Unentschieden gegen Polen Österreich jubelt in der Schlussminute

Es sah alles nach einer Niederlage aus. Doch in der Nachspielzeit zeigte Schiedsrichter Webb auf den Punkt. Der eingewechselte Ivica Vastic trat an und traf zum verdienten 1:1 gegen Polen. Österreich kann mit einem Sieg gegen Deutschland nun ins Viertelfinale einziehen.
Von Frieder Schilling

Hamburg - Eine engagierte, aber unglücklich agierende österreichische Nationalmannschaft ist wenige Augenblicke vor Ende der Partie belohnt worden. In Wien gab es am Donnerstag ein 1:1 (0:1)-Unentschieden gegen Polen. Im letzten Gruppenspiel trifft der Gastgeber am kommenden Montag auf Deutschland (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), das zuvor überraschend gegen Kroatien verloren hatte. Mit einem Sieg könnte Österreich die DFB-Elf nach Hause schicken und müsste hoffen, dass Polen nicht gegen Kroatien gewinnt, um den Traum von der Viertelfinalteilnahme perfekt zu machen. Die Kroaten stehen bereits als Sieger der Gruppe B fest.

"Das war eine Partie zum Zittern. Wir hatten in der ersten Halbzeit viele Chance, sind drei Mal allein auf den Tormann zugelaufen", sagte Torschütze Ivica Vastic und blickte schon auf das Duell gegen Deutschland: "Jetzt ist alles offen. Es ist nur ein Spiel. Die stärkeren Nerven werden entscheiden. Wir haben gesehen, dass die Deutschen zu knacken sind." Polens Coach Leo Benhakker war verständlicherweise enttäuscht: "Ich bin zufrieden mit den Jungs, ich kann ihnen keinen Vorwurf machen. Ich glaube aber nicht, dass wir eine Chance haben, noch weiterzukommen. Wenn wir heute gewonnen hätten, dann ja, aber so ..."

Das österreichische Team begann die Partie schwungvoll und setzte sofort spielerische Akzente, die bei ihrer Auftaktniederlage gegen Kroatien so nicht zu sehen waren. Schnelle Kombinationen und konsequentes Pressing sorgten für eine Vielzahl von Chancen - und die Möglichkeit für Polens Keeper Artur Boruc, auf sich aufmerksam zu machen. Einen Freistoß des österreichischen Kapitäns Andreas Ivanschitz konnte er noch ohne viel Aufwand entschärfen (11. Minute), in den folgenden vier Minuten wurde dann sein ganzes Können gefordert - sehr zum Leidwesen des Martin Harnik.

Der bei Bundesligist Werder Bremen unter Vertrag stehende Stürmer lief in der 13. Minute frei auf Boruc zu - doch der Pole reagierte sensationell und lenkte den Ball um den Pfosten. Nur 120 Sekunden später setzte sich der von Österreichs Trainer Josef Hickersberger neu ins Team gebrachte Mittelfeldspieler Ümit Korkmaz auf der linken Seite gegen zwei Polen durch, spielte den Ball nach innen zum frei stehenden Harnik. Doch der 22-Jährige scheiterte aus sechs Metern erneut am Torwart von Celtic Glasgow. Endgültig trieb dann Christoph Leitgeb die 51.000 Zuschauer zur Verzweiflung, als auch er unbedrängt Polens Schlussmann nicht überwinden konnte (17.).

Selbstkritisch - aber auch selbstbewusst - zeigte sich Harnik nach der Begegnung: "Ich muss vorm Tor 100-prozentig konzentriert sein, das ist mir heute nicht gelungen", so der 21-Jährige. "Wir werden in das Spiel gegen Deutschland mit genauso viel Selbstvertrauen gehen wie in die anderen Spiele. Wenn wir die Fehler genauso ausnutzen wie die Kroaten, müssen sich die Deutschen warm anziehen."

Trotz der unzulänglichen Chancenverwertung skandierten die Zuschauer in Wien "Immer wieder Österreich" und trieben ihr glückloses Team weiter nach vorne. Bis zur 30. Minute war der Gastgeber die deutlich bessere Mannschaft, bevor dann der Schock wie aus dem Nichts folgte: das Gegentor. Auf der rechten Seite schoss Stürmer Marek Saganowski aus spitzem Winkel auf den Kasten von Torwart Jürgen Macho, der den Ball nur abklatschen konnte. Aus polnischer Sicht stand der erst vor sieben Wochen eingebürgerte Roger Guerreiro goldrichtig und konnte abstauben. Aus österreichischer Sicht stand der in Brasilien zur Welt gekommene Mittelfeldspieler im Abseits - was durch TV-Zeitlupen bestätigt wurde.

"Wir haben sehr stark begonnen. In den ersten 30 Minuten haben wir die Polen an die Wand gespielt", sagte Hickersberger nach dem Schlusspfiff. "Wir hätten 2:0 führen können, hatten glasklare Chancen. Das zehrt an den Nerven, wenn man diese Chancen nicht nutzt."

Auch Halbzeit zwei begann mit einem Nachweis der fehlenden Cleverness der Gastgeber. Polens Defensivmann Jacek Bak klammerte den in den Strafraum sprintenden Ivanschitz deutlich. Und viele der bei der EM eingesetzten Schiedsrichter hätten wohl auf Strafstoß entschieden, wenn der Österreicher sich einen Augenblick schneller für das Fallenlassen entschieden hätte. Doch da Ivanschitz dies erst nach einem Zwischenschritt tat, ließ der Engländer Howard Webb weiterspielen.

In der Folge boten beide Mannschaften eine offene Partie, große Chancen spielten sie sich zunächst jedoch nicht mehr heraus. Einzig der früher für Dortmund stürmende Ebi Smolarek hätte, nachdem er Abwehrmann György Garics per simpler Körpertäuschung hatte aussteigen lassen, für Polen erneut treffen müssen (51.).

Etwa 30 Minuten vor Ende der Partie wurden die Polen dann immer stärker, gewannen offensichtlich mehr Vertrauen in ihr spielerisches Können - und kamen zu weiteren Chancen. Doch der beim AEK Athen spielende Macho konnte sie allesamt vereiteln. So rettete er zwei Mal gegen den Wolfsburger Jacek Krzynowek. Einmal aus kurzer Distanz (63.) und wenig später bei Krzynoweks Hammer aus 30 Metern, den er über die Latte lenkte (69.).

Mit einem Doppelwechsel versuchte Hickersberger seinem Team eine Viertelstunde vor Schluss neue Energie zuzuführen. Vastic und Roman Kienast kamen für Ivanschitz und Ronald Linz. Doch zunächst vergeblich. In den letzten Minuten gelangen den Österreichern keine guten Aktionen mehr. Sie zeigten zwar weiterhin großen Einsatz, wirkten jedoch kraftlos.

Dann der Pfiff, der ein ganzes Stadion aus der schon einsetzenden Depression riss. In der Nachspielzeit entschied Webb auf Elfmeter für Österreich. Mariusz Lewandowski hatte Sebastian Prödl am Trikot zu Boden gerungen. Der älteste Spieler des Turniers, Vastic, traute sich den Gang zum Punkt zu und verwandelte sicher (90.+2).

Prödl sagte nach der Partie: "Das war hochverdient. Wir sind mit dem Punkt zufrieden. Zum Glück hat das der Schiedsrichter gesehen, den Elfmeter konnte man geben. Das Glück war auf unserer Seite, jetzt haben wir ein Endspiel gegen die Deutschen." Dem wird er selber allerdings nicht beiwohnen können, da er nach der zweiten Gelben Karte gesperrt ist.

Mit Material des sid

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.