Uefa-Präsident Platini Charmanter Anti-Blatter

Joseph Blatter strebt unbeirrt von aller Kritik der vierten Amtszeit als Fifa-Boss zu - ein Präsident auf Abruf ist er trotzdem. Uefa-Chef Michel Platini wäre derzeit der einzig denkbare Nachfolger. Der Franzose pflegt das Image eines Reformers und ist relativ unbelastet von Korruptionsvorwürfen.
Uefa-Präsident Platini: Fifa-Boss im Wartestand

Uefa-Präsident Platini: Fifa-Boss im Wartestand

Foto: PAUL HACKETT/ Reuters

Joseph Blatter wäre sicher empört, wenn man ihn als "lahme Ente" bezeichnet. Schließlich verweist der 75-jährige Schweizer allzu gerne darauf, dass er auch in fortgeschrittenem Alter jeden Tag noch mit einem morgendlichen Tänzchen beginnt. In Sachen Fifa-Vorsitz dagegen ist Blatter zuletzt aus dem Takt geraten. Auch wenn er am Mittwoch noch einmal für eine letzte Amtsperiode wiedergewählt werden dürfte: Blatter ist nach dem gewaltigen Korruptionsskandal, der sich dieser Tage offenbart, nur noch ein Präsident auf Abruf.

Der Nachfolger steht längst bereit. Der nächste Fifa-Präsident kann nach gegenwärtigem Stand nur Michel Platini heißen. Der Franzose, Vorsitzender des europäischen Fußball-Verbandes Uefa, bringt derzeit als Einziger die Reputation mit, den Weltverband in ruhigere Gefilde zu führen.

Der 55-jährige frühere Weltklassespieler gilt als unbelastet von Skandalen und Bestechungsvorwürfen - auch wenn die umstrittene EM-Vergabe an Polen und die Ukraine in den Beginn seiner Amtszeit fiel. Das unterscheidet ihn von fast der Hälfte aller Mitglieder der 24-köpfigen Fifa-Exekutive, aus der mindestens zehn Funktionäre unter Korruptionsverdacht stehen. Platini weiß den einflussreichen Kontinentalverband Europa hinter sich. Seit 2007 steht er an der Uefa-Spitze. Als im Februar dieses Jahres die Wiederwahl anstand, wurde er per Akklamation ohne Abstimmung im Amt bestätigt. Platini ist in der Uefa unumstritten.

Lieblingsprojekt Financial Fair Play

Der Franzose hat mit Blatter dessen Fußball-Rhetorik gemeinsam: Beide reden gerne über die Ideale des Sports, über Fankultur und die soziale Verantwortung des Fußballs. Aber während sich dies bei Blatter wie wertloses Wortgeklingel anhört, versteht es Platini relativ clever, sich als Fußball-Reformer zu inszenieren. Sein Lieblingsprojekt Financial Fair Play wird von ihm als Modell verkauft, dem Clubfußball den Größenwahn der Vergangenheit auszutreiben und die Vereine wieder zu ökonomisch vernünftigem Handeln zurückzuführen.

Großclubs wie Real Madrid oder der FC Chelsea brauchen deswegen noch lange keine Angst zu haben, dass ihnen der Geldfluss gestoppt wird. Schon jetzt gibt es genug Hinweise, dass Financial Fair Play, das ab 2013 offiziell eingeführt werden soll, ausreichend Schlupflöcher offen lässt. Aber Platini steht als derjenige in der Öffentlichkeit dar, der den Fußball vom Kopf auf die Füße stellt. For the Good of the Game - wie sich die Fifa mal als Slogan erwählt hat.

Dass er zudem kleinen Verbänden zu mehr Startplätzen in der Champions League verholfen hat und die Europameisterschaften auf 24 Teilnehmer ausweiten will, hat dem Franzosen in der Uefa noch mehr Unterstützer beschert. Europa hat zudem in Sachen WM-Vergabe in den vergangenen Jahren zurückstecken müssen - die Uefa wird im Gegenzug auf ihren Anspruch pochen, die oberste Position im Weltfußball zu besetzen.

Zwanziger kommt nicht in Frage

Andere aussichtsreiche Bewerber sind nicht in Sicht, stehen entweder selbst unter Korruptionsverdacht, sind zu alt oder zu jung. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ist zwar der größte Verband der Welt - sein Präsident Theo Zwanziger jedoch wird erst am Mittwoch als Nachfolger von Franz Beckenbauer in die Fifa-Exekutive hineingewählt. Für den Fifa-Spitzenjob kommt er noch nicht in Frage.

Blatter soll am Mittwoch für vier weitere Jahre gewählt werden. Er hat selbst bereits angekündigt, es werde seine letzte Legislaturperiode werden. Schon jetzt gibt es allerdings Planspiele, den Schweizer zu einer vorzeitigen Amtsaufgabe in zwei oder drei Jahren zu bewegen, um dann Platz für Platini zu machen. Der Franzose wäre dann immer noch jung genug - die Europameisterschaft 2016 in seinem Heimatland würde er ohnehin als Boss des Weltfußballs erleben.

Platini hat zudem den gewaltigen Vorteil, im direkten Gespräch weit umgänglicher zu wirken als Blatter. Die öffentlichen Auftritte des Schweizers hatten zuletzt meist unfreiwillig komische Züge. Die Art und Weise, wie er geradezu fluchtartig die Fifa-Pressekonferenz am Montag in Zürich beendete, um den unangenehmen Fragen der Journalisten zu entgehen, steht für den Autoritätsverfall, den Blatter mittlerweile erfahren hat. Der 75-Jährige ist immer noch ein gewiefter Taktiker, er hat auch jetzt wieder ein untrügliches Gespür für Machterhalt bewiesen - in der Öffentlichkeit erntet er dennoch zunehmend Spott.

Platini beherrscht die Charme-Offensive

Seine Idee, sich selbst als möglichen Friedensnobelpreisträger ins Spiel zu bringen, sein Gebaren aus dem Vorjahr, sich bei der WM in Südafrika als Wohltäter des afrikanischen Erdteils feiern zu lassen, die Marotte, das Fifa-eigene Flugzeug "Fifa One" zu nennen, als sei es die Maschine des mächtigsten Mannes der Welt - all dies streift die Grenze zur Peinlichkeit.

Platini dagegen beherrscht die Kunst der Konversation, auf allen Ebenen. Er findet bei Fans, Spielern und Schiedsrichtern ebenso den Ton wie bei Funktionären und hohen Politikern. Wer erlebt, wie er antichambriert, umarmt, charmant lächelt, Anekdoten erzählt, der ahnt, worauf Platini seine Macht baut. Auf persönliche Netzwerke, auf Freundschaften. Da wiederum ist er gar nicht so weit von Blatter entfernt.

Der Uefa-Chef hat am Wochenende noch einmal deutlich gemacht, dass er nicht daran denke, derzeit für das Amt des Fifa-Chefs zu kandidieren. Er will Blatter nicht vor den Kopf stoßen, keine Irritationen im eigenen Kontinentalverband hervorrufen.

Platini weiß: Die Zeit arbeitet für ihn.