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24. Juli 2019, 16:16 Uhr

Bayern-Präsident Uli Hoeneß

Der Patriarch steht vor dem Abgang

Eine Analyse von Florian Kinast, München

Uli Hoeneß hat den FC Bayern über Jahrzehnte geprägt, jetzt plant der 67-Jährige offenbar seinen Rückzug. Für den Verein wäre es die Möglichkeit für einen umfassenden Neuanfang.

Es war eine überzeugende Vorstellung. Zum Abschluss seiner neuntägigen USA-Tour bezwang der FC Bayern den AC Mailand durch ein Tor von Leon Goretzka 1:0, doch Spiel und Ergebnis waren am Mittwoch nachrangig. Die Eilmeldungen aus der Heimat hatten noch vor Anpfiff auch Kansas City erreicht, wonach Uli Hoeneß - einem Bericht der "Bild" zufolge - im November nicht mehr zur Wiederwahl als Präsident des FC Bayern antreten will.

Spieler und Trainer zeigten sich in ihren Reaktionen überrascht, der Klub verweigerte eine offizielle Stellungnahme, Hoeneß selbst will sich erst Ende August dazu äußern. Bestätigt sich dann, dass er sein Amt niederlegen wird, wäre das eine äußerst nachvollziehbare Entscheidung. Hoeneß hätte eingesehen, dass eine weitere dreijährige Amtszeit nicht mehr sinnvoll ist. Für ihn selbst nicht. Aber auch nicht für den Verein.

Schon Anfang des Jahres hatte der 67-Jährige angekündigt, sich in der Sommerpause Gedanken über seine Zukunft zu machen. Nun hat er sich offenbar festgelegt: Die Ära Hoeneß endet im November bei der Jahreshauptversammlung im Audi Dome, der Basketballhalle des FC Bayern.

Die Pfiffe gegen Hoeneß als Anfang vom Ende

Genau dort war der Präsident Ende 2018 erstmals ins Grübeln gekommen. Ausgerechnet bei einer Jahreshauptversammlung, einer Veranstaltung, auf der Hoeneß generös die Ovationen seiner treu ergebenen Basis entgegennehmen konnte. Und selbst wenn er wie 2007 bei einem seiner legendären Ausraster die Südkurven-Fans beschimpfte ("Eure Scheißstimmung, da seid ihr doch dafür verantwortlich"), das Bayern-Volk verzieh und huldigte ihm weiter.

Doch 2018 änderte sich das. Ein Fan kritisierte auf dem Podium den missratenen Auftritt des Präsidenten bei der berühmten Medienschelte-Pressekonferenz und monierte unter Beifall aus dem Publikum generell Hoeneß' selbstherrliches Gebaren. Der einst Geliebte wurde ausgebuht und ausgepfiffen, auf der Tribüne hing eine Nordkoreaflagge, darauf stand: "Not my president". Ein Abend, der Wirkung zeigte. Man spürte, hier geht etwas zu Ende.

Angefangen hat diese Entfremdung schon deutlich früher. Hoeneß lag falsch in seiner Einschätzung, er könne nach Verbüßung seiner Haftstrafe 2016 einfach so wieder ins Tagesgeschäft einsteigen. Mit seiner patriarchalischen Art, die jahrzehntelang Erfolg hatte, kam er nicht mehr weit. Hoeneß, der schon immer polarisierte, aber oft auch im richtigen Augenblick einen Nerv traf und Diskussionen anschob, schien das Gespür für den richtigen Ton im richtigen Moment verloren zu haben. Oft war es nur noch Poltern um des Polterns willen.

Entscheidung würde Rummenigge stärken

Wiederholt stellte er unter Beweis, dass er vom operativen Tagesgeschäft mittlerweile zu weit entfernt war und nicht mehr alles mitbekam. Hoeneß erzählte ins Blaue hinein, gipfelnd in der Ankündigung in diesem Februar bezüglich neuer Transfers für die kommende Saison: "Wenn Sie wüssten, wen wir schon alles sicher haben." Das wusste er freilich selbst nicht. Weil sie außer den damals bereits bekannten Namen noch gar keinen hatten. Es ist etwas eingetreten, was vor einigen Jahren noch unvorstellbar schien: Hoeneß wird im Fußballkosmos von immer mehr Menschen nicht mehr ernst genommen.

Sein Abschied wäre eine Entscheidung, die vor allem Karl-Heinz Rummenigge helfen würde. Oft musste der Klubboss zuletzt den Präsidenten einfangen, ihn öffentlich korrigieren, seine Aussagen entkräften.

So gut sich das Duo Rummenigge-Hoeneß über lange Jahre mit seiner unterschiedlichen Philosophie und Außendarstellung ergänzte - hier Rummenigge, der kühle internationale Stratege, und dort Hoeneß, der emotionale Gemütsmensch fürs Fanvolk -, so sehr wurde Hoeneß zuletzt zu einer Belastung für den Vorstandsvorsitzenden und damit für den ganzen Klub. Es wirkte, als würde Hoeneß, als Manager seit 1979 einst der Wegbereiter der Erfolgsgeschichte des FC Bayern, einer Fortführung dieser Entwicklung nun im Wege stehen. Als würde aus dem Macher plötzlich ein Blockierer. Als hätte der Visionär den Durchblick verloren.

Auch die Positionierung in der Transferpolitik machte die unüberbrückbaren Differenzen zwischen den beiden deutlich: wie noch 2018, als Rummenigge erklärte, wenn man weiter in Europas Spitze mitspielen wolle, dürfe es bei Transfersummen für den FC Bayern "kein Limit" geben - und Hoeneß widersprach, einen 100-Millionen-Transfer werde man "sicher nicht machen".

Sein Wunschkandidat für die Nachfolge soll Ex-Adidas-Chef Herbert Hainer sein, ein anerkannter Spitzenmanager. Rummenigge indes könnte nun in aller Ruhe die letzten zwei Jahre bis zu seinem angekündigten Abschied Ende 2021 ohne lästige Nebengeräusche und Querschläge aus dem Präsidentenbüro gestalten und ab Januar 2020 seinen Nachfolger Oliver Kahn ins Vorstandsgeschäft einlernen.

Damit könnte der FC Bayern auch wieder an der zuletzt abhandengekommenen Strahlkraft gewinnen. Es könnte auch für internationale Profis wieder attraktiver werden, zum FC Bayern zu wechseln und in München zu spielen. Hainer und Kahn als Führungsspitze statt Hoeneß und Rummenigge, man wird sich wohl daran gewöhnen müssen.

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