Union Berlin Die Seelenverkäufer von Köpenick

Ein Zweitligist betritt Neuland im deutschen Profifußball: Union Berlin verkauft sein Stadion an die eigenen Fans. Sie sollen Aktionäre werden, dabei gelten die Anhänger des Clubs als besonders kommerzkritisch. Kann das Modell funktionieren?
Alte Försterei in Berlin: Aktien für die Union-Fans

Alte Försterei in Berlin: Aktien für die Union-Fans

Foto: dapd

Berlin - Wer bei Union Berlin Grundlegendes ändern will, muss sich das vorher genau überlegen. Der Zweitligaverein aus dem Ostbezirk Köpenick verfügt über eine hochsensible Fangemeinde, die Veränderungen tendenziell als Angriff auf die über Jahrzehnte gehegte Traditionskultur des Vereins ansieht. Umso erstaunlicher ist es, wie wenig Widerstand sich regt, wenn Unions-Präsident Dirk Zingler jetzt ankündigt: "Wir verkaufen unsere Seele." Union Berlin geht unter die Aktionäre - die Fans sollen allerdings davon profitieren. Das ist zumindest der Plan.

Die Seele - das ist das Stadion der Berliner, die ehrwürdige Alte Försterei. Und Zinglers Satz vom Verkauf der Seele ist bewusst gewählt - so etwas erzeugt Aufmerksamkeit bei einem Club, bei dem Kommerz erst einmal unter Generalverdacht steht. Oder wie der Präsident es ausdrückt: "Bei uns wird ein Eckball noch nicht von einem Sponsor präsentiert. Er findet einfach statt. Ohne Firlefanz, ohne Unterbrechung."

Das soll auch so bleiben, wenn der Verein ab 1. Dezember Aktien ausgibt, über die Anteile an der Alten Försterei erworben werden können. Der Bau der neuen Haupttribüne steht an, mit der die Kapazität von jetzt 18.400 auf 21.100 gesteigert werden soll. Mit dem ungewöhnlichen Aktienmodell soll die Finanzierung abgesichert werden. Ab Dezember können ausschließlich Vereinsmitglieder und Sponsoren Aktien zum Wert von je 500 Euro kaufen. Insgesamt 10.000 Aktien können bis zum Jahresende gezeichnet werden. Die daraus resultierenden fünf Millionen Euro würden mithelfen, die für den Tribünenbau abgeschlossenen Kredite abzuzahlen. Die bisherige Stadiongesellschaft ist für diesen Zweck zu einer Aktiengesellschaft umgewandelt worden.

"Es wird nie eine Hakle-Feucht-Arena sein"

Aktienerwerb - das passt zu Union Berlin eigentlich ungefähr so gut wie die Champions League zu Erzgebirge Aue. Zingler ist das bewusst und hat deswegen schon im Vorfeld der außerordentlichen Mitgliedersammlung am 13. November eine entsprechende Öffentlichkeitsoffensive in den Berliner Medien gestartet. In ausführlichen Interviews hat der Präsident versucht, jegliche Zweifel an der Lauterkeit des Modells zu zerstreuen. So betont er immer wieder, dass jedes Mitglied maximal zehn Aktien erwerben kann, um zu verhindern, dass sich einzelne Investoren noch rasch vor dem Stichtag als Vereinsmitglieder einschreiben und anschließend einen Großteil der Anteile horten. Auch eine Veräußerung des Stadionnamens komme nicht in Frage: "Das ist die Alte Försterei, und die wird nie die Hakle-Feucht-Arena sein."

Solche Sätze sind Balsam für die Seele des Union-Fans, genau das wollen sie hören, und deswegen wird Zinglers Initiative auch von den Fangruppen bisher durchaus wohlwollend aufgenommen. "Eine Aktie zu erwerben, wird für viele eine Ehrensache sein", sagt André Rolle dem Berliner "Tagesspiegel". Rolle war jahrelang Stadionsprecher bei Union, seit mehr als 40 Jahren hängt sein Herz an dem Köpenicker Club. Da kommt ziemlich schnell Pathos ins Spiel: "Wenn ich einmal abtrete und weiß, dass die Alte Försterei in Händen derer ist, die ihnen wirklich am Herzen liegt, bin ich beruhigt."

Union nimmt damit die Anhänger zum zweiten Mal in die Pflicht, um das eigene Stadion zu modernisieren. Bereits vor drei Jahren wurde die Arena in der Köpenicker Wuhlheide durch die frewillige Selbsthilfe von mehr als 2000 Union-Fans in insgesamt 140.000 Arbeitsstunden renoviert. Jetzt müssen sie wieder ran und werden damit geködert, sich anschließend Miteigentümer des Stadions nennen zu dürfen. Verdienen kann man an der Aktie ohnehin nichts. "Mir geht es auch nicht darum, Geld mit der Aktie zu machen. Die kommt an die Wand", sagt Rolle.

Ob das Union-Modell Vorbild für andere Clubs sein kann - da ist allerdings auch Zingler vorsichtig. "Wir wollen lediglich deutlich machen, dass wir einen Weg für uns gefunden haben", sagt er. Bei Arminia Bielefeld hat man vor Jahren Fan-Anleihen für den Stadionbau unter dem Motto "Bau auf Blau" ausgegeben - das gesamte Finanzierungskonzept geriet allerdings später ins Wanken, nachdem der Tribünenausbau weit teurer wurde als geplant. So etwas soll bei Union nicht passieren, versichern alle Verantwortlichen.

Tatsächlich funktioniert so ein Konzept wie das von Union wohl nur bei Vereinen bis zu einer gewissen Größenordnung - angesichts der Summen, die der Stadionbau bei Bundesliga-Größen wie dem FC Bayern oder Borussia Dortmund verschlingt, wäre eine solche Fanbeteiligung dort illusorisch. Zudem braucht es wohl ein ähnlich inbrünstiges Verhältnis der Fans zum Verein, wie das in Köpenick der Fall ist, um die Anhänger zu animieren, für den Club dermaßen in die eigene Tasche zu greifen.

Genau dieses fußballromantische Gefühl bedient Zingler mit seiner Rhetorik, wenn er in einem Interview mit der "Berliner Zeitung" sagt: "Da gibt es Mannschaften, die sind nach einem Arzneimittel benannt, weil eine Pharmafirma die Namensrechte gekauft hat. Da läuft es mir eiskalt den Rücken herunter." Oder: "Ich kriege nicht Gänsehaut, wenn Franck Ribéry einen tollen Pass macht. Ich kriege Gänsehaut, wenn 20.000 Leute singen." Drei, vier Sätze dieser Art am 13. November - und die Mitgliederversammlung dürfte ihm zu Füßen liegen.

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