Aufstieg von Union Berlin Willkommen im Tollhaus

Erstmals in seiner Geschichte hat Union Berlin den Bundesliga-Aufstieg geschafft. Nach dem Relegationserfolg gegen Stuttgart wurde noch einmal deutlich: Die Liga kann sich auf einen besonderen Klub freuen.

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Aus der Alten Försterei berichtet


Wenn ein Fußballplatz nur Sekunden nach Abpfiff eines Spiels gestürmt wird von Tausenden freudeschwangeren Menschen. Wenn erwachsene Männer weinen wie Kinder, sich mit Fäusten vor Glück auf ihre nackten Brüste schlagen. Wenn dann ein Sportchef mitten im Interview von seinen Spielern überfallen wird: "Herr Ruhnert, jetzt hör auf, so seriös zu tun! Und sag: Wo ist das Bier?" Wenn all das geschieht, dann ist Außergewöhnliches passiert. Dann ist ein besonderer Klub, der bisher vom Erfolg selten besucht wurde, in die Bundesliga aufgestiegen.

So sah es am Montagabend in der Alten Försterei aus, als Union Berlin, der Zweitliga-Dritte, im Relegationsspiel gegen den Bundesliga-16. VfB Stuttgart ein 0:0 erreichte und nach dem 2:2 im Hinspiel erstmals in die Bundesliga aufsteigt. Kaum war der Schlusspfiff ertönt, rannten Union-Fans von den Rängen auf den Rasen, fielen sich und ihren Spielern um die Hälse. Roter und weißer Rauch spannte sich über das Stadion an der Alten Försterei, Unions kleiner Idylle mitten im Wald im Berliner Osten. Lange dröhnten Siegesgesänge durch die Nacht. Wohl selten wurde ein Aufstieg so überschwänglich gefeiert, und vielleicht geht das auch nur, wenn man eigentlich ein Verliererklub ist, wie es Union lange Jahre zu DDR-Zeiten und danach war.

Nun aber sind die Berliner das 56. Bundesligamitglied seit der Gründung zur Saison 1963/1964. Erstmals seit dem Abstieg von Energie Cottbus 2009 spielt wieder ein Klub mit DDR-Vergangenheit in der Bundesliga - RB Leipzig existiert in seiner jetzigen Form schließlich erst seit 2009.

Auf die Erstligisten wartet in Köpenick ein Tollhaus. "Wahnsinn, was hier los ist", sagte Unions Mittelfeldspieler Robert Zulj. "Jeder Fan, der zu mir kam, hat sich bei mir bedankt. Ich fange gleich an zu heulen. Die Bundesliga kann sich freuen - auf diese Mannschaft, diese Fans und dieses Stadion."

Union-Fans vor dem Anpfiff: "Nehmt euer Herz in die Hände"
Hannibal Hanschke REUTERS

Union-Fans vor dem Anpfiff: "Nehmt euer Herz in die Hände"

Schon vor dem Anpfiff hatten die Berliner Anhänger eine eindrucksvolle Atmosphäre erzeugt. Der Teambus wurde von Hunderten Fans empfangen. Im Stadion hatten sie eine Choreografie vorbereitet: Unter einem Bild einer Hand, die ein Herz umklammerte, stand: "Wer wartet mit Besonnenheit, der wird belohnt zur rechten Zeit. Nun hat das Warten ein Ende, nehmt euer Herz in die Hände."

Zehn Jahre lang war Union durchweg in der Zweiten Liga, länger als jeder andere aktuelle Zweitligist. 2017 verpasste man als Tabellenvierter mit 60 Punkten den Aufstieg. Diesmal nicht. Und das auch, weil ein Großteil der 22.000 Zuschauer in der Alten Försterei die Berliner Mannschaft gegen Stuttgart mit fast pausenlosen Gesängen nach vorn trieb.

"Diese Unterstützung in diesem Stadion, das hilft dir einfach. Ich hätte das alles nie für möglich gehalten", sagte Unions Trainer Urs Fischer. Dass im Zeitalter des Turbokapitalismus im modernen Fußball, in dem der TV-Zuschauer wichtiger wird als der in der Arena, die eigene Heimstätte mitentscheidend über Erfolg und Misserfolg sein kann, ist vielen ein wohltuender Gedanke. Nur eine einzige Heimniederlage gab es für Union in der abgelaufenen Saison (ein 1:3 gegen Paderborn).

Fischer ist ein besonnener Mann, der nicht zur Pose neigt, und auch deshalb zu diesem Klub passt. Aber als der Schweizer beschreiben sollte, was da für ein Verein in die Bundesliga kommt, da ging er für seine Verhältnisse aus sich heraus: "Teamgeist und Solidarität haben uns dahin gebracht, wo wir jetzt sind", sagte er: "Union ist ein Klub mit einem Geist."

Damit hatte Fischer auch den Kern seiner Mannschaft beschrieben: Sie spielt oft schmucklos, zeichnet sich aber durch Verteidigen im Kollektiv aus. 15 von 36 Saisonspielen inklusive Relegation hat Union ohne Gegentor überstanden. Fischer, der einst mit Basel zweimal Meister und einmal Pokalsieger wurde, hat Union eine Philosophie der Defensive verordnet. Kein Zweitligist verteidigte erfolgreicher.

Dass der Aufstieg dennoch nur knapp gelang - in den vergangenen 15 Jahren holte nur ein Tabellendritter weniger Punkte als Union - hat seine Gründe eher im Offensivbereich. Gegen Stuttgart spielte das Team viele lange Bälle auf die Stoßstürmer Sebastian Andersson oder Sebastian Polter. Auf Ballbesitz legte Union in dieser Saison kaum wert. Ein wichtiger Erfolgsfaktor waren deshalb Standards, 17 Tore erzielte der Klub nach ruhenden Bällen. Diese Stärke in die Bundesliga hinüberzuretten, dürfte ein Schlüssel im Kampf um den Klassenerhalt sein.

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Bundesliga-Relegation: So feiert Union den Aufstieg

Dass Union nicht nur eine Kurzvisite in der Bundesliga anstrebt, ließ Oliver Ruhnert durchblicken. Unions Sportchef, der von seinen Spielern Felix Kroos und Florian Hübner später noch zur Bierbesorgung ermahnt wurde, betonte, wie sehr der Verein gewachsen sei. Ruhnert war vor einem Jahr vom Chefsout befördert worden, nachdem Union mit Aufstiegshoffnungen gestartet war, aber nur Achter wurde. Elf Spieler holte er - und den Trainer Fischer. Der Erfolg in diesem Jahr ist auch seiner.

Nun muss Ruhnert den Kader um spielerische Möglichkeiten erweitern. Und das mit begrenzten Mitteln. In Liga zwei hatte Union einen Lizenzspieleretat von 16 Millionen Euro. In der Bundesliga ist er selbst bei Teams wie Augsburg doppelt so hoch.

Weil ein direkter Wiederabstieg durchaus möglich ist, sucht Ruhnert hauptsächlich nach Spielern, die für beide Ligen Verträge abschließen. Das schränkt den Kandidatenkreis ein. Aber es könnte dafür sorgen, dass Spieler kommen, die auch wirklich in Köpenick sein wollen. Spieler, die zu diesem eigenwilligen Klub passen.

Union Berlin - VfB Stuttgart 0:0
Union: Gikiewicz - Ryerson, Friedrich, Hübner, Reichel - Abdullahi (82. Gogia), Prömel, Schmiedebach, Zulj (90.+3 Parensen), Hartel (65. Mees), Andersson
VfB: Zieler - Pavard, Kabak, Badstuber, Aogo - Ascacibar - Gentner, Akolo, Zuber (68. Castro) - Donis (60. Didavi), González (46. Gomez)
Schiedsrichter: Dingert
Gelbe Karten: Friedrich, Schmiedebach - Gentner
Zuschauer: 22.012

insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
tuvalu2004 28.05.2019
1. Geil, mal wieder ...
... einen Traditionsclub in der Ersten zu haben mit Herz, und nicht nur Geldclubs oder Retortenclubs. Düsseldorf z.B. hat auch einen super Platz belegt mit geringstem Budget, Dortmund geschlagen, Bayern ein Unentschieden (3:3) abgerungen. So was braucht die BL.
timtom2222 28.05.2019
2.
Ein FC Bayern kann sich halt nicht mehr mal über ein Double freuen! Bei jedem kleinen Team mit Fans geht es so ab.
nn280 28.05.2019
3. Ich bin mir nicht sicher,
ob sie wirklich aufsteigen wollten und ob sie schon begriffen haben, was jetzt auf sie zu kommt, auf unsere Ost-Unioner der ex-DDR. Der original Verein heißt: Union 06 Oberschöneweide. Dieser Name wäre mir lieber! Ich gönne es Ihnen aber, dem 1.FC Union Berlin! Sie werden investieren müssen, sie werden viel tun müssen, auch in ihrem Umfeld an der alten Försterei. Sie werden es schnell tun müssen. Der größte Erfolg wäre, wenn sie die ersten beiden Jahre BuLi 1 überstehen, den Trainer dazu haben sie bereits! Und meine Sympathie auch.
ladiv 28.05.2019
4.
Zitat von timtom2222Ein FC Bayern kann sich halt nicht mehr mal über ein Double freuen! Bei jedem kleinen Team mit Fans geht es so ab.
Die Bayern Fans haben ordentlich gefeiert. So sah das auf den TV-Bildern jedenfalls aus. Vlt. haben Sie ja den falschen Sender eingeschaltet.
kraftmeier2000 28.05.2019
5. Man
kann hier einfach nur Gratulieren und sich mit diesem Verein freuen, endlich hat es geklappt. Und ich würde mir wünschen das Sie die erste Saison dann auch heil überstehen, denn solche Vereine machen den Fußball aus, und ganz sicher nicht ein FCB, denn der kann nur mit viel Geld sich die Siege "erkaufen", wie armselig. Und im nächsten Jahr schafft es ja vielleicht auch "mein" Verein der HSV wieder, wenn denn endlich sauber gearbeitet wird.
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