Ungeimpfter Bayern-Profi Kimmich Aus der Vorbildrolle gefallen
Fußballstar Kimmich
Foto: Julia Rahn / imago images/Pressefoto BaumannDieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.
Der Fußballer Joshua Kimmich hat vor ein paar Wochen noch großes Lob bekommen. Dafür, dass der Bayern-Profi seine finanziellen und vertraglichen Angelegenheiten selbst in die Hand nimmt und dafür, anders als fast alle seine Berufskollegen, keine Berater braucht.
Was für ein reifer Fußballer, mündig, aufgeklärt! Einer, der selbst weiß, was für ihn am besten ist.
Und sozial engagiert ist er auch noch: Als die Coronapandemie über Deutschland kam, hat er gemeinsam mit seinem Teamkollegen Leon Goretzka sofort die Initiative ergriffen, hat mit der Aktion »We kick Corona « Millionen für karitative Zwecke eingesammelt und selbst einen siebenstelligen Beitrag gespendet.
Joshua Kimmich, der Musterprofi. Ein Vorbild.
Dieses Bild hat seit dem Wochenende Risse bekommen.
Ausgerechnet Kimmich. Von dem man eher vermutet hätte, er hätte zu den Ersten gehört, die sich haben impfen lassen, ausgerechnet er hat sich bisher vom Impfen ferngehalten.
Bayerns Interimscoach Dino Toppmöller hat am Wochenende, als das Thema hochkochte, darauf hingewiesen, dass der Verein Informationsgespräche mit seinen Ärzten anbiete, bei denen man sich über die Chancen und Risiken von Impfungen kundig machen könne. Kimmich hat dennoch anders entschieden.
Kimmich hat alle Möglichkeiten
Ob Kimmich sich impfen lassen will oder nicht, das sei seine Privatsache, so ist es jetzt von vielen Seiten gerade aus dem Verein selbst zu hören. Das ist erst einmal richtig. Es gibt keine Impfpflicht, und das gilt auch für Fußballer.
Dass es im Spitzensport zudem eher Bedenken gegen das Impfen gibt als anderswo, ist bei einer Branche, in der der Körper das wichtigste Kapital ist, zudem vorstellbar.
Körperliche Nachwirkungen einer Impfung haben direkte Ausschläge auf die sportliche Leistungsfähigkeit. In einer so diffusen Nachrichtengesellschaft wie der hiesigen kann das schon Ängste auslösen.
Aber all das gilt für Joshua Kimmich nur bedingt, und das macht den Fall Kimmich auch zu einem Sonderfall. Wenn es Menschen gibt, die alle Möglichkeiten zur Verfügung haben, sich über die Lage ein Bild zu machen, dann gehört er dazu.
Nicht nur der FC Bayern bietet Briefings zum Thema an, beim DFB wurden die Nationalspieler immer wieder über die Coronasituation auf dem Laufenden gehalten. DFB-Teamarzt Tim Meyer hat das Hygienekonzept der Bundesliga ausgearbeitet. Und nicht zuletzt über »We kick Corona« hat Kimmich jederzeit die Gelegenheit, Fachleute aus Medizin und Wissenschaft zu kontaktieren.
Kimmich befindet sich mitten in einer Informationsblase zum Thema Corona, mit all seinen Facetten.
Weil Corona den Spitzensport direkt betrifft und es deswegen kein Thema ist, das man als Sportler ignorieren kann.
Weil Fußballer seit über einem Jahr ihr berufliches und auch privates Handeln nach den Regeln in der Pandemie auszurichten haben, mehr als andere.
Das ist der Preis dafür, dass sie ihre Berufsausübung fast kontinuierlich in der Pandemie fortsetzen konnten.
Promifaktor wird auch andere abhalten
Wenn Kimmich darauf hinweist, dass er erst auf entsprechende Studien wartet, dann tut er so, als sei er ein Otto Normalverbraucher irgendwo am Ende der Informationskette.
Der zu erwartende Effekt scheint klar: Wenn schon so einer wie der Kimmich Bedenken hat, der sich doch so umfassend um Corona kümmert, warum soll ich mich dann impfen lassen? Das wäre dann zwar wiederum eine Vorbildfunktion, diesmal aber in umgekehrter Richtung. Was der Promifaktor bei den ohnehin schon erhitzten Corona-Diskussionen ausmacht, hat das Beispiel von Tatort-Star Jan Josef Liefers zur Genüge bewiesen.
Erst vor sechs Tagen hat Joshua Kimmich schwer kranke Kinder auf der Palliativstation des Münchner Klinikums Großhadern besucht – an seinem trainingsfreien Tag. Auch wieder so ein Vorbild-Termin. Im Lichte der Meldungen vom Wochenende muss man aber nun ein »eigentlich« davor setzen.
In zwei Wochen treffen sich die Nationalspieler zu den letzten Länderspielen des Jahres. Dann wird der DFB wieder auf seine Impfkampagne hinweisen.
Zu deren Start im September wurde der Bundestrainer Hansi Flick zitiert: »Impfen ist unser sicherster und schnellster Weg zurück zur Normalität. Lasst ihn uns alle gemeinsam gehen.«
Das sollte auch für den Schlüsselspieler der Nationalmannschaft, Joshua Kimmich, gelten.