Union Berlins Hauptsponsor Vom Kongo nach Köpenick

Abfallentsorgung in Brazzaville, Spielervermittlung in Brasilien: Der neue Millionensponsor von Union Berlin pflegt eigenartige Geschäftskontakte. Die Deutsche Fußball Liga beobachtet den Werbepartner des legendären Zweitliga-Clubs misstrauisch - kann aber wenig gegen ihn ausrichten.
Von Christoph Biermann

Anhänger von Union Berlin zu sein ist nicht nur eine Frage des Gefühls, sondern auch der Gesinnung. Zu DDR-Zeiten formierte sich auf den Rängen der "Alten Försterei" zuweilen Widerstand gegen das SED-Regime, und nach der Wende spendeten die Fans auch mal Blut für ihren klammen Club. Selbst zum Schuften waren sie sich nicht zu schade. 2000 Helfer kamen in der vorigen Saison auf 140.000 Arbeitsstunden, um das Stadion zu modernisieren. Unbezahlt, versteht sich.

Als vor wenigen Wochen die runderneuerte Arena in Köpenick wiedereröffnet wurde, hatten die meisten Zuschauer feuchte Augen. Gerührt von so viel Herzblut zeigte sich auch die Polit-Prominenz. SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder und der Linke Gregor Gysi beklatschten die Aktivisten.

Nur der Mann, der viel Geld bezahlt, um vom Kultstatus des Zweitliga-Aufsteigers zu profitieren, hielt sich im Hintergrund. Als die Emotionen durchs Stadion wehten, stand Jürgen Czilinsky, 52, unbewegt auf dem Balkon vor dem VIP-Raum. Er schien sich zu fragen, wo er hier eigentlich gelandet sei.

Als Aufsichtsratsvorsitzender der Firma International Sport Promotion (ISP) ist der Geschäftsmann dem Verein in den nächsten fünf Jahren aufs engste verbunden - zwei Millionen Euro jährlich lässt die ISP es sich kosten, um bis 2014 auf dem Trikot zu werben.

Eigentümerstruktur der ISP ist schwer zu durchschauen

Das ist einerseits erstaunlich, weil selbst Erstliga-Absteiger Karlsruher SC in der vorigen Saison nur gut 1,6 Millionen Euro von seinem Hauptsponsor bekam. Andererseits stellen sich eine Menge Fragen. Denn die ISP weist Merkmale einer zwielichtigen Firma auf: Ihre Eigentümerstruktur ist schwer zu durchschauen, ihr wichtigster Repräsentant betreibt nebulöse Geschäfte und trägt wenig zur Erhellung bei.

Wer Czilinsky besuchen will, muss ins zwölfte Stockwerk eines Bürohauses in Berlin-Lichtenberg. Der Geschäftsmann hat eine erstaunliche Karriere gemacht. Er war Fallschirmspringer bei der Nationalen Volksarmee, dann mischte er im DDR-Außenhandel mit. Nach dem Fall der Mauer arbeitete er für Einkaufscenter in Osteuropa und sanierte Plattenbauten in Russland. Dadurch entstanden Kontakte ins Büro des damaligen Präsidenten Wladimir Putin, so erzählt er. Czilinsky sicherte sich geologische Karten aus Sowjetbeständen, die bei der Rohstoffsuche in aller Welt behilflich sein können.

Nun sitzt der Aufsichtsratsboss der ISP in einem Ledersessel und redet davon, dass er mit der Firma "Netzwerke herstellen" und "bei der Herstellung von Wirtschaftskreisläufen beraten" würde. Auf dem riesigen Konferenztisch stehen Fähnchen afrikanischer Staaten. Czilinsky sagt: "Wer sich in Fußball und Musik platziert, kann in Afrika Meinungsbildung generieren."

Das mag stimmen, doch was hat das mit Union Berlin zu tun?

"Es geht um das Berlin im Vereinsnamen, das kennt man dort überall", erwidert Czilinsky, die ISP wolle durch den Einstieg in den Fußball "weitere Geschäftsfelder erschließen", etwa als international agierende Sportmarketingagentur.

Er will an die Bodenschätze der Republik Kongo ran

Czilinsky behauptet, er verfüge in zwölf Ländern Zentral- und Westafrikas über terrestrische Frequenzen für einen Sportfernsehsender namens Africa TV. Auch auf dem brasilianischen Spielermarkt ist er aktiv, genauso wie bei der Abfallentsorgung in Brazzaville, der Hauptstadt der Republik Kongo. Dort trifft Czilinsky auch regelmäßig den Staatspräsidenten, er will an die Bodenschätze ran. Der Handel mit Müll und die Ausbeutung von Rohstoffen gelten als besonders korrupte Geschäftsfelder in Afrika.

Nach Auskunft Czilinskys kommen die Eigentümer der ISP aus dem arabischen Raum, dort befinde sich auch der Sitz der Firma. Doch bei der Chamber of Commerce in Dubai wird die ISP nicht unter der Aktennummer 1122009 und der Lizenznummer 4818 geführt, wie sie auf ihrer Homepage behauptet. Die Handelskammer des Emirats listet sie auch unter keiner anderen Nummer. "Unsere Angabe ist so nicht korrekt", gibt ISP-Geschäftsführer Dieter Fietz zu. Das Unternehmen sei im nahe Dubai gelegenen Emirat Adschman gemeldet. "Aber dann denken die Leute ja, es sei in Indonesien", sagt Fietz.

So flapsig wie diese Erklärung, so prall sind die Geschichten, die Fietz erzählen kann. Als ehemaliger Fußballtrainer hatte er zu DDR-Zeiten einen heißen Draht zur Roten Armee, weil damals russische Offiziere in seinem Team spielten, der BSG Kabelwerk Oberspree. Aufgrund dieser Kontakte wurde er Anfang der neunziger Jahre Manager beim Armeesportklub ZSKA Moskau. Fietz verkaufte Starspieler wie Igor Schalimow in den Westen, und kaufte für sich zwei Hotels in Moskau. 1997 holte er auf vier Lastwagen insgesamt 94 Kubikmeter Kunstwerke des aufgelösten sowjetischen Künstlerverbandes zur Versteigerung von Moskau nach Berlin. Die Reste, so erzählt Fietz, landeten in seiner Villa auf Mallorca.

Die DFL beobachtet das Geschäfstgebaren der ISP mit Argwohn

Die erste Rate aus dem Sponsorendeal mit ISP, eine Million Euro, hat Union Berlin bereits erhalten. Für die zweite Rate dieser Saison bürgt die Genesis Commodities AG, eine im Rohstoffhandel tätige Beteiligungsgesellschaft aus dem schweizerischen Küsnacht. Genesis Commodities behauptet, über Goldminen in Alaska und Ghana zu verfügen, deren Wert über 40 Milliarden Dollar betrage.

Union-Präsident Dirk Zingler sagt, dass der neue Partner "schwer zu überprüfen ist". Die Deutsche Fußball Liga (DFL) beobachtet das Geschäftsgebaren der ISP mit Argwohn. Vor zwei Jahren verhinderte sie, dass zwielichtige russische Investoren beim Zweitligisten Carl Zeiss Jena einstiegen. Doch gegen Geldgeber, die als Sponsoren die Clubs beeinflussen könnten, haben die Funktionäre wenig in der Hand.

Womöglich ließen sich die Irritationen, die der neue Union-Sponsor in der DFL-Zentrale ausgelöst hat, in einem Gespräch unter Geschwistern ausräumen. Denn die Genesis Commodities AG, die für die ISP bürgt, gehört zu 95 Prozent einem Unternehmen namens CR Rashid, angesiedelt in der Freihandelszone des Emirats Adschman. Neben Czilinsky ist einer der Besitzer dieser Firma Karl-Heinz Rauball. Dessen Bruder ist der DFL-Präsident Reinhard Rauball. Der sagt: "Wir haben keine beruflichen Berührungspunkte. Ich weiß nicht, was Karl-Heinz gerade macht."