Ultras in der Bundesliga "Das Bild des pyroschwingenden Raufbolds ist Unsinn"

"Krieg dem DFB!" Die Ankündigung einiger Ultra-Gruppen hat für Aufsehen gesorgt, hektisch wird allerorts vor Gewalt gewarnt. Völlig übertrieben, meint Fananwalt Andreas Hüttl.

Ultras von Greuther Fürth
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Ultras von Greuther Fürth

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Hüttl, fühlen Sie sich noch sicher, wenn Sie ins Fußballstadion gehen?

Hüttl: Absolut.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man die Berichterstattung der vergangenen Tage verfolgt, könnte man meinen, in deutschen Stadien würden Horden verrückter Gewaltverbrecher wüten, genannt Ultras.

Hüttl: Wenn man den Berichten glaubt, kann man tatsächlich ein Unsicherheitsgefühl bekommen. Wenn man sich aber verifizierbare Zahlen über tatsächliche Straftaten in Stadien anschaut, muss man sagen: Ein Bundesligastadion ist womöglich einer der sichersten Orte in der ganzen Republik. Es gibt extrem unterschiedliche Ultras, natürlich auch gewalttätige. Aber das plakative Bild des pyroschwingenden Raufbolds ist Unsinn.

SPIEGEL ONLINE: Im Zentrum der Diskussionen steht der alte Streit zwischen DFB und Ultras. Der hat sich nun vor allem an der von Ultra-Gruppierungen verbreiteten Ankündigung "Krieg dem DFB" neu entzündet. Ist die Sorge vor der neuen Saison also doch berechtigt?

Dresdner Fans in Camouflage-Outfit
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Dresdner Fans in Camouflage-Outfit

Hüttl: Der Spruch ist martialisch, keine Frage. Ich verstehe ihn jedoch nicht als Aufruf zur Gewalt, sondern zum Protest gegen den DFB. Aber richtig ist auch: Die Randale der Hannover-Fans in Burnley war sicherlich keine friedliche Demonstration gegen den Verband.

SPIEGEL ONLINE: Im Gedächtnis sind auch noch die Szenen aus dem Pokalspiel zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC.

Hüttl: Das war massiv und nicht zu rechtfertigen. Mit Leuchtfackeln in den gegnerischen Block zu schießen, ist eine Straftat. Aber das würde ich vom allgemeinen Aufruhr gegen den DFB trennen. Immerhin ging es in den allermeisten Pokalspielen und auch in den bereits gestarteten Regionalligen bislang überwiegend friedlich zu.

Brennende Sitzschalen bei der Pokal-Partie Hansa Rostock vs. Hertha BSC
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Brennende Sitzschalen bei der Pokal-Partie Hansa Rostock vs. Hertha BSC

SPIEGEL ONLINE: Sie sind bei der "Arbeitsgemeinschaft Fananwälte" aktiv, ein Zusammenschluss von Rechtsanwälten, die regelmäßig Fußballfans vor Gericht vertreten. Sie bearbeiten rund 150 Fälle jährlich. Was sind die häufigsten Anklagen?

Hüttl: Die klassischen Straftaten sind Landfriedensbruch, Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Beleidigung und im gewissen Umfang auch Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie diese juristischen Begriffe in Fußball-Delikte übersetzen?

Hüttl: Das Sprengstoffgesetz kommt bei nicht zugelassener Pyrotechnik zum Tragen. Landfriedensbruch ist der Fall, wenn aus einer größeren Gruppe heraus Steine geworfen werden. Beleidigungen sind ein weites Feld, angefangen von ACAB (All Cops are Bastards, d. Red.) bis hin zu ganz normalen Sprüchen. Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte liegt vor, wenn ich trotz Anweisung eines Polizisten einen Platz nicht räume. Körperverletzungen erklären sich ja von selbst. Zumindest eine dieser Straftaten wird eigentlich in jedem Fußballverfahren verhandelt.

Zur Person
  • Andreas Hüttl
    Andreas Hüttl, seit 2003 Fachanwalt für Strafrecht, ist Mitglied der "Arbeitsgemeinschaft Fananwälte". Seit 2006 arbeitet er beim Fanprojekt Hannover mit. Er ist zudem als Sachverständiger zu Fußballthemen in den Landtagen von Sachsen und NRW tätig. Klagte bis zum Bundesverwaltungsgericht gegen die Datei Gewalttäter Sport.

SPIEGEL ONLINE: Wie verlaufen denn ihre Verhandlungen vor Gericht meist?

Hüttl: Gut die Hälfte der Verfahren werden im Ermittlungsverfahren eingestellt - weil die persönliche Schuld des Beklagten nicht nachweisbar ist, oder weil das Delikt doch nicht so schwerwiegend war. Insgesamt führen 75 Prozent aller Verfahren nicht zu Verurteilung. Der Grund dafür ist allerdings nicht, dass die Justiz zu lasch ist, ganz im Gegenteil.

SPIEGEL ONLINE: Und zwar?

Hüttl: Es hat mit der überbordenden Anzeigepraxis der Polizei zu tun. Beispiel: Aus einer Gruppe von 100 Leuten werden zwei Böller geworfen. Man weiß aber nicht, wer es war. Also wird gegen alle 100 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet - obwohl klar ist, dass es ja nur zwei gewesen sein können. Das sieht dann wild aus: Oh Gott, bei dem Spiel gab es 100 vermeintliche Straftäter! Die Zahlen sind irreführend, man muss auf die Verurteilungen gucken.

SPIEGEL ONLINE: "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt kündigte via Twitter an, "Gewalttäter in den Kurven klar identifizierbar" zeigen zu wollen. Wie bewerten Sie das?

Hüttl: So eine Prangermentalität ist rechtlich nicht okay. Strafverfolgung ist die Aufgabe des Staates, Öffentlichkeitsfahndungen müssen von einem Richter abgesegnet werden. Es ist wahrscheinlich sogar kontraproduktiv: Das Zurschaustellen ist eine Form der Vorverurteilung, die in einem möglichen Prozess strafmildernd zu bewerten ist, wie ja auch der Fall der Kölner Steinewerfer auf den Gladbacher Fanbus gezeigt hat. Einer der Angeklagten war groß in der Zeitung zu sehen. Das hat das Gericht in der Urteilsbegründung gerügt und ausdrücklich gesagt, dass die Strafe höher ausgefallen wäre, wenn es diese Veröffentlichung nicht gegeben hätte. Weil diese bereits sanktionierend auf den Angeklagten gewirkt habe.

SPIEGEL ONLINE: Vor der kommenden Saison will der DFB deeskalieren. Präsident Reinhard Grindel hat dem DFB-Kontrollausschuss jüngst vorgeschlagen, bis auf Weiteres auf Kollektivstrafen zu verzichten. Was halten Sie davon?

Hüttl: Das ist ein richtiger Ansatz. Das Sanktionssystem des DFB ist aus vielen Gründen kritisch zu sehen. Grundsätzlich kann der DFB in seiner eigenen Strafverantwortung machen, was er will. Doch er hat durch die Kollektivstrafen in Kauf genommen, dass Menschen betroffen sind, die mit den Straftaten gar nichts zu tun hatten. Nehmen Sie doch nur den Fall der Dortmunder Südtribüne: Da halten 100 Leute Plakate hoch, und 25.000 müssen zu Hause bleiben. Eine solche verschuldensunabhängige Haftung ist im deutschen Recht extrem selten.

Transparente von Dortmund-Fans vor der Partie gegen RB Leipzig
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Transparente von Dortmund-Fans vor der Partie gegen RB Leipzig

SPIEGEL ONLINE: Betroffene Fans monieren vor allem die Willkürlichkeit der Sportgerichtsentscheidungen.

Hüttl: Das Problem ist die fehlende Normklarheit beim DFB. Im Strafrecht muss klar sein, was mich erwartet, wenn ich ein bestimmtes Verbrechen begehe. Es gibt beim DFB aber keinen Strafkatalog, wo steht: Fackel zünden 5000 Euro, Platzsturm 20.000. Die Vereine können sich dieser Unklarheit ja meinetwegen unterwerfen. Kritisch wird es jedoch, wenn die Klubs versuchen, die Strafgelder an vermeintliche Verursacher weiterzugeben.

SPIEGEL ONLINE: Interessensvertretungen aktiver Fußballfans wie "Unsere Kurve" bewerten Grindels Vorschlag überwiegend positiv. Kann nun tatsächlich diskutiert werden?

Hüttl: Es kann dazu beitragen, das ist tatsächlich eine Chance, die sicher auch viele Fans sehen. Es gibt aber natürlich noch weitere Kritikpunkte.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel das Pyroverbot. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius brachte jüngst überraschenderweise dessen Aufhebung ins Spiel. Bestimmte Bereiche des Stadions könnten für die Fackeln freigegeben werden.

Hüttl: Auch ein Schritt, um das Verhältnis zu entkrampfen. Die Frage ist nur, wie ernst Herr Pistorius das meint. Seine früheren Äußerungen, etwa die Forderung nach Abschaffung von Stehplätzen und die nach lebenslangen Stadionverboten, gingen eigentlich in eine andere Richtung.

SPIEGEL ONLINE: Über eine Pyro-Erlaubnis diskutierten Ultras und DFB ja schon 2011. Damals brach der DFB die Verhandlungen jedoch abrupt ab. Die Beziehungen verschlechterten sich dramatisch. Ist genügend Vertrauen für einen Neuanfang vorhanden?

Hüttl: Die Ultras, mit denen ich gesprochen habe, sehen das teilweise doch sehr skeptisch. Damals war ja wirklich signalisiert worden, dass es was werden könnte. Die Ultras haben Gutachten anfertigen lassen und Argumente vorgebracht. Doch dann wurden die Verhandlungen Knall auf Fall abgebrochen - ohne Begründung. Dieser Stachel sitzt noch tief.

insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
janowitsch 19.08.2017
1. Laute Minderheit
Man sollte darauf hinweisen, dass die Ultras trotz ihrer Überpräsenz in den Medien nur einen ganz geringen Bruchteil der Fußballfans ausmachen. Der DFB sollte beachten, dass man nicht nur der Minderheit, die am aggressivsten ist und am lautesten schreit, entgegenkommen sollte.
moe.dahool 19.08.2017
2. Ultras sind nicht zwingend Hooligans
Hier wird gerne etwas vermischt. Passt aber gut zur Meinungsmache bzw. -manipulation, wie sie in den meisten deutschen Medien stattfindet. 90% aller Ultras haben mit Gewalt nüscht am Hut
blubbblubber 19.08.2017
3.
in keiner anderen sportart gibts krawalle. nur im fussball. bremen hat da den richtigen schritt gemacht: rechnungen für polizeieinsätze die mittelbar mit fussball in zusammenhang gebracht werden können. finde ich gut. sollte ausgebaut werden. fussball in seiner jetzigen form abschaffen, verbieten wäre mir auch recht.
1Piantao 19.08.2017
4.
Zitat von moe.dahoolHier wird gerne etwas vermischt. Passt aber gut zur Meinungsmache bzw. -manipulation, wie sie in den meisten deutschen Medien stattfindet. 90% aller Ultras haben mit Gewalt nüscht am Hut
Moin ...dann sollten die Ultras mal selbst dazu Stellung beziehen und Ihr Image gerade rücken. Aber grundsätzlich müssen die Vereine (oder besser heute die "Sport GmbHs) in Zusammenarbeit mit Polizei und/oder privaten Ordnungsfirmen dafür sorgen das Pyro nicht ins Stadion gelangt. Das kann ja nicht so schwer sein bei enger Personenkontrolle vor Einlass. Dann nämlich erübrigen sich sofort viele Diskussionen.
oil-peak-fan 19.08.2017
5. 90%...
Zitat von moe.dahoolHier wird gerne etwas vermischt. Passt aber gut zur Meinungsmache bzw. -manipulation, wie sie in den meisten deutschen Medien stattfindet. 90% aller Ultras haben mit Gewalt nüscht am Hut
Warum sind sie dann Ultras?
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