Prozess wegen Steuerhinterziehung Der Fall des Uli Hoeneß

Uli Hoeneß war eine Lichtgestalt des deutschen Fußballs. Den FC Bayern hat er zu einem Weltverein geformt, gleichzeitig wurde er zum leidenschaftlichen Mahner für Gerechtigkeit. Dann der Sturz: Selbstanzeige wegen Steuerhinterziehung. Von Montag an muss sich Hoeneß vor Gericht verantworten. Es ist der Prozess des Jahres.

Uli Hoeneß konnte nie genug bekommen. Der FC Bayern hat unter seiner Führung alles gewonnen, was es im Vereinsfußball an Titeln gibt: 18 Meisterschaften, elf Pokalsiege, zwei Champions-League-Trophäen. Wirtschaftlich steht der Club so gut da wie kein anderer im Weltfußball:

400 Millionen Euro Umsatz, der Wert des Unternehmens liegt bei rund 1,3 Milliarden Euro.

Doch Hoeneß reichte es nicht, den FC Bayern zur Weltmarke zu formen. Er war nicht nur hungrig nach Erfolg, er war gierig. Weite Teile der Öffentlichkeit nahmen das lange als positive Eigenschaft wahr, Hoeneß' Karriere galt als makellos.

Das änderte sich am 20. April 2013. An diesem Tag wurde bekannt, dass Uli Hoeneß Steuern hinterzogen hat, über mehrere Jahre. Mit einem Konto in der Schweiz spekulierte er an der Börse, machte Millionengewinne und meldete diese nicht dem Fiskus.

Ab Montag steht Hoeneß in München vor Gericht, die Staatsanwaltschaft hält seine Selbstanzeige für unzureichend. Im Falle einer Verurteilung droht dem Bayern-Präsidenten eine Bewährungsstrafe, doch auch eine Haftstrafe ist möglich.

Es ist ein Absturz, wie es ihn im deutschen Fußball nie zuvor gegeben hat. Denn eigentlich war der Mann, der nun im Gefängnis landen könnte, auf dem Weg, zu einer moralischen Instanz in Deutschland zu werden. Er traf sich mit der Kanzlerin, zog gegen gierige Manager und Börsenzocker zu Felde, die Wetten auf Nahrungsmittelpreise abschließen. Das kam an: Im September 2012 wünschten sich in einer Umfrage der "Bild"-Zeitung 88 Prozent der Befragten "mehr Hoeneß in der Politik". Es war das letzte Jahr der schwarz-gelben Koalition, das Ansehen von Spitzenpolitikern hatte sich noch einmal verschlechtert.

Dagegen konnte Hoeneß sich perfekt positionieren: ein erfolgreicher Fußballspieler, der im zweiten Berufsleben als Manager noch größere Erfolge feierte. Ab dem Jahr 2006 verlagerte Hoeneß seine öffentlichen Auftritte vom Fußballplatz auf die politische Bühne: Statt sich mit Bundesliga-Größen wie Werder-Macher Willi Lemke anzulegen, stritt der Bayern-Präsident in TV-Talkshows mit Politikern. Die Themen bei Sabine Christiansen und Günther Jauch lauteten: Intrigen in der Politik, Deutschlands Steuerpolitik und soziale Gerechtigkeit.

Hoeneß trat bei den TV-Talkern nicht selten breitschultrig und selbstsicher auf. Die Sympathien vieler Zuschauer waren ihm dennoch gewiss. Es kam an, wenn er Katja Kipping von der Linkspartei Realitätsferne vorwarf. Oder wenn er Markus Söder (CSU) Unehrlichkeit beim Sturz von Edmund Stoiber unterstellte. Hoeneß' größtes Pfund war seine Klartext-Rhetorik. Eine Eigenschaft, mit der auch SPD-Mann Peer Steinbrück punkten konnte, bevor er Kanzlerkandidat wurde. Hoeneß' Motto:

"Ich sage allen meine Meinung, wenn ich es für richtig halte. Dieses Recht habe ich mir in 30 Jahren erarbeitet."

Der Bayern-Präsident war auf dem Weg, ähnlich unantastbar zu werden wie Ex-Kanzler Helmut Schmidt.

Die Steueraffäre hat seinen Aufstieg abrupt beendet. Der Bayern-Macher behielt zwar seine Posten beim FC Bayern, und sein Ruf bei den Fans erlitt kaum Schaden. Doch sein Ansehen außerhalb des Clubs war zerstört. Sein Moralisieren, die Sätze über Politik und Politiker erschienen auf einmal wie Heuchelei. Hoeneß versuchte seine Kritiker zu besänftigen, seine Fans zu umgarnen, sprach öffentlich über seine Wohltätigkeit.

kicker.tv

Dabei wusste jeder nun: Dieser Mann, der als harter Hund, aber auch als grundehrlicher Mensch galt, hatte den Staat um mehrere Millionen Euro betrogen.

Welche Fallhöhe der Sturz des Uli Hoeneß hatte, zeigte sich, als Angela Merkel den Regierungssprecher ausrichten ließ, sie sei enttäuscht von Hoeneß. Die "FAZ" kommentierte, der Bayern-Architekt müsse zurücktreten, als Präsident und als Aufsichtsratschef. Umfragen zufolge sahen das 60 Prozent der Deutschen genauso. Doch Hoeneß blieb, verteidigte sich so:

"Ich habe einen Riesenfehler gemacht. Aber ich bin kein schlechter Mensch geworden."

Wie sehr ihm gleichwohl der öffentliche Liebesentzug zusetzte, zeigte eine Szene beim Champions-League-Finale im Mai: Als die Bayern-Spieler ihm nach dem Triumph die Trophäe überreichen wollen, wehrte Hoeneß zunächst ab. Erst als Bastian Schweinsteiger und Franck Ribéry nicht locker ließen, nahm Hoeneß den Pott. Und reckte ihn zaghaft nach oben.

Foto: imago

Der Fall des Uli Hoeneß ist so einzigartig im deutschen Fußball wie seine Karriere. Lange schien es, als gelinge dem Mann alles, was er anpackt. Als 20-Jähriger spielte Hoeneß bereits in der Nationalmannschaft, mit Gerd Müller bildete er Anfang der siebziger Jahre das torgefährlichste Stürmer-Duo der Bundesliga. Er war Europameister und Weltmeister, bevor er mit 27 Jahren seine Karriere beenden musste - ein Knorpelschaden im Knie. Es folgte sein Projekt, das Projekt FC Bayern.

1979 übernahm Hoeneß den Managerposten von Robert Schwan. Seinen ersten Tag im Büro habe er so angetreten, wie er sich einen Manager vorstellte, erzählte Hoeneß einmal der "FAZ": "Graues Sakko, hellblaues Hemd, schwarzer Notizblock unter dem Arm." Was er den ganzen Tag tun sollte, habe er nicht gewusst. "Dann habe ich mit drei, vier Leuten zwei Stunden rumtelefoniert, und dann bin ich wieder heimgefahren." Der FC Bayern machte damals 12 Millionen Mark Umsatz, die Schulden betrugen 7 Millionen Mark. Hoeneß vervielfachte die Einnahmen, baute die Segmente Fanartikel und Sponsoring systematisch aus. Die Eintrittsgelder, die lange die einzige Einnahmequelle waren, machen mittlerweile weniger als 20 Prozent aus.

Sportlich polarisierte Hoeneß, weil er der Bundesliga-Konkurrenz die besten Spieler abkaufte und sie dann noch verhöhnte: "Ich bin nicht dem Fußball verantwortlich, sondern dem FC Bayern." Was machte den Erfolg von Hoeneß aus? Beobachter, die ihn seit vielen Jahren kennen, nennen als herausragendes Merkmal seine Leidenschaft. Am besten sei Hoeneß, wenn er sich selbst spüre, wenn er für etwas brenne, sagt einer, der ihn lange begleitet hat.

Hoeneß kann sich nicht nur leidenschaftlich für etwas einsetzen, für seinen FC Bayern, für die Spieler, für die Mitarbeiter. Er kann auch leidenschaftlich hassen. Seine Begeisterungsfähigkeit wird gespiegelt durch einen Hang zum Cholerischen. Wenn Hoeneß sich ungerecht behandelt fühlt, läuft sein Gesicht rot an, er brüllt herum und gibt erst Ruhe, wenn der Gegenüber eingelenkt hat. Wenn er sich durchgesetzt hat.

Seine Kompromisslosigkeit zeigte sich besonders im Fall Christoph Daum. Im Herbst 2000 machte Hoeneß den Kokain-Missbrauch des Bundesliga-Trainers öffentlich. "Wenn die Gerüchte stimmen, kann er nicht Bundestrainer werden", sagte der Bayern-Manager. Daum wies die Vorwürfe empört zurück - und gab auf öffentlichen Druck hin eine Haarprobe ab. Für einen Augenblick geriet Hoeneß in die Defensive. Als die Untersuchung dann aber ergab, dass Daum tatsächlich Kokain genommen hatte, stand sein Gegenspieler als großer Gewinner da. In der Stunde des Sieges zeigte Hoeneß sich kompromisslos: Eine öffentliche Versöhnung werde es mit ihm nicht geben, betonte er.

Ähnliche Leidenschaft zeigte er auch in seinem sozialen Engagement, etwa für die Dominik-Brunner-Stiftung. 2009 war der Rechtsanwalt Opfer eines Gewaltverbrechens geworden, nachdem er sich schützend vor vier Kinder gestellt hatte. Eine Woche nach Brunners Tod hielt Hoeneß im Münchner Stadion eine viel beachtete Rede, in der er zu mehr Zivilcourage aufrief.

Welche dunklen Seiten seine Leidenschaft hat, ist erst seit knapp einem Jahr bekannt: In einem "Zeit"-Interview gab Hoeneß zu, er habe exzessiv an der Börse gezockt: "Das waren Summen, die für mich heute auch schwer zu begreifen sind, das war teilweise extrem." Jetzt erinnerten sich Beobachter an den kleinen Börsenpager, den Hoeneß stets bei sich getragen hatte. Damit checkte er regelmäßig Aktien- und Wechselkurse.

Im Jahr 2000 brauchte Hoeneß neues Spielgeld, er hatte große Verluste an den Börsen gemacht. Vom damaligen Adidas-Chef Robert Louis Dreyfus bekam er fünf Millionen Mark. Das Geld landete auf einem Depotkonto der Vontobel Bank in Zürich. Dreyfus soll auch für einen Kredit in Höhe von 15 Millionen Mark gebürgt haben. Bis 2006 gingen die Spekulationen gut, so Hoeneß, danach habe er große Verluste gemacht, 2008 folgte die Finanzkrise. Das geliehene Geld und das Darlehen hat er zurückgezahlt. In seinen Steuererklärungen tauchte das Konto offenbar nicht auf, und Hoeneß zahlte keine Kapitalertragssteuer auf die Gewinne. Erst ab 2009, so die "Süddeutsche Zeitung", führte Hoeneß 25 Prozent Abgeltungssteuer an den deutschen Fiskus ab.


Experten zufolge sind erfolgreiche Manager besonders anfällig für krankhaftes Zocken an der Börse: Solche Deals seien für sie, "was vor 300 Jahren Würfel- und Kartentische an Königs- und Fürstenhöfen waren", sagte der Hohenheimer Forscher Tilman Becker dem "manager magazin". "Die sozial akzeptierte Form des Glücksspiels."

Hoeneß spielt die Geschäfte, die ihm so viel Ärger einbrachten, weiter herunter. Das Spekulieren an der Börse empfinde er nicht als unmoralisch, sagte er der "Zeit". Er halte sich auch nicht für suchtkrank. "Ein paar Jahre war ich wohl nah dran. Aber inzwischen halte ich mich für kuriert." Sein Sohn Florian, der bei dem Interview dabei war, warf daraufhin ein:

"Ich darf sagen, dass die Familie dies ein bisschen anders sieht."

Viele Beobachter hat es überrascht, dass Hoeneß seine Posten beim FC Bayern behalten durfte. Immerhin soll er mehr als drei Millionen Euro an Steuern hinterzogen haben. Im Vergleich dazu erscheinen die Vorwürfe gegen Christian Wulff marginal, der Ex-Bundespräsident stand bis vor kurzem wegen einer Hotelrechnung vor Gericht. Deren Wert: 400 Euro.

Im Unterschied zu dem blassen CDU-Politiker hat Hoeneß einen wesentlichen Vorteil: Er hat sich im Laufe seiner Karriere ein Umfeld geschaffen, das ihn niemals fallenlassen würde.

Grund dafür ist zum einen der Erfolg. In der Bundesliga hat Hoeneß alle Rivalen der vergangenen Jahrzehnte abgeschüttelt.

  • Dortmund? War beinahe insolvent, darf sich Verfolger nennen.
  • Der 1. FC Köln? Spielt mittlerweile in der zweiten Liga.
  • Stuttgart, Bremen, Hamburg? Kämpfen um den Klassenerhalt.

Auch wirtschaftlich hatte Hoeneß großen Erfolg: Die Großkonzerne Adidas, Audi und die Allianz haben für einen Gesamtanteil von 25 Prozent 275 Millionen Euro bezahlt. Der Einstieg der Allianz ist das größte Geschäft, das es jemals in der Bundesliga gab. Der Versicherungskonzern zahlt für einen Anteil von 8,33 Prozent 110 Millionen Euro. Mit dem Geld kann der Club die letzten Verbindlichkeiten für die Allianz Arena abbezahlen und ist schuldenfrei. Etwas, das Hoeneß unbedingt erreichen wollte, bevor er seinen Posten räumt.

Der Erfolg alleine kann die Loyalität nicht erklären, die Hoeneß beim FC Bayern genießt. Hinzu kommt die emotionale Ebene.

Der Verein funktioniert wie ein Familienunternehmen, das Sagen haben die Spieler der siebziger Jahre, und Hoeneß steht an ihrer Spitze. Sein Führungsstil ist konsequent, aber herzlich. "Jeder bei Bayern muss das Gefühl haben, dass er dazugehört", sagte er mal. Anders als bei vielen großen Unternehmen scheint den Münchner Bossen die Nähe zu den Mitarbeitern wirklich wichtig zu sein.

Hoeneß half Gerd Müller beim Kampf gegen die Alkoholabhängigkeit und zahlte Sebastian Deisler das Gehalt noch zwei Jahre, nachdem dieser seine Karriere wegen Depressionen beendet hatte. Und er setzte sich nicht nur für ehemalige Spieler ein: Wenn einer der 500 Mitarbeiter ein Problem hat oder schwer krank ist, kümmert Hoeneß sich persönlich. DER SPIEGEL  beschrieb ihn im vergangenen Jahr als Patron, als aus der Zeit gefallenen Patriarchen. Tatsächlich dürfte es dieser Führungsstil gewesen sein, der Hoeneß bis heute vor dem Komplettabsturz bewahrt hat. Die Abhängigkeit vom Patriarchen verhindert eine Revolution.

Daran sollte auch der Prozess nichts ändern - es sei denn, Hoeneß müsste tatsächlich ins Gefängnis. Wie aber geht es mit dem Bayern-Präsidenten weiter, wenn er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt oder gar freigesprochen wird?

Bei der Jahreshauptversammlung des FC Bayern im November 2013 hat Hoeneß angekündigt, sein Schicksal in die Hände der Vereinsmitglieder zu legen. "Ich möchte Ihnen das Recht geben zu entscheiden, ob ich noch der richtige Präsident für diesen Verein bin", rief der Bayernboss den Mitgliedern zu.

Was wie Demokratie klingt, ist nur scheinbar eine offene Entscheidung: Natürlich weiß Hoeneß genau, wie sie ausfallen würde.


Mitarbeit: Alexander Demling, Guido Grigat (Grafik), Birger Hamann, Maximilian Rau, Alwin Schröder, Erik Seemann (Fotos), Holger Wilkop (Dokumentation), Jule Lutteroth (Koordination)

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