Union-Kenner Biermann vor dem Berliner Derby »In Köpenick freuen sie sich gerade ein Loch in den Bauch«

Ein Jahr lang hat der Autor Christoph Biermann Union Berlin in der Bundesliga begleitet. Der jetzige sportliche Höhenflug des Klubs kommt für ihn nicht überraschend. Ein Gespräch über Derby-Gefühle und die Bundesliga als Dorfverein.
Ein Interview von Peter Ahrens
Christoph Biermann (rechts) mit Union-Trainer Urs Fischer

Christoph Biermann (rechts) mit Union-Trainer Urs Fischer

Foto: Matthias Koch / imago images

Christoph Biermann ist eine Saison lang eingetaucht: Der Sportjournalist und Buchautor hat die erste Bundesligasaison des 1. FC Union Berlin nicht nur begleitet, er war Teil der Mannschaft, sozusagen embedded. Biermann war in der Umkleidekabine dabei, bei den Trainerbesprechungen, im Präsidentenbüro, er hat mit den Spielern im Mannschaftshotel am Mittagstisch gesessen, an Trainingseinheiten teilgenommen.

Über dieses Jahr im Maschinenraum eines Bundesligisten hat er anschließend ein Buch geschrieben:  »Wir werden ewig leben – mein unglaubliches Jahr mit dem 1. FC Union Berlin«. Das Jahr ist vorbei, den Klub aus Köpenick beobachtet Biermann aber immer noch intensiv. Dass Union derzeit die Nummer eins in der Hauptstadt ist, hält er allerdings für eine Momentaufnahme, sagt er vor dem Berliner Derby am Abend im Interview.

Zur Person
Foto: Christoph Biermann

Christoph Biermann, 60, ist ein renommierter Fußballbuchautor und war jahrelanger Berichterstatter unter anderem für den SPIEGEL und die "Süddeutsche Zeitung". Heute ist er Chefreporter für "11FREUNDE".

SPIEGEL: Das Berliner Derby hat als Pflichtspiel bisher sieben Mal stattgefunden, Tradition hat es nicht. Ist die Rivalität deswegen nicht reichlich künstlich? Oder gibt es tatsächlich – von Union aus gesehen – tiefe Derby-Gefühle?

Biermann: Auf dem ersten Derby in der Bundesliga letzte Saison lag schon sehr große Aufmerksamkeit. Trainer Urs Fischer hat das intern den Spielern gegenüber sogar bewusst heruntermoderiert, damit sie im Spiel nicht überdrehen. Direkt vor dem Spiel kam Union-Präsident Dirk Zingler in die Kabine, hielt aber auch keine donnernde Motivationsrede, sondern wollte eher beruhigen. Er hielt das wohl für nötig, weil ja tagelang über nichts anderes geredet worden war. Ich bin damals vor dem Spiel nicht mit der Mannschaft ins Hotel gefahren, sondern zu einem Ultra-Aufmarsch. Als ich dann am S-Bahnhof Köpenick stand, habe ich mir gedacht: Alter, hier ist aber ganz schön Spannung drin. Auch wenn es keine Tradition gibt, nach dem Motto, wir spielen seit 1907 gegeneinander und haben hundert Geschichten darüber zu erzählen, hatte ich das Gefühl, dass das Spiel fast aus dem Stand eine massive Bedeutung bekommen hat.

SPIEGEL: Sie stammen aus dem Ruhrgebiet. Vergleichbar mit dem Revierderby ist es aber sicher nicht?

Biermann: Nein, aber es ist auch überhaupt nicht gekünstelt. Zu meiner eigenen Überraschung und zur Überraschung fast aller ist das allen ganz schön unter die Haut gegangen. Ich weiß noch, nach dem 1:0-Sieg ist mir Zingler komplett durchgeschwitzt um den Hals gefallen, so außer sich war er. Da war schon Stimmung in der Bude.

SPIEGEL: In der Rückrunde gab es dann ein 0:4 aus Unionsicht, eines der ersten Spiele nach der Coronapause. Eine besondere Niederlage?

Biermann: Am nächsten Morgen sagte Zingler grinsend zu mir: »Das Spiel zählt nicht, es waren ja keine Zuschauer da.« Ich glaube, dass die Abwesenheit des Publikums dem Ganzen wirklich das Entscheidende genommen hat. So ein Derby lebt ja auch davon, den Anderen zu verspotten oder Transparente hochzuhalten, das fiel alles weg. Es wird also erst wieder ein richtiges Derby werden, wenn Zuschauer da sind.

Union-Stürmer Sebastian Polter nach seinem Siegtor im Derby 2019

Union-Stürmer Sebastian Polter nach seinem Siegtor im Derby 2019

Foto:

Annegret Hilse / REUTERS

SPIEGEL: Das heißt, das Spiel am Sonntag, erneut ohne Zuschauer, ist höchstens ein Derby light?

Biermann: Wichtig bleiben diese Spiele trotzdem, auch die Partie am Sonntag. Es muss doch für Hertha extrem kränkend sein, wenn du trotz der irrwitzig besseren Mittel so weit hinter Union her hinkst. Die Stadtmeisterschaft in Berlin ist ja in dieser Saison fast schon entschieden, jedenfalls wenn man auf die Tabelle guckt. Bei den Unionern dürfte das stille Genugtuung auslösen, aber sie wissen auch, dass sich das im Lauf der nächsten Jahre wieder ausmendeln dürfte. Sie freuen sich in Köpenick gerade ein Loch in den Bauch, aber damit ist sicher nicht die Kräfteverteilung für die nächsten zehn Jahre vorgezeichnet.

SPIEGEL: Also die Verschiebung der Gewichte in der Stadt ist eine Momentaufnahme?

Biermann: Sehe ich zumindest so, die beiden Klubs gehen doch klar erkennbar unterschiedliche Wege. Das mit dem Big City Club wird Hertha nicht mehr los, und das ist auch gar nicht falsch. Wenn du dieses 80.000-Zuschauer-Stadion voll bekommen willst, musst du groß denken. Union dagegen wird mittelfristig schon rein wirtschaftlich aus dieser Underdog-Rolle nicht herauskommen. Sie werden so bald weder ernsthaft mit Klubs wie Stuttgart und Köln konkurrieren können, ja nicht mal mit Freiburg oder Mainz. Also müssen sie weiter schlau vorgehen, über Zusammenhalt und gute Ideen die riesengroßen finanziellen Nachteile kompensieren.

SPIEGEL: Wie passt das denn dann mit einem Star-Transfer wie dem von Max Kruse zusammen?

Biermann: Max Kruse ist ein fußballerisches Genie. Wenn der halbwegs Lust hat, macht er Mannschaften besser. Von seinen Qualitäten müsste er eigentlich bei Bayern München spielen, er hat sich aber für ein anderes Lebensmodell entschieden. Als ich gehört habe, dass er zu Union kommt, habe ich gleich gedacht: Er wird denen wahnsinnig helfen, auch wenn er ein spezieller Typ ist. Gleich am Anfang der Saison habe ich aus dem Verein gehört: Mensch Christoph, du hättest dir diese Saison aussuchen sollen, da hättest du gute Geschichten gehabt.

Union-Star Max Kruse

Union-Star Max Kruse

Foto:

O.Behrendt / imago images/Contrast

SPIEGEL: Und: War es die falsche Saison?

Biermann: Nein. Was mir beim Schreiben von dem Buch klar geworden ist: Jede Saison ist wie die abgeschlossene Staffel einer Fernsehserie, auf Englisch heißt das ja sogar Season. Das funktioniert erzählerisch nach ähnlichen Mechanismen, und ich glaube inzwischen, dass man das Buch noch in zehn Jahren wird lesen können, selbst wenn keiner der Protagonisten mehr da ist. Man könnte so was jede Saison bei jedem Verein machen. Schalke in dieser Saison, was für eine Story! In meinem speziellen Fall mit Union war allerdings das Einzigartige, dass es die historisch erste Bundesligasaison war.

SPIEGEL: Der Klub spielt im Rennen um die internationalen Plätze mit. Wir groß kann Union noch werden, wie groß darf Union noch werden?

Biermann: In dem Klub gibt es eine Sehnsucht nach Größe, über die nicht laut gesprochen wird. Da ist nicht nur: Wir sind klein, unser Herz ist rein. Deshalb wollen sie auch die Kapazität des Stadions fast verdoppeln. Ab einem gewissen Standard ist man sowieso zu einer bestimmten Größe verdammt, und ich wüsste auch nicht, was dem im Wege stehen sollte. Es braucht eine gute Führung mit einem Sinn für die Seele des Klubs, aber die gibt es dort. Die haben mal vor 5000 Leuten gespielt, jetzt sind es über 20.000. Das ist auch unfallfrei vor sich gegangen.

SPIEGEL: Wenn man das Buch liest, bleibt am Ende der Eindruck, Urs Fischer sei der perfekte Trainer, zumindest für Union. Ist das wirklich so?

Biermann: Ich finde seine Arbeit großartig. Fußballhandwerklich ist er Pragmatiker, guckt sich an, was er hat und versucht, das Beste daraus zu machen. Im Umgang mit der Mannschaft ist er immer klar, auch in seinen Ansprachen. Er ist mal laut geworden, aber nicht oft, gibt andererseits nicht den Kuschelcoach, der ständig alle in den Arm nimmt. Er spricht viel mit den Leuten, wenn auch oft eher beiläufig, auf dem Weg zum Training oder mal so zwischendurch. Nach draußen will er wenig Eindruck machen, aber intern ist er komplett auf der Höhe der Ereignisse. Fischer ist ein außergewöhnlich guter Trainer, aber manchmal denke ich, dass ihm das selbst gar nicht so bewusst ist. Er macht halt, was er so macht. Insofern passt Fischer bestens zu Union, die Unioner erwarten von ihrem Trainer kein großes Entertainment.

Trainer Urs Fischer nach dem Erstligaaufstieg

Trainer Urs Fischer nach dem Erstligaaufstieg

Foto: Annegret Hilse REUTERS

SPIEGEL: Ein Schweizer Trainer, Spieler aus allen Himmelsrichtungen: Ist Union immer noch der alte Ostverein?

Biermann: Da muss man zwei Dinge unterscheiden, den Sport und den Verein. Die Profiabteilung könntest du prinzipiell komplett verpflanzen. Das ist auf gewisse Art austauschbar. Aber dadurch, dass sie in dieser Union-Welt leben, färbt die doch auf sie ab.

SPIEGEL: Was macht diese Union-Welt aus?

Biermann: Es ist diese Liebe der Leute zu dem Verein, die etwas manchmal fast schon rührend Ungebrochenes hat. Und diese Haltung: Wir pfeifen unsere Spieler nicht aus, wir picken uns keinen auf dem Platz als Schuldigen heraus. Es haben mir mehrere Profis erzählt, wie schlimm das für sie ist, wen sie vom eigenen Publikum ausgepfiffen werden. So etwas gibt es bei Union nicht, und das ist eine unglaubliche Stärke. Weil es gegenseitiges Vertrauen schafft. Ob das was mit dem Osten zu tun hat, darüber kann man lange spekulieren. Dass es ein Ostverein ist, ist für mich aber unbestritten. Gut daran finde ich, dass es eine Ost-Erfolgsgeschichte ist, denn davon gibt es ja nicht so wahnsinnig viele.

SPIEGEL: Union betont immer den Wert des Publikums und hat sich daher auch in der Pandemie bemüht, die Zuschauer wieder ins Stadion zu holen. Das ging zuweilen bis an den Rand des Erträglichen aus meiner Sicht.

Biermann: Ich habe den Widerwillen der Öffentlichkeit gegen diese Bemühungen von Union durchaus verstanden. Aber die Erklärung dafür liegt in dem berühmten Wort Stadionerlebnis. Das gestalten sie bei Union auf eine besondere Art aus. Und daher gibt es auch das Gefühl eines existenziellen Mangels, wenn die Zuschauer nicht da sind, und dabei rede ich nicht über Geld. Das hat fast schon etwas Theologisches. Nach dem Motto: Wir müssen unsere spirituelle Mitte bewahren. Nur, dass es natürlich niemand so formulieren würde.

SPIEGEL: Muss man Grundsympathie für Union haben, um ein Jahr mit so einem Verein durchzuhalten?

Biermann: Nein, aber mit den Menschen dort. Meine Befürchtung vorher war, dass ich schnell denken könnte: Die sind alle doof. Dann wäre es ein langes Jahr geworden. Ich habe aber relativ schnell gemerkt, dass ich die Leute richtig mag. Untypisch ist Union auch, weil dort viele Beschäftigte eher nicht für einen anderen Fußballklub arbeiten würden. Dass sie also denken, ach, nächstes Jahr arbeite ich mal in Düsseldorf und dann ruft vielleicht Werder Bremen an, so was gibt es kaum.

Biermann als Beobachter an der Seitenlinie

Biermann als Beobachter an der Seitenlinie

Foto: Matthias Koch / imago images

SPIEGEL: Wenn man so tief eintaucht in die Lebenswelt eines Bundesligisten wie Sie, hat man dann anschließend mehr Verständnis für die Profis, für die Branche?

Biermann: Ich habe jetzt sehr viel mehr Verständnis für alle, die da drinstecken. Das heißt natürlich nicht, dass ich alles richtig finde, was sie tun. Aber meine Nachsicht für das Leben in dieser komplizierten Welt mit dieser Wahnsinns-Öffentlichkeit ist größer, und mein Blick ist milder geworden.

SPIEGEL: Wie ist das, wenn man nach so einem Jahr wieder vom Insider zum Außenstehenden wird?

Biermann: Es ist bei Union für mich jetzt so, als würde ich zu meinem Dorfverein gehen. Da treffe ich lauter Leute, die ich kenne, die Ordner grüßen mich, und die Spieler fragen: Wie geht’s dir denn so? Wie beim Dorfverein halt.

SPIEGEL: Ein Bundesligist, der mit Millionen hantiert, als Dorfverein – eine sehr romantische Sicht.

Biermann: Mag sein. Ich will nicht sagen, dass ich auf einer Mission bin, aber meine Botschaft nach diesem Jahr ist: Die Entfremdung voneinander tut im Fußball keinem der Beteiligten gut. Weil sie so entrückt sind, überhöhen wir Spieler, Trainer und Manager, dabei ist das ganze Fußballding gar nicht so geheimnisvoll. Übrigens auch nicht so zynisch, ich habe jedenfalls viel echte Begeisterung gespürt. Der Profifußball ist eine sehr eigene Berufswelt, die durchaus hart ist, aber da passiert am Ende mehr Gutes als Schlechtes. Jedenfalls habe ich es so wahrgenommen.

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