Europas Fußballverband und Russland Das feige Uefa-Business

Die Uefa entzieht Russland das Champions-League-Finale – jede andere Entscheidung wäre auch nicht vermittelbar gewesen. Vor dem Schritt, der wirklich wehtun würde, schreckt der Verband aber zurück.
Wladimir Putin und der Fußball

Wladimir Putin und der Fußball

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YURI KADOBNOV/ AFP

Am Mittag war dann schon wieder Business as usual angesagt. Die nächste Runde in Europa League und Conference League musste ausgelost sein, RB Leipzig erhielt mit Spartak Moskau einen russischen Gegner, und die Schlagzeile danach lautete: »RB-Trainer trifft auf seinen Ex-Klub.« Die Fußball-Familie unter sich.

Von einer neuen Weltordnung ist dieser Tage nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine die Rede, der Zeremonie der Uefa im schweizerischen Nyon war das nicht zu entnehmen. Eher dann schon der dürren Pressemitteilung, die der europäische Fußballverband zuvor herausgegeben hatte. Und in der er im Anschluss an eine Sondersitzung des Exekutivkomitees mitteilte, was gestern schon allenthalben durchgesickert war: Das Champions-League-Finale im Mai wird nicht wie geplant in Sankt Petersburg ausgetragen, sondern in Paris.

Eine Entscheidung ohne Alternative, das war auch dem Exekutivkomitee früh klar geworden. Andere kleinere Sportveranstaltungen, die auf russischem Boden stattfinden sollten, wie ein ATP-Challenger-Turnier im Tennis waren schon am Donnerstag abgesagt worden. Die deutschen Skicrosser haben ihre Teilnahme am Weltcup in dem russischen Ort mit dem jetzt erst recht zynisch anmutenden Namen Sunny Valley zurückgezogen. Der Skiweltverband Fis hat alle Weltcups in Russland gestrichen.

Künftig auf neutralem Boden

Angesichts dessen wäre die Entscheidung, ausgerechnet das größte Sportereignis des Jahres im europäischen Klubfußball in Russland zu belassen, wäre niemandem vermittelbar gewesen.

Auch der Beschluss, die russischen und ukrainischen Teams ihre Pflichtspiele künftig auf neutralem Boden ausspielen zu lassen, ist keine große Überraschung, vielmehr der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich in der Uefa alle einigen können.

Das trifft in der Europa League RB-Gegner Spartak, das einzig verbliebene russische Team im Europapokal, es gilt aber auch für die Partien der Nations League im Juni. Beide Mannschaften, Russland und die Ukraine, sind dort in den B-Ligen vertreten, allerdings in unterschiedlichen Gruppen – dass ukrainische und russische Teams nicht aufeinandertreffen, darauf hatte die Uefa schon in der Vergangenheit bei Auslosungen tunlichst geachtet.

Ein Ausschluss der russischen Teams, den man auch hätte erwägen können, wurde dagegen nicht vollzogen.

Fifa und Uefa haben die Bühne bereitet

All das hat der europäische Verband ohne große Schmerzen regeln können. Anders ist es bei der Frage des Sponsorings. Hier geht es ans Eingemachte, und entsprechend hat sich die Uefa am Freitag um ein klares Votum gedrückt. Gazprom, der russische Staatskonzern, ist Premium-Sponsor der Uefa, Werbung des Konzerns gehört bei jeder Champions-League-Partie dazu. Auch bei der EM 2024 in Deutschland ist das Gazprom-Geld fest eingeplant. Das Stadion in Sankt Petersburg, das das Champions-League-Endspiel beherbergen sollte, heißt treffenderweise Gazprom-Arena.

Uefa-Chef Aleksander Ceferin

Uefa-Chef Aleksander Ceferin

Foto: YVES HERMAN / REUTERS

Der Vorstandschef von Gazprom, Alexander Dyukow, ist zudem nicht nur Präsident des russischen Fußballverbandes, er gehört seit 2021 darüber hinaus dem Exekutivkomitee der Uefa an. Ein mächtiger Mann, und mit dem will sich der europäische Fußball ganz offensichtlich nicht anlegen.

Die Frage, wie man mit Gazprom in Zeiten des Krieges umgeht, sei kein Thema gewesen, teilte Rainer Koch als Vertreter des DFB im Exko anschließend mit. Es sei dem Gremium am Freitag viel mehr um die Klärung der »dringlichsten Fragen« gegangen, und dazu gehört das Thema Gazprom demnach nicht. »Dennoch ist es ein Thema, das uns beschäftigt«, so Koch.

Herumkumpeln mit Matthäus

Die Verbände, dazu gehört vor allem anderen die Fifa als Weltverband, haben die Vorteile des Sponsorings aus Russland über die Jahre zu schätzen gewusst, ohnehin hat der Fußball dem russischen Regime über viele Jahre bereitwillig eine Bühne geboten – mit der Fußball-WM 2018 in Russland als Krönung.

Gianni Infantino, Wladimir Putin, Lothar Matthäus 2018

Gianni Infantino, Wladimir Putin, Lothar Matthäus 2018

Foto: Alexander Zemlianichenko/ AP

Die Bilder vom Roten Platz, wie Präsident Wladimir Putin mit Fifa-Boss Gianni Infantino und ehemaligen Fußballgrößen wie Lothar Matthäus herumkumpelte, sind um die Welt gegangen. Putin ist auch durch den Fußball ein Stück salonfähige geworden. Jetzt eine Rolle rückwärts zu vollziehen, fällt den Funktionären schwer.

Fifa scheut die Entscheidung

So hat die Fifa die Weigerung mehrerer Nationalverbände, die Playoffs zur WM-Qualifikation im Frühjahr nicht auf russischem Boden auszutragen, am Donnerstag lediglich zur Kenntnis genommen. Schweden, Polen und Tschechien haben in einer gemeinsamen Erklärung festgehalten, dass sie nicht gewillt seien, in Russland anzutreten. Nach der Auslosung trifft Russland im März im Halbfinale auf Polen, im Finale wären Schweden oder Tschechien die Gegner.

Infantino nahm diese Erklärung, die rechtzeitig zu einer Sitzung des Fifa-Councils einging, eher achselzuckend hin. Die Spiele fänden ja erst in einem Monat statt, »vielleicht ist die Situation bis dahin schon gelöst«, sagt er. »Im Moment ist es so, dass wir die Lage weiter beobachten«, so der Fifa-Chef.

Das ist ein Lieblingssatz im Weltsport seit diesem Donnerstag geworden. Wenn man sich zu keiner Entscheidung durchringen will, dann zieht man sich darauf zurück, die »Situation zu beobachten«. Das IOC hat so reagiert, die Fifa, auch die erste Reaktion der Uefa war ebenfalls identisch.

Die Auseinandersetzung mit Gazprom ist damit mindestens vertagt. Wenn man sie überhaupt wagt. Gazprom-und Fußball-Boss Dyukow hat jedenfalls schon auf den Beschluss, Sankt Petersburg das Endspiel wegzunehmen, angesäuert reagiert: »Wir glauben, dass die Entscheidung von politischen Gründen diktiert ist. Der russische Verband hält sich immer an das Prinzip, den Sport aus der Politik herauszuhalten.« Der letzte Satz zumindest klingt doch ganz im Sinne von Infantino und Co.

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