US-Fans "Dem Tod ins Auge gesehen"

Das US-Team ist also im Achtelfinale. "Na und?", fragen die meisten Amerikaner. Im "Summers", dem Soccer-Mekka von Washington, treffen sich aber inzwischen zu morgendlicher Stunde knapp 300 Fans, um ihr Team anzufeuern.

Von Steven Geyer, Washington


Soccer-Fans im "Summers": Manche kamen schon um Mitternacht
Steven Geyer

Soccer-Fans im "Summers": Manche kamen schon um Mitternacht

Washington - "Wir haben dem Tod ins Auge gesehen", sagt Kat McDonough und duckt sich über sich ihr Bierglas, "aber wir haben überlebt." Es ist morgens halb zehn in Washington, und gerade ist das amerikanische Fußballteam ins Achtelfinale der Fußball-WM gestolpert. Ein Dutzend US-Fans springt draußen an der Straßenkreuzung wild herum, jubelnd, schreiend, die US-Fahne schwenkend. Die meisten von ihnen haben in "Summers Restaurant" nicht nur 90 Minuten mit ihrem Team gefiebert, sondern eine ganze Nacht voller Vorfreude und Kaffee hinter sich. Es hat sich gelohnt: Amerika ist nicht rausgeflogen. Sie haben sich ihre Jubelschreie verdient.

Dabei waren die Vorzeichen gar nicht gut an diesem Morgen: Die ganze Woche über herrschte strahlendes Sommerwetter in der amerikanischen Hauptstadt, nun aber regnet es schon seit der Dämmerung. Für viele Soccer-Fans ist das doppelt frustrierend: Zuerst mussten sie schon um 6 Uhr in der Nacht das Bett gegen die Bahn eintauschen, und dann werden auch noch etliche von ihnen im Regen stehen gelassen. Das "Summers" ist schon seit 7 Uhr überfüllt.

Die meisten Gäste sind jung, zwischen 20 und 30, manche sind schon um Mitternacht aufgetaucht, um vorzufeiern. Das "Summers" ist zweigeteilt: Vorn ein beinahe schickes Restaurant, hinten die verrauchte Bar. Aber überall Fernseher. Und an diesem Morgen kein Sitzplatz, nirgends.

Niemand verlässt seinen Tisch

Draußen vor der Kneipe steht Christopher Cabacar aus Alexandria, einer Stadt nahe Washington mit seinen Freunden und etwa 25 anderen Leuten vor den schaufenstergroßen Spiegelglas-Scheiben, um die Spiele zu verfolgen. Als der schwarze Pole Emmanuel Olisadebe schon nach drei Minuten das 1:0 schießt, bekommt Christopher das gar nicht mit, weil er gerade überlegt, ob er lieber im Regen stehen und dafür den Großbildschirm im Restaurant erkennen will oder unter dem Überdach warten soll, bis ein Platz frei wird. Nach dem Tor entscheidet er sich für den Regen.

Gute Wahl: Während der nächsten 90 Minuten verlässt drinnen niemand seinen Tisch. Wer hier ist, hat auf Schlaf verzichtet, kommt von einem Nachtjob oder geht nach dem Spiel zur Arbeit. Wer hier ist, weiß, dass "das der Ort ist, an dem du sein musst", wie Radioreporterin Kristi King vom Washingtoner Sender WTOP mit Tremolo in der Stimme sagt. Vor allem, wenn das US-Team spielt, wimmelt es hier vor Medienleuten, denn hier gibt es die beste Stadion-Atmosphäre der Gegend. Keine andere Sport-Bar in ganz Washington und Umgebung zeigt die WM-Spiele live. Deshalb kommen die echten Fans hierher, und mehr als dreißig Fernseher, Import-Bier, Schlachtrufe und Szenenapplaus warten auf sie.

"Es ist doch nur alle vier Jahre!"

Das "Summers" liegt ein Stück außerhalb der City im Vorort Arlington, Bundesstaat Virginia. Bei einigen ausländischen Touristen gucken noch die Stadtpläne aus der Tasche. Auch per Auto sind Fans aus der gesamten Nachbarschaft angereist. "Wir sind heute nacht aus Maryland hergefahren", erzählt Keyan Mohtashemi, 30, der im Bundesstaat nördlich der Hauptstadt lebt und arbeitet. "Direkt nach dem Spiel gehe ich ins Büro, also fast ohne Schlaf. Aber daran gewöhnt man sich. Und, hey - es ist doch nur aller vier Jahre!" Keyan kommt seit dem ersten WM-Spiel jede Nacht ins "Summers". Heute hat er sich die US-Flagge als Cape auf den Rücken gebunden. "Wir schaffen es", sagt er.

Keyan ist eindeutig die Ausnahme von der Regel, wonach US-Amerikaner nichts für Fußball übrig haben. "Wie dem Gras beim Wachsen zuzusehen" sei Soccer, nörgelt ein Sportkolumnist. Fußball mag der Sport der restlichen Welt sein, stänkert ein anderer, "aber er wird nie ein amerikanischer Sport werden".

"Summers"-Chef Joe Javidara hat trotzdem eine Zielgruppe ausfindig gemacht. Für Ausländer, die in der Hauptstadt arbeiten, Touristen aus aller Welt und Ausnahme-Fans wie Christopher oder Keyan ist sein Restaurant, das normalerweise nur abends zur Sports-Bar wird, während der Fußball-WM rund um die Uhr offen. Joe hat sich um die Lizenzen für den 24-Stunden-Betrieb gekümmert und den Sportkanal ESPN-2 abonniert, der die WM komplett live überträgt.

An diesem Morgen steigen in Japan und Südkorea allerdings zwei wichtige Spiele gleichzeitig: Alle im "Summers" wissen, dass ein Sieg der Koreaner über Portugal den Amerikanern in die nächste Runde helfen würde - selbst wenn die USA verliert. Und das planen sogar die Anhänger der Mannschaft ein. Gut, dass "Summers"-Chef Joe zusätzlich für einige ausländische Kabelsender zahlt, denn so kann er beide Spiele parallel zeigen.

Vor heißen Mädels nicht zu retten

Dabei ist die WM hier im "Summers" ein Draufzahl-Ereignis. "Nachts von 1:30 Uhr bis 7:30 Uhr ist es verboten, Alkohol auszuschenken", erklärt der Student Stephen Hayes, der während der Sommerferien in der Bar kellnert. "Und von den Iren und Briten abgesehen, trinkt am frühren Morgen keiner Bier." Von Kaffee und Spiegeleiern aber wird man nicht reich. Auf das Poster, das die WM-Sonderöffnungszeiten ankündigt, hat jemand "Joe, wir lieben Dich" geschrieben. Auch Kellner Stephen ist Soccer-Fan und deshalb gern bereit, 12-Stunden-Schichten zu schieben. "Immerhin werde ich bezahlt, um Fußball zu gucken", freut er sich. Beim Spiel Brasilien-Costa Rica habe man sich vor heißen Mädels in der Bar nicht retten können. "Außerdem ist die Stimmung beeindruckend", schwärmt Stephen. "Die Spannung, das Lachen, die Wut, die Kameradschaft - so etwas habe ich noch nie bei American Football oder Basketball noch nie gesehen."

An diesem Morgen wird die Begeisterung der US-Fans allerdings zeitig gedämpft. Nicht nur die Gäste im "Summers" sind noch verschlafen, auch ihr Team kommt anfangs nicht recht in Schwung - 2:0 für Polen nach fünf Minuten. Kopfschütteln. Keyan muss sich nun doch ein Bier bestellen.

Spannung in Washington: Schaffen die US-Boys den Sprung ins Achtelfinale?
Steven Geyer

Spannung in Washington: Schaffen die US-Boys den Sprung ins Achtelfinale?

In der Halbzeitpause springen die Männer seufzend auf, um zum Klo zu rennen, und dutzendweise Reporter aus Washington und dem Rest der Welt springen auf, um O-Töne einzufangen. "Vielleicht sollte ich mal ein paar der Journalisten interviewen", meint Radiofrau Kristi. "Es ist doch unglaublich, aus wievielen Ländern sie hierher gekommen sind." Kristi geht halbstündlich live auf Sendung und bietet ihrem Sender jedesmal ein neues Interview an.

"Wir stehlen ihnen ihr Spiel"

Pünktlich zur zweiten Halbzeit sitzt wieder jeder an seinem Platz, auch wenn die wenigstens vom amerikanischen Team noch Großes erwarten. Die "Komm schon, USA"-Rufe werden allmählich zu "Komm schon, Korea". Als Polen in der 66. Minute das 3:0 schießt, während es zwischen Portugal und Korea noch 0:0 steht, winkt Lehrer Mick ab. "Das war es", murmelt er. Nach dem Glück, das Amerika bisher gebucht hatte, sei er wohl zu früh "ziemlich euphorisch" geworden.

Kneipe "Summers": Von Kaffee und Spiegeleiern wird man nicht reich
Steven Geyer

Kneipe "Summers": Von Kaffee und Spiegeleiern wird man nicht reich

Nicht nur er: "Wir stehlen ihnen ihr Spiel", hatte die renommierte "Washington Post" kokettiert: Die USA werde in absehbarer Zeit den Rest der Welt auch im Soccer schlagen - obwohl das amerikanische Publikum sich für den Sport gar nicht interessiere und nur sechs Prozent der US-Bürger sich das 1998er WM-Finale im Fernsehen ansähen. In diesem Jahr hingegen, so die Post, sei die "kritische Masse bei Spielern und Begeisterung" erreicht. So sieht es auch Soccer-Fan Kat: "Amerika interessiert sich immer mehr für den Sport, und wir werden besser. Und am wichtigsten: Wir werden leidenschaftlicher. Denn beim Fußball geht es um Leidenschaft, das kann man hier in der Bar ja spüren."

Spontan die Nationalhymne angestimmt

Kurz darauf bricht tatsächlich Jubelgeschrei los: Korea hat seinen Siegestreffer erzielt. Fußball-Fan Keyan tanzt mit ausgebreiteten Armen und lässt sein Flaggen-Cape wehen. An der Bar spendiert Matthew der Blondine einen Kaffee. Draußen hüpfen Christopher und seine Kumpels in den Pfützen auf und ab. Der Türmann grinst, und es hört auf zu regnen. Nun wird alles gut: US-Torwart Brad Friedel hält einen Elfmeter, Landon Donovan schafft das Ehrentor, und Schiedsrichter Lu Jun aus China, der von etlichen Fans zum Koreaner gemacht wird (was garantiert nett gemeint ist), pfeift ab.

"U-S-A! U-S-A!", brüllen die jüngeren Fans auf der Straßenkreuzung draußen vor der Tür, aber auch "Thank-you, Ko-re-a!". Als die Fernsehkameras draufhalten, wird spontan die Nationalhymne angestimmt. Die älteren Fans hasten zu ihren Autos, um auf Arbeit zu fahren, hupen aber im Takt, als sie noch einmal am "Summers" vorbeihuschen. Matthew hat der Blondine seine Telefonnummer aufgeschwatzt und bringt sie noch zur Metro-Station. Mexiko ist der nächste Gegner, das muss doch zu schaffen sein.



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