Uefa-Präsidentschaftsfavorit Ceferin  Aus dem Nichts an die Verbandsspitze

Vor wenigen Monaten war Aleksander Ceferin nahezu unbekannt, am nächsten Mittwoch wird der Slowene wohl zum neuen Uefa-Präsidenten gewählt. Seinen Aufstieg verdankt der Anwalt nicht nur dem eigenen Können.

Aleksander Ceferin
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Aleksander Ceferin

Aus Kopenhagen berichtet


Wenn am kommenden Mittwoch in Athen der neue Uefa-Präsident gewählt wird, muss sich Fußball-Europa wohl mit einem neuen Namen vertraut machen. Nach Lage der Dinge wird der dann achte Präsident in der Geschichte der Europäischen Fußball-Union Slowene sein und Aleksander Ceferin heißen - Beobachter schreiben dem 48 Jahre alten Anwalt aus Ljubljana schon 40 Stimmen der aktuell 55 Nationalverbände zu. Wer ist der Mann, der so schnell wie wenige aufgestiegen ist?

Ceferin ist seit 2011 Verbandspräsident Sloweniens, war aber selbst in Verbänden, die ihn nun unterstützen, bis vor wenigen Monaten kaum bekannt. Seine Unterstützer sitzen vor allem in Russland, wo Sportminister Witali Mutko die Fäden zieht und rund ein Viertel der europäischen Verbände befehligt. Aber auch die Franzosen und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) haben sich auf den Newcomer vom Balkan festgelegt.

Am Mittwoch sammelte Ceferin die Stimmen aus Polen und der Slowakei ein. "Jede Unterstützung ist großartig", sagte er tags darauf, "ich unterscheide da nicht zwischen kleinen und großen Nationen und wie wichtig deren Regierungen sind". Am Donnerstag stellte sich Ceferin mit seinem einzig verbliebenen Kontrahenten Michael van Praag, Präsident des Niederländischen Fußballbunds KNVB, in einem Flughafenhotel in Kopenhagen den sechs nordischen Föderationen. Für das Treffen hatte eigentlich auch die spanische Skandalnudel Ángel María Villar Llona zugesagt, doch der Interimspräsident der Uefa und Vizepräsident der Fifa zog vor zwei Tagen seine Kandidatur zurück.

Ist van Praag noch erwünscht?

Die Skandinavier hatten überraschend bereits vor einigen Monaten die präsidiale Offerte von Ceferin unterstützt. "Warten wir mal ab, was in Athen passiert", sagte Ceferin nach seinem Treffen in Kopenhagen, "aber ich denke, dass die Kollegen für mich stimmen". Van Praag sagte, er verlasse die dänische Hauptstadt "mit einem guten Gefühl". Doch derlei gute Gefühle hatten ihn in den vergangenen Wochen zu oft getäuscht. Von den großen Fußballnationen bleiben ihm nur die Unterstützung aus England und Belgien. Wobei ein Pro durch die englische Football Association in diesen Kreisen eher als Belastung gilt. Denn die Engländer sind in den vergangenen Jahren, manchmal gemeinsam mit den Holländern, auf Fifa- und Uefa-Kongressen zu oft gegen den Strom geschwommen, haben Aufklärung und Transparenz gefordert und damit die Mehrheit der sogenannten Fußballfamilie schwer verärgert.

In Kopenhagen Kastrup ging es für die beiden Wahlkämpfer sofort weiter in den nächsten Flieger. Der italienische Verband hat für Freitag mehr als 30 Föderationen nach Florenz eingeladen, um für Ceferin Stimmen zu sichern. Auch van Praag jettet in die Toskana. Er wurde schon vor Wochen eingeladen, inzwischen drucksen die Italiener allerdings herum und van Praag weiß nicht einmal mehr, ob man ihn zu dem Meeting zulässt. So wird ihn das Wahlvolk vielleicht nicht einmal mehr fragen können, ob er mit der Reform der Champions League einverstanden ist. Die Neuverteilung der Startplätze und der Milliarden aus der Champions League ist unter kleinen Nationen und Klubs höchst umstritten. Da sind sich Ceferin und van Praag sogar einig. Beide zeigten sich in Kopenhagen überrascht von den Plänen und gaben zu Protokoll, dass das letzte Wort darüber längst nicht gesprochen sei.

Van Praag, der im vergangenen Jahr kurzzeitig auch für die Fifa-Präsidentschaft kandidierte, aber vor dem Wahlkongress im Mai 2015 zurückzog, bleibt dennoch ein Außenseiter. Russlands Sportminister Mutko, Mitglied im Council des Weltverbands Fifa und mitverantwortlich für ein Staatsdopingsystem, das die Sportwelt seit Monaten erschüttert, hat den Holländer kürzlich scharf angegriffen. Van Praag, ein Mann von tadellosem Ruf (was selten ist in diesem Business), habe mit seinem Eintreten für Transparenz einen Keil in die Familie des Weltfußballs getrieben. Im Grunde weiß van Praag wohl schon, dass das Rennen verloren ist. "Werde ich nicht Präsident, kann ich trotzdem weiter in den Spiegel schauen", sagt er. "Denn ich habe nichts zu verbergen."

Michael van Praag
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Michael van Praag

Über die sportpolitischen Deals von Mutko, des Fifa-Präsidenten Gianni Infantino, dessen neuer Berater Kjetil Siem für Ceferin Strippen zieht, und die fragwürdige Haltung der skandinavischen Verbände hatte kürzlich das norwegische Fußballmagazin "Josimar" berichtet. Ceferin bezeichnete die Recherchen im Grunde als einzige große Lüge. Er sei weder eine Marionette Infantinos noch eine Marionette Mutkos. Er agiere völlig unabhängig und bezahle seinen Wahlkampf aus eigener Tasche. "Ich werde aus allen Teilen Europas unterstützt. Damit haben Journalisten, die Verschwörungstheorien stricken, nun eben Probleme." Er habe dem schwedischen Verbandschef Karl-Erik Nilsson auch keinen Sitz im Exekutivkomitee versprochen. Nilsson stritt derlei Berichte ebenso ab.

"Ich sollte eher Journalisten fragen, wie sie sich fühlen, solche Lügen zu verbreiten", schimpfte Ceferin, der sportpolitische Aufsteiger des Jahres. Der Duktus seiner Ausführungen erinnerte an den ehemaligen Fifa-Präsidenten Joseph Blatter, der auch gern den angeblich von bösen westlichen Medien Verfolgten spielte. Ceferin lästerte: "Es irritiert offenbar einige Beobachter, wenn ein Typ aus Slowenien, das manche mit der Slowakei verwechseln, ohne große Erfahrung im Fußballgeschäft plötzlich aus dem Nichts auftaucht." Und Uefa-Präsident wird - auf diesen Zusatz verzichtete Ceferin. Er hält es für völlig normal, dass er von Verbänden schon zu einem Zeitpunkt unterstützt wurde, als er noch nicht mal ein Programm vorgelegt hatte. Das Programm ist auch jetzt noch ziemlich dünn, eine Ansammlung von Allgemeinplätzen. Das Manifest van Praags ist deutlich aussagekräftiger.

Während sein Kontrahent van Praag in Kopenhagen mehr als eine Stunde Rede und Antwort stand, verließ Ceferin nach zwanzig Minuten den Meetingraum "Thor". Der Mann weiß eben genau, dass Wahlen nicht mit Interviews entscheiden werden.



insgesamt 4 Beiträge
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foerster.chriss 08.09.2016
1. Nichts gelernt.
In der Evolution sterben in der Regel diejenigen aus, die sich am schlechtesten an die Umwelt anpassen. Kurzfristig mag das innerhalb der UEFA für eine (gutartige) Mutation wie van Praag gelten. Wenn sich die UEFA allerdings selbst nicht an ihre Umwelt anpasst, dürfte der Verband bald dem Aussterben entgegensehen.
thomas haupenthal 08.09.2016
2. Gut...
...Blatter und Platini sind weg, aber was hat sich geaendert? Nichts. Null. Immer die gleichen trueben Tassen, heissen sie nun Blatter, Infantino, Niersbach oder wie dieser Heini aus Slowenien, ich komme nicht auf den Namen. Spielt auch keine Rolle, da koennte auch ein Besenstiel Praesident sein. Immer weiter so, mehr vom Gleichen...bis der Sport kaputtgeht, am Geld krepiert. Nein, nicht richtig, der Fussball ist nicht zu zerstoeren, er ist so einfach. Was braucht man denn um Fussball zu spielen? Einen Ball, vier Jacken Und ganz viel Spass. Und dann los...
torflut 09.09.2016
3. @thomas haupenthal
Ich schließe mich dieser Überzeugung an! Der Fußball wird überleben! Und diesen inzwischen unapetitlich stinkenden Funktionärskriminellen wünsche ich einen kurzen steilen Absturz. Wo immer möglich mit rechtstaatlichen Mitteln der Verbrechensbekämpfung!
thomas.kistler 09.09.2016
4. Als ich gelesen habe, dass er von Mutko unterstützt wird ...
... habe ich sofort aufgehört, weiter zu lesen. Gute Nacht, UEFA und in ein paar Jahren kommt dann der französische Link-Michel zurück.
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