern?

An guten Tagen vermag Werder immer noch zu zaubern und jenes Spiel zu zeigen, das die Mannschaft in den vergangenen Jahren nicht nur erfolgreich, sondern bei vielen Fußballfans auch beliebt gemacht hat. Es ist gegen den Trend im internationalen Fußball von der Offensive aus gedacht und das Team dementsprechend mit angriffslustigen Spielern besetzt. Deshalb hat in der Bundesliga auch keine Mannschaft mehr Torgelegenheiten als die Bremer herausgespielt. Angesichts der Zahl der eigenen Treffer wäre Werder im Bundesliga-Vergleich sogar ein Kandidat für die Champions League, doch der defensive Part ihres Spiels stimmt nicht mehr.

Wenn man nach den Gründen schaut, landet man bei einem strukturellen Problem, das einen Namen trägt: Diego. Keine Mannschaft in der Bundesliga ist so sehr von der Verfassung eines Spielers abhängig wie Werder Bremen von Diego, nicht einmal der FC Bayern von Ribéry. An seinen besten Tagen hat der kleine Brasilianer eine Präsenz wie nur wenige andere Akteure, dann zieht er das Bremer Spiel komplett an sich und erreicht überall Spitzenwerte. Beim Sieg in München etwa lief er insgesamt 11,5 Kilometer, die Sprintstrecke (über 21 Kilometer pro Stunde) war 636 Meter lang, und 70 Prozent seiner Vorwärtspässe kamen an.

An schlechten Tagen, wie bei der Niederlage in Stuttgart, brechen diese Werte jedoch ein. Dort sprintete er nur noch 406 Meter, und seine Erfolgsquote bei Pässen nach vorne sank auf 56 Prozent. Solche Durchhänger oder gar sein Fehlen bedeuten gleich höchste Gefahr für die Balance im Bremer Spiel. Es gibt niemanden, der ihn offensiv annähernd ersetzen könnte, auch Mesut Özil nicht. Bedenklicher ist aber noch, dass dann auch Werders strukturelle Probleme in der Defensive offensichtlich werden.

Real Madrid ist schon mal als "Schlachthaus für Verteidiger" bezeichnet worden, weil diese oft die ganze Last freudvoller Offensive tragen müssen. Bei Werder Bremen ist es nicht ganz so dramatisch, aber die Abwehrreihe bekommt oft mehr Arbeit aufgepackt, als gut wäre. Setzen die Bremer ihren Gegner nicht vorne ausreichend unter Druck, erweist es sich schnell als Problem, dass verlässlich ins Spiel gegen den Ball nur die vier Verteidiger und der jeweilige Spieler vor ihnen, Torsten Frings oder Frank Baumann, eingebunden sind. Die anderen fünf Feldspieler machen das Maß der Defensivarbeit hingegen von ihrer Tagesform abhängig.

Die Gegner haben das natürlich längst erkannt, und so kommt es immer häufiger vor, dass sie Werder zeitiger attackieren, als sie das früher gewagt hätten. Trainer Thomas Schaaf versuchte dem Problem zuletzt dadurch beizukommen, indem er mit Baumann und Frings zwei defensiv denkende Spieler zusammen einsetzte.

Überhaupt ist Bremens Trainer in dieser Saison so sehr wie noch nie dazu genötigt, die Stellschrauben nachzujustieren. Doch die Balance im Spiel findet Werder stets nur mit großer Mühe. Hat Diego etwa keinen so guten Tag und bekommt auch noch Özil als Adjutanten, kann das schon zu viel der Offensive sein. Auch Frings mäßige Form spielte auf der Suche nach dem Gleichgewicht eine Rolle oder die Probleme von Per Mertesacker, der gemeinsam mit Naldo früher manche Panne einfach hinten korrigiert hat und dazu im Moment nicht in der Lage ist.

Doch gerade angesichts der Spiele gegen den AC Mailand können Werder-Fans hoffen, dass ihre Mannschaft dort sehr wohl ausbalanciert sein wird. Die große Bühne hat ihr schließlich schon oft gut getan, nicht zuletzt weil sie Diego zu besonderen Leistungen inspirierte.

Nur um diese Saison insgesamt noch zu retten, reichen Teilzeit-Aufschwünge nicht mehr aus.



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