Wiederwahl als Präsident Hoeneß' neues Jahr

Uli Hoeneß ist zurück an der Spitze des FC Bayern, und mit seiner emotionalen Ansprache traf der 64-Jährige gleich den Nerv der Mitglieder. In München hoffen sie jetzt wieder auf mehr Gemüt.

Aus München berichtet Florian Kinast


Um Viertel vor elf am Abend hatten sie ihn wieder. Ihren neuen Präsidenten. Ihren alten Uli. Tausende Menschen erhoben sich von den Sitzen, sie riefen "Uli, Uli" und skandierten unter stehenden Ovationen: "Uli Hoeneß, du bist der beste Mann." Der Gefeierte stand vorne auf der Bühne, er hielt sich am Rednerpult fest, nahm die Huldigungen mit Ergriffenheit entgegen und mit Genuss.

Die Wiederwahl von Uli Hoeneß zum Präsidenten des FC Bayern München am Freitagabend wurde zur erwartet triumphalen Rückkehr. Hoeneß war wieder da, fast 1000 Tage nach seinem Rücktritt, nach seiner abgesessenen Haftstrafe, wählten ihn die Mitglieder auf der Jahreshauptversammlung im Münchner Audi Dome mit überwältigender Mehrheit von 97,7 Prozent wieder - an einem Abend, der so offenkundig verdeutlichte, wie sehr Hoeneß dem Verein fehlte und wie dringend ihn die Basis wieder brauchte. Als Mann für die Seele. Fürs Gefühl und fürs Gespür. Einer fürs Volk.

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Das Comeback des Uli Hoeneß: Der neue alte Präsident

Dabei begann der Abend äußerst ungemütlich. Draußen vor dem Haupteingang kam es zu Tumulten, Hunderte Mitglieder durften nicht mehr in die längst überfüllte, von einem massiven Sicherheitsaufgebot abgeriegelte Halle. Hoeneß' Beruhigungsversuche vor Ort schlugen fehl, er blickte in verärgerte Gesichter und auf ausgestreckte Mittelfinger. Buhrufe und Schmähungen zum Einstand, das hatte er sich anders vorgestellt. Aber es wurde für ihn ja noch alles gut - auch wenn es bis zu seinem zelebrierten Comeback noch drei Stunden dauern sollte.

Denn bevor Hoeneß umjubelt wurde, musste der Vorstand noch ausgiebig sich selbst feiern. Grund dazu gab es genug, eine wirtschaftliche Rekordzahl jagte die nächste. Umsätze, Erlöse, Gewinne nach Steuern, Bayern brummt, Bayern boomt. Doch so viel sie mit sagenhaften Zahlen um sich warfen, so wenig Charisma versprühten die Protagonisten. Keiner der Redner berührte das Gemüt der Besucher, am ehesten noch der scheidende Präsident Karl Hopfner, der sich artig freute über den Applaus des Publikums, der aber noch glücklicher schien, als er sich danach an seinem Platz wieder an einer Klarsichthülle festhalten konnte, zum Einsortieren der Bilanzblätter.

Erst mit Hoeneß' Rede kam Stimmung auf

Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge hielt eine langatmige Rede, die aber noch unterhaltsam war im Vergleich zum zähen Vortrag von Finanzchef Jan-Christian Dreesen. Dreesen sprach von "Imponderabilien" und "thesaurieren" und berief sich bei den Statistiken auf den alten Rechenmeister "Otto Riese", der aber eigentlich Adam hieß. Einige der Zuhörer kratzten sich am Kopf und blickten in ihr Handy, der Zwischenstand bei Freiburg gegen Leipzig war interessanter als Dreesens Monolog, der mehr nach einer Quartalsbilanz eines DAX-Konzerns klang.

Freilich sollte fehlende persönliche Aura kein Kritikpunkt sein, solange die Zahlen stimmen, was sie beim FC Bayern tun. Aber der Fan ist nicht objektiv. Er ist subjektiv, er braucht jemanden, der ihn anspricht und versteht, einen da oben, der zeigt, dass er ein Herz hat, für die da unten. Einen Hoeneß eben.

Allein die neunminütige Bewerbungsrede vor seiner Wiederwahl war der emotionale Höhepunkt des Abends. Mit Gefühl und Pathos, manchmal etwas dick aufgetragen, kam aber ehrlich rüber. Hoeneß erinnerte an seinen Abschied vor zweieinhalb Jahren, und dass er es "meinen zwei Familien" zu verdanken habe, dass er jetzt wieder hier stehen könne. Seiner privaten Familie ("Meine Frau hat wie eine Löwin für mich gekämpft") und der "Familie FC Bayern".

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Uli Hoeneß: Der Rückkehrer

Und dann sprach er über Landsberg, seine Zeit in der JVA, und in der Halle wurde es so richtig still. "In der Haft habe ich 5500 Briefe bekommen, von Fans und Mitgliedern. An Wochenenden ist man immer 40 Stunden eingeschlossen, da saß ich auf meinem Bett und habe geweint wie ein Schlosshund. Ich habe nicht verstehen können, warum mir Menschen seitenlange Briefe schreiben, die mich gar nicht kennen. Das hat mir die Kraft gegeben, die schwierige Zeit zu überstehen." Das saß.

Von Liebe und Freundschaft sprach er noch, dass er "ein Kümmerer" sein möchte und ein Ratgeber. Salbungsvoll und pastoral klang er dabei, hatte fast schon Züge von Joachim Gauck. Aber der ist ja auch Präsident.

Schon gleich gegen RB Leipzig gekeilt

Ein bisschen laut wurde er aber doch, nach seiner Wiederwahl, als er auf dem Podium saß und gleich über RB Leipzig sprach. "Die haben vier-eins gewonnen heute, jetzt haben wir neben Dortmund einen zweiten Verein, den wir attackieren können. Uns hat lange keiner gereizt und geärgert, höchste Zeit, dass wieder ein paar kommen, die wir richtig bekämpfen können." Das Publikum johlte, wie bei allem, was Hoeneß sagte.

Wie sehr aus der Vereinsspitze nur Hoeneß genau den Nerv des gemeinen Fans trifft, das zeigte eine kleine Begebenheit ganz am Ende. Als letzter Tagesordnungspunkt standen wie immer die Reden der Mitglieder an, sie sprachen von ihren Sorgen, Nöten, Wünschen. Einer kam wie schon im letzten Jahr mit einem rot-weiß gestreiften Trikot mit Schnürkragen im Retro-Look. Schon vor einem Jahr habe ihm hier Karl-Heinz Rummenigge versprochen, die Mannschaft werde ab 2016 wieder in genau solchen Shirts auflaufen, und jetzt habe man doch wieder nur langweilige einfarbige rote.

Da ergriff Hoeneß das Wort und sagte schlagfertig: "Wenn Sie uns Ihr Trikot da lassen, dann schicken wir das an Adidas, und die sollen schauen, was sie für nächstes Jahr damit anfangen können." Der Fan gehorchte, er legte seine Oberbekleidung ab, übergab sie in die Hände des neuen Präsidenten. Und die Halle tobte voll Freude, Glück, voll Zuversicht, dass ab jetzt wieder mehr Uli Hoeneß im FC Bayern steckt. Und weniger Otto Riese.



insgesamt 52 Beiträge
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kraijjj 26.11.2016
1. Ha
nun eigentlich heißt "Otto Riese" auch nicht "Adam Riese" wie es SPON hier korrigiert. Der gute Rechenmeister hieß meines Erachtens "Adam Ries" nur kommt hier n Phänomen zum tragen – das wenn genug Leute, Medien etc. falsches immer wieder wiederholen es irgendwie richtig erscheinen mag. Genauso wie bei uns gemeinhin von der "Homepage" gesprochen wird wenn man auf einen Internetauftritt verweist. Wirst du andernorts nur seltsam angeschaut, wenn du ständig auf die "Startseite" einer Website verweist. ;-)
hassilox 26.11.2016
2. Moral
Warum diese unendliche Nachsicht ! Wer Geld = Macht hat, kann sich die Abwesenheit von Moral leisten: Schade um die unendliche Toleranz.
ge1234 26.11.2016
3. Willkommen zurück!
Auf geht's, Uli, pack ma's wieder! Mia san mia!
Oihme 26.11.2016
4. Falsches Zitat
Hoeneß hat in Bezug auf RB Leipzig eben nicht von einem "zweiten Verein", sondern von einem "zweiten Feind" gesprochen. Das war deshalb keine bloße, sportliche Kampfansage mehr, sondern bereits eine unverblümte Kriegserklärung, die im Sport eigentlich nichts verloren hat.
Butenkieler 26.11.2016
5. paßt scho
Es paßt zum Verein Bayern München das Uli Hoeneß dort wieder Präsident geworden ist. Wie der Präsident so der Verein.
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