Überraschungsteam Union Berlin Hoch und weit bringt Sicherheit

Vier Siege aus fünf Spielen - nach schwachem Saisonstart hat Union Berlin derzeit einen Lauf. Der Aufsteiger verfolgt eine Strategie, an der gerade Spitzenvereine verzweifeln.

Angreifer Sebastian Andersson (r.) ist der Schlüsselspieler im System von Union
Matthias Kern / Getty Images

Angreifer Sebastian Andersson (r.) ist der Schlüsselspieler im System von Union

Von Tobias Escher


Die Formtabelle der Bundesliga gibt ein gänzlich ungewohntes Bild ab. Betrachtet man nur die vergangenen fünf Spieltage, haben nämlich nicht die Bayern, Dortmund oder Tabellenführer Mönchengladbach die meisten Punkte geholt. Ganz vorn steht Union Berlin. Der Aufsteiger gewann vier der vergangenen fünf Spiele. Mit nunmehr 16 Punkten stehen die Berliner näher an einem Europapokal- als an einem Abstiegsrang.

Unions überraschender Erfolg hat viele Gründe: Geschäftsführer Oliver Ruhnert hat einen gut ausbalancierten Kader aus Veteranen und Bundesliga-Neulingen zusammengestellt. Trainer Urs Fischer hat ein taktisches System entworfen, in dem sich die Spieler wohlfühlen. Vor allem aber zieht Union den eigenen Spielstil gnadenlos durch - so gnadenlos, dass sie selbst Spitzenvereine auf ihr Niveau herunterziehen können.

Der lange Ball als Grundlage

"Hoch und weit bringt Sicherheit" - dieses Motto ist Fußballspielern vor allem aus den unteren Ligen bekannt. Union bringt es in die Bundesliga. Die Berliner lassen den Ball nicht lange in den eigenen Reihen laufen, sondern suchen mit hohen Bällen den direkten Weg in die gegnerische Hälfte. Kein Bundesligateam spielt so viele lange Bälle. Nur der FC Augsburg hatte in dieser Saison bislang im Durchschnitt weniger Ballbesitz.

Der gesamte Spielstil der Berliner ist auf diese langen Bälle ausgerichtet: Die Stürmer weichen häufig auf die Flügel aus, um nicht gegen die hochgewachsenen gegnerischen Innenverteidiger ins Kopfballduell gehen zu müssen, sondern gegen die häufig kleineren Außenverteidiger. Aus dem Mittelfeld rücken Akteure nach, um hinter die Abwehr zu starten oder zweite Bälle zu erobern.

Union fühlt sich so sicher im Spiel mit hohen Bällen, dass das Team auch dem Gegner diesen Spielstil aufzwingen möchte. Im Mittefeld stellen die Berliner die Anspieloptionen des Gegners rigoros zu, setzen hier meist auf Manndeckung. Die Stürmer lenken den Ball nach außen, dort werden die Spieler angelaufen und zum langen Ball verleitet.

Neven Subotic (oben) hat nicht nur beim Jubeln meist die Lufthoheit
Andreas Gora / DPA

Neven Subotic (oben) hat nicht nur beim Jubeln meist die Lufthoheit

Selbst Mönchengladbach, sonst unter Trainer Marco Rose eher Verfechter des kurzen Passes, wurde am vergangenen Wochenende von Union beständig zum hohen Ball genötigt. Mit der Fokussierung auf lange Bälle gelingt es Fischers Team, den Gegner auf das eigene Niveau herunterzuziehen. Das Prinzip ist einfach: Am Boden sind die Fähigkeiten des Teams vergleichsweise limitiert, die Balleroberung fällt schwer. Bei hohen Bällen sieht das anders aus.

Mit dem 2:0-Erfolg gegen Gladbach gelang den Berlinern ein Kunststück, das zuletzt Jürgen Klopp in Mainz gelungen war: Sie gewannen als Aufsteiger in einer Saison gleich zwei Duelle gegen den jeweiligen Tabellenführer - Borussia Dortmund am dritten Spieltag, Mönchengladbach am zwölften.

Unions Sandro Wagner

Unions Einkaufspolitik vor der Saison basierte darauf, die richtigen Spieler für diesen Stil zu finden. Keven Schlotterbeck (aus Freiburg geliehen), Marvin Friedrich (von Augsburg verpflichtet) und der bundesligaerfahrene Neven Subotic (früher BVB und Köln) köpfen in der Abwehr nahezu jeden Ball souverän heraus. Im Mittelfeld jagen Robert Andrich (aus Heidenheim) und Christian Gentner (aus Stuttgart) zweiten Bällen hinterher.

Unions Schlüsselspieler spielte indes bereits in der Aufstiegssaison in Berlin. Stürmer Sebastian Andersson steuerte nicht nur sechs der 14 Berliner Saisontore bei. Der Schwede ist zudem Zielspieler für die langen Bälle seiner Teamkollegen.

Sebastian Andersson (l.) behauptet den Ball gegen Nico Elvedi von Borussia Mönchengladbach
Matthias Kern / Getty Images

Sebastian Andersson (l.) behauptet den Ball gegen Nico Elvedi von Borussia Mönchengladbach

Laut der Statistikseite whoscored.com hat Andersson in dieser Saison 167 Luftduelle bestritten, 88 gewann er. Damit hat Andersson exakt so viele Luftduelle gewonnen, wie Nils Petersen, der Bundesligaspieler mit den zweitmeisten Luftzweikämpfen, überhaupt bestritten hat. Das untermauert Anderssons herausragende Rolle im Berliner Angriffsspiel: Lange Bälle festmachen oder weiterleiten, danach mit Tempo in den Strafraum starten und für den Kopfball bereitstehen. Die Spielweise von Andersson erinnert an Strafraumstürmer Sandro Wagner.

Heimstärke als Trumpf

Dass Union ausgerechnet jetzt seine Spiele gewinnt, liegt nicht nur am torhungrigen Andersson (drei Treffer in den vergangenen beiden Spielen). Seit Trainer Fischer im Oktober von Vierer- auf Fünferkette umgestellt hat, steht seine Mannschaft defensiv stabiler. Die Abwehrkette ist kaum mehr zu überwinden, auch das Pressing im Mittelfeld funktioniert besser.

Vor allem aber kann Union sich auf die eigene Heimstärke verlassen. Ihre vergangenen drei Spiele in der Alten Försterei konnten sie gewinnen. "Wenn sie Eisern Union brüllen, bekomme ich Gänsehaut auf dem Platz", sagte Schlotterbeck in einem Interview nach dem Gladbach-Erfolg über den Heimvorteil. " Vielleicht sind das die zwei, drei Prozent, die es uns leichter machen, zu gewinnen."

Auf diesen Vorteil werden sie im kommenden Spiel auf Schalke (Freitagabend, 20.30 Uhr, live auf DAZN und im SPIEGEL-Ticker) verzichten müssen. Da hilft nur: hoch und weit.



insgesamt 12 Beiträge
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viceman 29.11.2019
1. das alles kann nach
2-3 verlorenen spielen schon wieder ganz anders aussehen. aber zunächst drücke ich den unionern heute abend ganz feste die daumen!
lothar.thuermer 29.11.2019
2. Einfach erfolgreich!
Fortschritt führt vom Primitiven über das Komplexe zum Einfachen. Vielleicht sind zu viele Mannschaften beim Komplexen stehen geblieben?
legeips62 29.11.2019
3. ich drücke Union schon jetzt,
für die zweite Saison in der Bundesliga, die Daumen.. die Abwerber und Spielerberater stehen schon bereit bzw. zweitere wollen ihre Provisionen verdienen.
meresi 29.11.2019
4. Na dann, wollen wir hoffen...
das die Schalker nicht den Kreisel auspacken, weil dann sieht es schlecht aus für Union. Als dieser zur Anwendung kam, ist schon lange her, nur wenige werden sich daran erinnern können (lach) da hat auch der BVB richtig abgebissen, die waren ne Lachnummer damals, Revier Derby, my arse...okay, wollen wir nicht länger in alten Geschichten baden, zurück zum jetzt und heute. Seid wachsam Union...und möge der Gott des langen Balles mit euch sein.
taschengeldparagraph 29.11.2019
5. Nicht aussagekräftige Statistik
Was muss man eigentlich tun, um Sportjournalist zu werden? Reicht wirklich ein Blick auf eine Statistik, um daraus einen Artikel zu produzieren? Nominell spielen die Unioner die meisten weiten Bälle, das ist korrekt. Wenn man sich aber genauer anschaut, zu welchem Zweck diese Bälle gespielt werden, muss man untersuchen, wann sie zu diesem Mittel greifen. Hätten Sie, Herr Escher, sich die Statistiken etwas genauer angeschaut, dann hätten Sie bemerkt, dass die Union gerade in der Schlussphase, also in den letzten 15 Minuten einen Großteil der weiten Bälle spielen. Daraus kann man dann schlussfolgern, dass hohe Bälle nicht vornehmlich als Mittel eingesetzt werden, um schnell vors Tor zu kommen, wie Sie es beschreiben, sondern die weiten Bälle werden gespielt um Unentschieden oder Führungen zu halten. Schade, dass der Spiegel im Bereich Sportjournalismus lediglich bei Investigativrecherchen gut aufgestellt ist.
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