Uefa schafft Financial Fair Play ab Wird der Fußball jetzt gerechter?

Das alte Finanzkontrollsystem für den Spitzenfußball ist gescheitert. Nun erschafft sich die Uefa ein neues. Was hinter den Regeln steckt – und wen sie wohl begünstigen.
Die Stars von PSG dürfen wohl auch künftig aus Goldkelchen trinken: Hier Neymar (links) und Kylian Mbappé

Die Stars von PSG dürfen wohl auch künftig aus Goldkelchen trinken: Hier Neymar (links) und Kylian Mbappé

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Aurelien Meunier / PSG / Getty Images

Das Financial Fair Play, das Finanzkontrollsystem des europäischen Fußballs, soll künftig nicht mehr Financial Fair Play heißen, sondern »Reglement zur finanziellen Nachhaltigkeit«. Und womöglich steckt in der Streichung des Worts »fair« auch schon der wahre Kern dieses Unterfangens.

Der europäische Fußballverband will aber nicht nur dem Kind einen neuen Namen geben, die Uefa möchte auch die Rahmenbedingungen für die Profiklubs verändern – vor allem, weil sich das alte Financial Fair Play als unwirksam erwiesen hat.

Ob mit dem neuen Regelwerk, das Anfang April vom Uefa-Exekutivkomitee beraten und abgesegnet werden soll, aber nun wirklich mehr Gerechtigkeit im Fußball eintritt, ist sehr zu bezweifeln. Worum es geht, was sich ändert, ob sich überhaupt im Kern viel verändert – hier gibt es die Antworten dazu.

Was sollte das Financial Fair Play bezwecken?

2009 hatte die Uefa den Beschluss gefällt, das Financial Fair Play einzuführen. Zu einer Zeit allerdings, als der Investorenfußball erst im Entstehen war. Beim FC Chelsea hatte seit 2003 zwar schon Roman Abramowitsch das Sagen, Katar stieg aber erst 2011 bei Paris Saint-Germain ein, Abu Dhabi bei Manchester City exakt in jenem Jahr 2009.

Manchester City gilt als Paradebeispiel dafür, wie zahnlos das bisherige Financial Fair Play war

Manchester City gilt als Paradebeispiel dafür, wie zahnlos das bisherige Financial Fair Play war

Foto: Matt McNulty - Manchester City / Manchester City FC / Getty Images

Das Financial Fair Play FFP besagt, dass die Ausgaben der Klubs die Einnahmen nicht relevant überschreiten dürfen, um zu verhindern, dass Klubs reihenweise insolvent gehen. Doch schon damals wurde eine Hintertür eingebaut: Eine Lücke von 30 Millionen Euro zwischen Einnahmen und Ausgaben durfte von externen Investoren ausgeglichen werden. Diejenigen Großklubs, die bis dahin kontinuierlich über ihre Verhältnisse lebten, hatten sich zudem schon ihren Vorsprung erarbeitet und wurden nicht mehr rückwirkend sanktioniert.

Bei Missachtung drohen Strafen, vom Transferverbot bis hin zum Ausschluss aus europäischen Wettbewerben. So weit die Theorie. Aber die Bestimmungen wurden in der Folge immer wieder angepasst – besser gesagt: aufgeweicht.

Welche Schwächen hatte das FFP?

Viele. Der Hauptmangel war die fehlende Bereitschaft und Fähigkeit der Uefa, Verstöße wirklich angemessen zu sanktionieren. So kam – auch dank der Spiegel-Enthüllungen der Football Leaks – ans Tageslicht, dass Manchester City und Paris Saint-Germain die Bestimmungen des FFP deutlich verletzt hatten. Ohne echte Konsequenzen.

Statt die Klubs aus den europäischen Wettbewerben hinauszuwerfen, wurde das Thema mit einer Geldstrafe ad acta gelegt. Auch, weil die Klubs entsprechend sportpolitischen Druck ausgeübt hatten. PSG-Boss Nasser Al-Khelaifi ist mittlerweile im Uefa-Exekutivkomitee einer der einflussreichsten Männer im europäischen Verband.

Tatsächlich kamen gerade die großen Klubs wie PSG, wie City, das 2020 noch einmal dem Champions-League-Ausschluss entkam, glimpflich davon, die Uefa statuierte ihr Exempel lieber an weniger prominenten Teams. Das Financial Fair Play verkam damit letztlich zu einem Instrument, mit dem sich die Topklubs Konkurrenz vom Leib halten konnten. Die Ungerechtigkeit im Spitzenfußball wurde eher größer als geringer.

Der 113-Millionen-Mann Romelu Lukaku

Der 113-Millionen-Mann Romelu Lukaku

Foto: Michael Regan / Getty Images

Unter dem Dach des FFP explodierten davon weitgehend unbeeindruckt die Transfersummen: von Neymar zu PSG (222 Millionen Euro) bis Romelu Lukaku zu Chelsea (113 Millionen Euro) oder Jack Grealish zu Manchester City (117 Millionen). Ungeachtet dessen, ob die Klubs diese Megatransfers im Einklang mit ihrer Einnahmesituation unternahmen.

Die Entwicklung, die reichen Klubs immer reicher werden zu lassen und überschuldete Klubs wie den FC Barcelona dennoch ungeniert auf dem Transfermarkt gewähren zu lassen, hat das FFP nicht aufgehalten. Nach mehr als zehn Jahren müssen die Ziele des FFP daher als gescheitert betrachtet werden.

Was ändert sich mit dem neuen Regelwerk?

Der neue Regelentwurf ist noch nicht offiziell, am 7. April steht er im Exekutivkomitee zur Abstimmung. Details sind jedoch bereits durchgesickert, die »New York Times« und die Nachrichtenagentur AP berichten übereinstimmend über die neuen Regularien. 

Demnach soll künftig ein prozentuales Verhältnis das Maß der Dinge sein: Die Klubs sollen maximal 70 Prozent ihres Budgets in den Kader investieren dürfen. Dieses Ziel soll stufenweise erreicht werden: Zunächst soll es noch möglich sein, auch 90 Prozent in den Kader zu stecken, dann 85 und schließlich 70.

Verstöße dagegen sollen laut dem Entwurf künftig damit bestraft werden, dass Teams zum Beispiel aus der Champions League in die Europa League herabgestuft werden, obwohl sie sich sportlich für die Königsklasse qualifiziert hatten.

Vom Tisch scheint dagegen eine Gehaltsobergrenze, der sogenannte Salary Cap – eine Idee, die Uefa-Präsident Aleksander Čeferin vor Monaten in die Debatte eingebracht hatte. Dies wäre ein tatsächlicher Einschnitt in die bisherigen Usancen der Branche gewesen und hätte die Transferpolitik deutlich verändert. Čeferin hatte sich davon eine größere Gleichbehandlung der Klubs erhofft, aber von dieser Maßnahme war jetzt keine Rede mehr. Zumal es im Vorfeld Bedenken gab, dass so eine Obergrenze kleineren Klubs kaum helfen würde, die Lücke zu den Großvereinen zu schließen. Auch gab es offenbar rechtliche Hindernisse.

Al-Khelaifis Rolle

Davon sollte man nicht ausgehen. Allein die Tatsache, dass Al-Khelaifi der bei der Uefa Verantwortliche für die Ausarbeitung des neuen Regelwerks war, lässt darauf schließen, dass die Großvereine vor allem ihre eigenen Interessen im Auge behalten haben. Der PSG-Boss ist schließlich auch Vorsitzender der ECA, der Organisation, in der die europäischen Topklubs sich zusammengeschlossen haben.

Das Festlegen der Kader-Investitionen auf 70 Prozent ist wahrscheinlich nur auf dem Papier ein begrenzender Faktor. Die Premier-League-Klubs, die über ihre üppigen TV-Verträge und das Kapital ihrer Eigentümer über in Europa weitgehend einzigartige Finanzmittel verfügen, dürften von der 70-Prozent-Regel kaum eingeschränkt werden und ihren Vorsprung gegenüber anderen Ligen noch ausbauen. Die Hegemonie des englischen Fußballs in Europa (vier der letzten sechs Finalisten in der Champions League kamen aus England) könnte weiter zementiert werden.

Um der Schieflage durch die Einführung der 70-Prozent-Regel entgegenzuwirken, stand auch mal eine Deckelung der Ausgaben auf eine Maximalsumme – im Gespräch waren 500 Millionen Euro – im Raum. Doch davon ist jetzt offenbar nicht mehr die Rede.

Wer 70 Prozent von 500 Millionen ausgeben kann, ist gegenüber demjenigen, der 70 Prozent von 100 Millionen investieren darf, klar im Vorteil.

Das gilt auch gegenüber den deutschen Spitzenklubs – so sehr sich vor allem Bayern München durch die jährlichen Champions-League-Einnahmen auch schadlos hält. Die kommen bei den Premier-League-Klubs ja noch obendrauf. Und die Neustrukturierung der Champions League ab 2024 durch die Uefa lässt die reichen Klubs noch mehr unter sich bleiben.

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