Leuchtraketen, Platzsturm, Verletzte Die Schadensbilanz des Berliner Derbys

Das erste Bundesliga-Duell zwischen Union und Hertha hätte ein Fest werden können - stattdessen drohte der Spielabbruch. Torwart Gikiewicz stellte sich den Ultras in den Weg. Der wahre Held aber war der Schiedsrichter.

Thomas F. Starke/Getty Images

Aus der Alten Försterei berichtet


Wenn man sich in ein paar Jahren an dieses erste Bundesliga-Duell zwischen Union Berlin und Hertha BSC erinnert, dann daran, dass ein Torwart in kurzen Ärmeln schwarz gekleidete Typen mit vermummten Gesichtern vom Rasen jagt. Wie er sie anschreit und mit dem Zeigefinger zurück in den Fan-Block beordert.

Rafal Gikiewicz hat vielleicht dafür gesorgt, dass dieses 1:0 von Union gegen Hertha nicht noch schwerer zu ertragen war als ohnehin schon. Der 32 Jahre alte Schlussmann des 1. FC Union stellte sich kurz nach dem Abpfiff einer Gruppe von Schwarzgekleideten aus dem eigenen Fanlager in den Weg, die gerade im Begriff war, Richtung Gästeblock zu stürmen. Schreie, Drohgebärden, dann drehten die Vermummten ab.

Ob es wirklich das Eingreifen Gikiewicz' und einiger seiner Mitspieler war, das eine Eskalation verhinderte, oder ob es nicht doch eher an einem Kommando aus den Reihen der Ultras lag, ist schwer zu sagen. Aber für die allermeisten Zuschauer im Stadion an der Alten Försterei machte es den Eindruck, als habe dieses unappetitliche erste Berliner Bundesliga-Derby seit 1977 am Ende doch noch einen Helden bekommen. Von den Rängen ertönten "Gikiewicz, Gikiewicz"-Rufe.

Im Normalfall der Held: Sebastian Polter
Annegret Hilse / REUTERS

Im Normalfall der Held: Sebastian Polter

"Wir Spieler sind in der Pflicht, unsere eigenen Fans davon abzuhalten, irgendwelche Dummheiten zu machen", sagte Sebastian Polter. Im Normalfall wäre der Unioner Stürmer zum Derby-Helden erkoren worden. Erst spät eingewechselt, erzielte Polter mit einem Foulelfmeter das Siegtor kurz vor Schluss (87. Minute). Aber dass es sich hier nicht um ein normales Stadtduell mit einem emotionalisierten Publikum handelte, das hatte Polter schon von der Bank aus mit Angst beobachtet: "Ich habe von dort gesehen, wie Raketen ungefähr in Richtung meiner Kinder und meiner Freundin gegangen sind. Das ist schrecklich, nicht zumutbar", sagte der Angreifer.

28 Sekunden waren gespielt, da flog eine erste Leuchtrakete aus dem Hertha-Block ans Stadiondach. Wenige Augenblicke später folgte die nächste, als Unions Außenverteidiger Christopher Lenz gerade an den Pfosten köpfte. Was auf den Rängen geschah, überlagerte fortan die kärgliche fußballerische Darbietung auf dem Feld.

Eine Gruppe von etwa 30 Ultras hatte sich im Union-Block auf der Waldseite mit weißen und rot-weißen Tüchern die Gesichter vermummt. Von Spielbeginn an hatte sie dort wie zur Drohung gestanden, und man fragte sich, warum dagegen eigentlich niemand etwas unternahm. Auch konnte man sich wundern, wie eine derart große Zahl von Leuchtraketen bei den Hertha-Fans und Pyrofackeln (in beiden Lagern) bei der Kontrolle übersehen werden konnten.

"Reißt euch zusammen!"

Mit Beginn der zweiten Hälfte fackelte erst der Union- und dann der Hertha-Block Pyrotechnik ab - es sah aus, als brenne die Alte Försterei. Dann landete eine Leuchtrakete knapp neben Unions Co-Trainer Markus Hoffmann und eine zweite auf dem Rasen. Stadionsprecher Christian Arbeit appellierte: "Es droht hier ein Spielabbruch, also reißt euch zusammen!"

Als es aber trotzdem weiter draußen brannte, beorderte Schiedsrichter Deniz Aytekin die Mannschaften in die Katakomben. Aytekin berichtete später, dass er im intensiven Austausch mit der Polizei gestanden habe, dass man sich aber gemeinsam dazu entschlossen habe, das Spiel nach ein paar Minuten fortzuführen. Denn wer weiß, was bei einem Abbruch passiert wäre in einem vollbesetzten Stadion mit 22.000 Zuschauern.

"Oberste Priorität war es, das Spiel nach Hause zu bringen", sagte Aytekin, "die Sicherheit war die größte Sorge. Ich bin nur erleichtert, dass niemand auf dem Rasen verletzt wurde. Das hat mit Fußball nichts zu tun."

Bester Mann auf dem Platz: Schiedsrichter Dennis Aytekin
Andreas Gora/dpa

Bester Mann auf dem Platz: Schiedsrichter Dennis Aytekin

Es ist gut möglich, dass der eigentliche Held des Abends Aytekin war. Die von Fouls geprägte Partie leitete der 41-Jährige so besonnen, dass zumindest die Gemüter auf dem Rasen und den Trainerbänken Normaltemperatur behielten. Und als die Raketen den Berliner Nachthimmel zerschnitten und später Unioner Fanutensilien am Zaun zum Hertha-Block brannten, verlor Aytekin nie den Kopf. "Ich glaube, dass der Schiedsrichter auch einen Teil dazu beigetragen hat, dass es ohne große Zwischenfälle ablief", sagte Unions Trainer Urs Fischer.

Als dieses Spiel, über dessen fußballerische Qualität man kein weiteres Wort verlieren muss, nach zehn Minuten Nachspielzeit endlich abgepfiffen war, begann der große Beschuss. Aus dem Hertha-Block flogen mehr als zehn Raketen, schlugen neben Spielern und Betreuern ein und auch auf anderen Teilen der Tribünen. "Da stehen Papas mit ihren Kids", sagte Herthas Trainer Ante Covic und forderte: "Wir haben auch in den Kurven eine Vorbildfunktion." Ein Teil der Union-Fans antwortete mit dem versuchten Durchbruch zum Gegner, der bei Gikiewicz endete.

Eine einzige Enttäuschung

Die Schadensbilanz des Abends: Ein Union-Fan sowie ein Zivilbeamter kamen durch aus dem Gästeblock abgefeuerte Pyro-Geschosse zu Schaden. Ein weiterer Beamter wurde im Zuge polizeilicher Maßnahmen leicht verletzt. Die Polizei leitete im Rahmen des ersten Bundesliga-Duells beider Klubs insgesamt 25 Strafermittlungsverfahren ein, unter anderem wegen Körperverletzung, Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung. Nach dem Spiel kam es zu vier Freiheitsentziehungen.

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Ausschreitungen beim Hauptstadt-Derby: Die Alte Försterei brennt

Auch bei Union will man nach den Verursachern fahnden. "Wir versuchen wie immer, etwas zu ermitteln. Aber jeder weiß, dass das schwierig ist", sagte Unions Pressechef Christian Arbeit. Nicht umsonst waren einige der Beteiligten vermummt. Das klang sehr nach Resignation.

Jenes Berliner Derby hätte so vieles sein können: Ein Spiel mit einer gewissen Symbolik eine Woche vor dem Jubiläum des Mauerfalls vor 30 Jahren. Ein Moment, in dem der sonst international so spärlich beachtete deutsche Hauptstadtfußball endlich einmal Aufmerksamkeit erhält. Am Ende aber wurde es eine einzige Enttäuschung.

"Das Beste an diesem Spiel war", sagte Herthas Manager Michael Preetz zum Schluss, "dass ich von meinem Platz aus kaum etwas sehen konnte."



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frietz 03.11.2019
1.
"Wir versuchen wie immer, etwas zu ermitteln. Aber jeder weiß, dass das schwierig ist", sagte Unions Pressechef Christian Arbeit. Nicht umsonst waren einige der Beteiligten vermummt. NEIN! Es ist nicht schwierig, es ist nicht gewollt. sind die Chaoten bereits bei Stadioneintritt vermummt? Nein. Warum richtet man nicht 100 hochauflösende Kameras auf (sollten im Budget jedes Bundesligisten drin sein) und zeichnet alles in den Problemblocks auf. Hier kann man dann mit entsprechend Personal Täter bereits identifizieren und nach dem Spiel am Ausgang abfangen und einsperren. Darüberhinaus den evtl vorhandenen Arbeitgeber informieren, warum sein Arbeiter am Montag nicht zur Arbeit erscheint. Die freuen sich. Die Technik zur Identifizierung dieser Chaoten ist vorhanden und möglich, aber man will es nicht.
snowcat 03.11.2019
2. Traditionsvereine
So ist das halt bei den sogenannten Traditionsvereinen. Solange ich dieses primitive asoziale Verhalten nicht bei Leipzig oder Hoffenheim sehe, sind das ganz klar meine Lieblingsmannschaften in der 1. Bundesliga.
Hayas 03.11.2019
3. Furchtbar,
eigentlich hätte ich besseres von den Unionern erwartet. Aber Fussballfans sind Fussballsfans, so scheint es und damit ziemlich dämliche Zeitgenossen. Glückwunsch an die Sieger, aber schämt euch eurer Fans, hat schon seinen Grund warum ich Fussballstadien meide.
im_ernst_56 03.11.2019
4.
Zwei Gedanken: Erstens sollte man die Anwendung von Pyrotechnik in Stadien als Straftatbestand ins StGB einfügen. Man muss nicht warten, bis Menschen ernsthaft zu Schaden kommen. Speziell in engen Stadien wie der alten Försterei ist das kreuzgefährlich. Völlig unverständlich, dass manche Leute glauben, es sei ein unverzichtbar Teil der "Fankultur". Zweitens waren die Hertha-"Fans" immer schon sehr speziell. Ich erinnere mich an die Hertha Frösche in den 1970er und 1980er Jahren, die bei Auswärtsspielen mit der Bahn regelmäßig randaliert und auch schon mal ein Zugabteil angezündet haben. Manche Hertha-Fans haben nicht alle Latten am Zaun. Und irgendwie scheint das in der Genetik des Clubs zu stecken. Vielleicht aus Frust, weil die großen Zeiten der alten Dame 80 Jahre zurückliegen. Den letzten Titel hat Hertha 1931 geholt.
isi723 03.11.2019
5. Die Guten sind immer die Dummen!
ich verstehe zwar, dass so ein Spiel zum Zweck der Deeskalation weiterlaufen sollte, aber alle kommenden Spiele dieser Konstellation sollten dann ohne Zuschauer und ohne TV und Radioübertragung stattfinden. Dies gilt auch für alle anderen "Fußballkriege", bei denen Pyros abgefackelt werden. Gut, dann wären die ersten drei Liegen menschenleer - aber so isse s dann eben! Man muss halt mal anfangen etwas gegen diesen Schwachsinn zu unternehmen. Leider würden so alle die gestraft, die einfach nur Fußball schauen wollen. Die Guten sind immer die Dummen!
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