Berlin-Derby Union gegen Hertha Volles Haus, tolle Stimmung und ein mulmiges Gefühl

Union Berlin, hier werden die leidenschaftlichsten Fußballschlachten geschlagen. Seit der Pandemie nun erstmals wieder vor ausverkauftem Haus, gegen Stadtrivalin Hertha. Die einen sind euphorisch, die anderen schütteln mit dem Kopf. Beide haben Recht.
Aus Köpenick berichtet Peter Ahrens
Fans im Stadion von Union Berlin

Fans im Stadion von Union Berlin

Foto: Julius Frick / IMAGO

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Die Maske stört beim Singen. Sie stört beim Jubeln, beim Meckern, beim Bratwurstessen, beim Trinken. Sie stört eigentlich bei allem, was Fußballgucken im Stadion ausmacht.

Und so stehen an diesem Novemberabend in Köpenick 22.012 Zuschauerinnen und Zuschauer dicht an dicht und singen, jubeln, meckern, essen Bratwurst und trinken.

Und auch wenn Stadion- und Pressesprecher Christian Arbeit über Lautsprecher wohlwollend ermahnt: »Leute, helft ein bisschen mit, vielleicht behaltet ihr die Masken auch am Platz auf«, so sind es doch die wenigsten, die das tun. Weil man das »Eisern. Union« nur mit ganzer Inbrunst singen kann ohne Maske. Und, weil es erlaubt ist, die Maske am Platz wegzulassen. Und weil es an diesem Abend beim 2:0-Erfolg über den Stadtrivalen Hertha für die Fans des 1. FC Union so viel zu bejubeln gab.

»Endlich wieder mit euch«

Erstmals seit Beginn der Pandemie vor 21 Monaten ist die Alte Försterei ausverkauft, zum ersten Mal ist es wieder gestattet, dieses Stadion, das sich so sehr über seine Fans definiert, wie es in der Fußball-Bundesliga vielleicht nur in Dortmund noch der Fall ist, bis auf den letzten Platz zu füllen.

Die Hütte ist voll, »endlich wieder mit euch«, feiert der Stadionsprecher, die Stimmung ist großartig, und man fragt sich: Ist das alles richtig so? Kann man das wirklich machen, wenn parallel die Infektionszahlen so astronomisch in die Höhe schießen? Die Sieben-Tage-Inzidenz für Berlin liegt derzeit bei 343.

Alles diskutiert über Vollauslastung

Es ist das fünfte Derby, seit Union und Hertha BSC gemeinsam in der Bundesliga spielen. Hertha ist Mittelmaß, wieder einmal, Union ist besser, als viele erwartet haben, wieder einmal. Hertha macht zu wenig aus seinen Möglichkeiten, Union schöpft sein Potenzial aus, beides auch wieder einmal. Der Samstagabend sollte all das eindrucksvoll unterstreichen. Und das Überraschendste daran ist höchstens, dass es keinen mehr überrascht.

Stattdessen waren die Berliner Zeitungen in der Woche jeden Tag voll davon, ob es in Ordnung ist, dieses Spiel vor ausverkauftem Haus auszutragen oder nicht. Vollauslastung hieß das meistgelesene Stichwort. Argumente hatten beide Seiten zur Genüge.

Der Berliner Senat hat das Derby als ausverkaufte Veranstaltung am Mittwoch genehmigt, unter der Voraussetzung, dass alle Besucherinnen und Besucher entweder genesen oder geimpft sein müssen. Zudem war die Maskenpflicht auf dem Stadiongelände angeordnet, am Platz selbst wurde das Tragen der Maske lediglich empfohlen, eine Empfehlung, der vielleicht ein Zehntel der Fans folgen.

Volle Straßenbahnen, Trauben am Einlass

Schon auf dem Weg in die Wuhlheide sind die Straßenbahnen voll, das ist unvermeidlich. Zumal die Berliner Polizei noch Samstagnachmittag getwittert hatte, angesichts der zu erwartenden Staus ums Stadion solle man doch besser die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen.

Volle Hütte in der Alten Försterei

Volle Hütte in der Alten Försterei

Foto: Andreas Gora / dpa

Vor den Eingängen gibt es dann dennoch Staus, allerdings deswegen, weil der Impfstatus der Leute am Einlass kontrolliert werden muss. Da bilden sich unvermeidbar Menschentrauben. Was man aber auch sagen muss: Es läuft alles diszipliniert, organisiert ab, die Ordnerinnen und Ordner haben alles im Griff, gemurrt wird so gut wie gar nicht.

Zu groß ist die Vorfreude bei den Unionern, und man kann es ihnen wahrscheinlich auch nicht verdenken. Das letzte Derby, das in Berlin gerne Stadtmeisterschaft genannt wird, weil es die Sache viel eher trifft angesichts der fehlenden Historie dieses Duells, fand in Köpenick komplett ohne Zuschauer statt. Es war so ein unfasslich trister Abend, dass man als Berichterstatter am Ende ratlos war, was man über dieses 1:1-Spiel hätte schreiben sollen.

Jeglicher Vergleich zu dem Abend jetzt verbietet sich im Grunde, man kann fast sagen, es war eine andere Sportart. Man kann jeden und jede verstehen, die solch traurigen Corona-Fußballabende nicht mehr haben wollen, diesen Fußball ohne Seele.

Ein einmaliges Erlebnis?

Stattdessen jetzt die Begeisterung, mit der das Publikum jede Angriffswelle der Unioner, und davon gab es viele, auf dem Platz begleitete, dieser treibende Wechselgesang, wenn die eine Tribüne »Eisern« anstimmt und die andere mit »Union« antwortet – dass der Union-Sprecher am Ende sagt, man solle »diesen Abend im Herzen bewahren«, wird jeder Fan der Eisernen als Auftrag begreifen. Auch weil vieles darauf hindeute, dass dies ein in doppelter Wortbedeutung einmaliges Erlebnis für die Union-Fans war.

Angesichts der Corona-Zahlen kann sich niemand so wirklich vorstellen, dass in zwei Wochen die Alte Försterei wieder ausverkauft sein darf. In Sachsen, bei RB Leipzig, sind die Geisterspiele schon verordnet, zum Unmut des Klubs, in Bayern werden die Besucherzahlen massiv eingedampft. Der Trend ist derzeit kein Freund von ausverkauften Fußballstadien.

»Das Herz auf dem Platz gelassen«: Union siegte verdient

»Das Herz auf dem Platz gelassen«: Union siegte verdient

Foto: Andreas Gora / dpa

Hörte man sich unter den Besucherinnen und Besuchern am Abend um, so hörte man immer wieder: »wir haben uns sicher gefühlt«, »wir sind ja geimpft«, viele hatten sich auch zusätzlich noch einem aktuellen Schnelltest unterzogen. Dennoch tat man sich schwer, die Bilder von den euphorischen Fans, der Taumel nach dem 2:0, das tausendfache Unisono »Schau mal Hertha, so wird das gemacht« einfach so zu genießen. Wer weiß, was da noch nachkommt? Es ist nicht die Zeit für Unbeschwertheit.

Dass Union-Trainer Urs Fischer am Ende davon sprach: »Ich genieße den Moment wirklich«, ist unbenommen. Union hat zwei Jahre gebraucht, die Machtverhältnisse in der Stadt umzukehren.

»Das Herz auf dem Feld gelassen«

»Wir haben das Herz auf dem Feld gelassen«, sagte Max Kruse, nach wochenlanger Verletzungspause erstmals wieder in der Startelf. Der Fußball von Union ist schnörkellos, es fällt bei ihnen immer auf, wie kompromisslos die Mannschaft den Weg zum Tor sucht.

Hertha hatte dagegen kein Mittel, harmlos, richtungslos. Dass die Hertha dieses Spiel verliert, war nicht so erstaunlich wie die Tatsache, wie achselzuckend sich der Klub offenbar eingefunden hat, nicht mehr die Nummer eins in Berlin zu sein. Selbst die Hertha-Fans gaben sich lammfromm, warfen eher pflichtgemäß am Ende noch eine Rauchbombe aufs Feld, das war schon in der Nachspielzeit, als alles gelaufen war.

»Osten und Westen, unser Berlin«, so heißt es in Unions-Fanhymne von Nina Hagen, und so ist es im Moment fußballerisch: Union darf unwidersprochen von »unserem Berlin« reden. Dass der Klub seine Europapokalspiele im Olympiastadion, der Heimat der Hertha, austrägt, ist ein hübsches Detail, das ins Bild passt. In der Tabelle steht Hertha auf Platz 13, Union ist Fünfter. Das ist die Berliner Realität.

Hertha hat für das nächste Heimspiel beim Senat ebenfalls einen Antrag auf Vollauslastung des Olympiastadions mit seinen gut 70.000 Plätzen gestellt. Der nächste Gegner im Westend ist allerdings der FC Augsburg, da kamen im letzten Heimspiel vor Corona 27.000 Fans. Das Wort Vollauslastung hat in diesem Zusammenhang einen leicht ironischen Beiklang.

Obwohl möglicherweise diesmal mehr Besucherinnen und Besucher kommen könnten. Nicht wegen Hertha. Aber vielleicht wollen ja einige den Bayern-Besieger FC Augsburg sehen.

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