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01. Dezember 2018, 16:54 Uhr

Hoeneß nach der Jahreshauptversammlung

Das Ende des Uliversums

Ein Kommentar von

Uli Hoeneß konnte sich stets zweier Sachen sicher sein: Respekt von außen und Huldigungen aus den Reihen der Bayern. Diese Zeiten sind vorbei - und daran trägt er ganz allein die Schuld.

Seit fast 40 Jahren steht Uli Hoeneß an der Spitze des FC Bayern. In dieser Zeit führte er einige Fehden, aus denen er in der Regel als Gewinner hervorging. Spätestens seit der Jahreshauptversammlung sollte jedem Bayern-Fan, aber auch jedem neutralen Fußball-Beobachter klar sein: Uli Hoeneß ist nicht mehr der stolze Macher eines Fußballklubs von Weltruhm. Er ist ein nicht mehr zeitgemäßer Präsident, der den Zeitpunkt seines Abgangs verpasst hat.

Christoph Daum, Willi Lemke, Helmut Grashoff, Lothar Matthäus, Hans-Joachim Watzke, Louis van Gaal - die Liste der Lieblingsfeinde von Hoeneß könnte beliebig weitergeführt werden. Der 66-Jährige ging keinem Konflikt aus dem Weg, das Wohl des FC Bayern stets im Blick.

Als am Freitagabend die üblichen Reden vorbei und die nicht weniger üblichen Rekordumsatzzahlen verkündet waren, trat ein Bayern-Mitglied ans Mikrofon und zerpflückte Hoeneß' zweite Amtszeit als Präsident. "Der Verein ist nicht Ihr Eigentum", lautete einer der Sätze, den andere Mitglieder - in früheren Jahren nur für Beifallsstürme im Uliversum anwesend - beklatschten und der den Blick des Bayern-Bosses versteinern ließ.

Vielleicht wäre Hoeneß sogar relativ unbeschadet aus der Situation herausgekommen, wenn er sich dem Meinungsaustausch nicht verweigert hätte. "Da waren so viele Unwahrheiten drin", antwortete Hoeneß nach dem Ende der Rede des Mitglieds, "dass wir drei Stunden bräuchten, um das zu diskutieren. Ich lehne eine Diskussion auf dem Niveau total ab." Die Stimmung kippte, es gab Pfiffe und Buhrufe.

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Hoeneß versteht den modernen Fußball nicht mehr

Letztlich steht diese Reaktion aber nur als weiterer Beweis für die Orientierungslosigkeit, die Hoeneß seit seiner Rückkehr 2016 in vielen Situationen an den Tag gelegt hat. Vereinsintern sind da der fehlende Umbruch im Kader, die Ernennung des ahnungslosen Hasan Salihamidzic zum Sportdirektor, die zögerliche Herangehensweise bei Thomas Tuchel, die merkwürdige Grundgesetz-Pressekonferenz oder der Streit mit Paul Breitner zu nennen.

Wenn Hoeneß aber in der von Rassismus geprägten Debatte um Mesut Özil den Spieler sportlich an den Pranger stellt und die gesellschaftliche Dimension seiner Aussagen ignoriert, betrifft das nicht nur den FC Bayern. Anders als in früheren Zeiten, als Beispiel sei das gescheiterte Engagement von Daum als Bundestrainer genannt, liegt Hoeneß bei relevanten Themen des deutschen Fußballs häufiger mal daneben. Und das zeigt: Hoeneß versteht den modernen Fußball nicht mehr.

Vor einigen Tagen hat Hoeneß in einem Interview mit der Basketball-Abteilung seines Klubs erzählt, wie es 2014, kurz vor dem Antritt seiner Freiheitsstrafe wegen Steuerhinterziehung, dazu kam, dass er seine Rückkehr ankündigte. "Ich wollte mich nur verabschieden", sagte Hoeneß. "Dann stehen da 3000 Menschen auf und klatschen minutenlang. Das hat mich umgehauen." Und das sei eben der Grund gewesen, "dass ich gesagt habe, das war es noch nicht".

Im Nachhinein werden sich einige Mitglieder ärgern, Hoeneß an diesem Abend vor vier Jahren nicht die Gefolgschaft verweigert zu haben. Denn sie hätten ihm zu einem Abgang verhelfen können, den er als Vater der unzähligen Erfolge der vergangenen Jahrzehnte verdient gehabt hätte.

Diesen Zeitpunkt hat Hoeneß verpasst. Nun wird er - wann auch immer - als beschädigtes Vereinsidol gehen.

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