US-Profibasketball der Frauen Die politischste Liga der Welt

Eine Basketballliga, die sich politisch engagiert. Eine Teambesitzerin, die dagegen vorgeht. Ein Machtkampf, der bis in höchste politische Kreise Einfluss nimmt: In den USA wird erbittert über eine Kernfrage des Sports gestritten.
Natasha Cloud von den Washington Mystics bei den BLM-Protesten im vergangenen Juni

Natasha Cloud von den Washington Mystics bei den BLM-Protesten im vergangenen Juni

Foto: Michael A. McCoy / Getty Images

Die Geschichte der Atlanta Dream ist beispiellos, facettenreich und spektakulär. Und sie beginnt mit einem Brief.

»Liebe Comissioner Engelbert«, schrieb Kelly Loeffler am 7. Juli 2020 an Cathy Engelbert, die Chefin der US-Frauenbasketballiga WNBA. »(...) Ich war unendlich enttäuscht, als ich las, dass eine politische Plattform in die Liga integriert werden sollte. (...) Gerade jetzt sollten wir vereint sein in dem Vorhaben, Politik aus dem Sport zu entfernen.«

Und schließlich der zentrale Satz: »Ich widersetze mich unerbittlich der politischen Black-Lives-Matter-Bewegung.«

»Ich widersetze mich unerbittlich der politischen Black-Lives-Matter-Bewegung.«

Ehemalige Besitzerin der Atlanta Dreams Kelly Loeffler

Loeffler war zu diesem Zeitpunkt republikanische Senatorin im US-Bundesstaat Georgia, eine Trump-treue Hardlinerin – und zugleich: Teilbesitzerin des WNBA-Teams Atlanta Dream. Ihr Brief löste Reaktionen aus, die die Grenzen von politischem Aktivismus im Sport neu definieren. Denn mit ihrem Widerstand beeinflussten die WNBA-Profis nicht nur die Zukunft einer Franchise. Sie beeinflussten aktiv eine der wichtigsten Senatswahlen des Landes – und damit die Zukunft der USA.

Schon der Name des Teams wirkt aufgeladen. Atlanta Dream, eine Hommage an den berühmtesten Sohn der Stadt, Martin Luther King, und dessen ikonische »I have a dream«-Rede 1963 beim March on Washington. 2007 trat das Team der WNBA bei, 2011 erwarb Loeffler ihre Anteile, wodurch sie Teil der sozial engagiertesten Liga des Sports wurde.

WNBA – Pioniere des Athleten-Aktivismus

Seit der WNBA-Gründung 1996 treten die Basketballerinnen für Gleichberechtigung ein, vor allem in den Bereichen LGBTQ+, Sexismus und Rassismus. Als historischer Einschnitt gilt die Protestaktion der Minnesota Lynx 2016: Im Vorfeld eines Ligaspiels beriefen vier Spielerinnen eine Pressekonferenz ein, um über Polizeigewalt gegen Schwarze zu sprechen. Während des Aufwärmens trug das Team – ohne Erlaubnis – T-Shirts mit einem Aufdruck, der die Ermordung von Philando Castel durch Polizisten kritisierte. Einige Wochen später sollte der Quarterback Colin Kaepernick mit seinem Hymnenprotest bei einem NFL-Spiel eine nie dagewesene Welle der Politisierung im US-Sport lostreten.

»Frauen haben über diese Dinge lange schon geredet«, sagte die Menschenrechtsanwältin Ashland Johnson gegenüber CNN. »Und dann brauchte es einen Mann, damit die Leute dachten: Oh, Athleten-Aktivismus.«

Angst um den Lebensunterhalt

In der Tat gehörten die Schlaglichter fortan Männern wie Kaepernick und LeBron James, doch keine Athletengruppe protestierte konstanter und vereinter gegen soziale Ungerechtigkeit als die Spielerinnen der WNBA. Dabei sind sie weit weniger abgesichert als ihre männlichen Kollegen: Während deren Durchschnittsgehalt bei acht Millionen Dollar pro Jahr liegt, beträgt das maximale Jahresgehalt in der WNBA 215.000 Dollar.

Zwar ist die Liga sehr progressiv, doch längst nicht jedem Entscheider gefällt der politische Aktivismus der Spielerinnen. Viele ihrer Aktionen sind daher von der Angst um den Lebensunterhalt begleitet – auch 2020, als die Black-Lives-Matter-Initiative zu einer globalen Bewegung aufstieg: Infolge der Tötung von George Floyd kam es in der WNBA zu Spielabsagen und Team-Statements, zu Hymnenprotesten und Solidaritätsbotschaften auf T-Shirts.

Satou Sabally von den Dallas Wings sitzt im Gerechtigkeitsrat der WNBA

Satou Sabally von den Dallas Wings sitzt im Gerechtigkeitsrat der WNBA

Foto: Phelan M. Ebenhack / dpa

Genau wie in der NBA – doch die Frauen gingen noch einen Schritt weiter. Mit der Installation des Social Justice Council, quasi als offiziellem politischen Organ der Liga, schrieb die WNBA Sportgeschichte. Geführt wird der Gerechtigkeitsrat von den Spielerinnen selbst, darunter die Deutsche Satou Sabally.

All das geschah zum Ärger von Kelly Loeffler. »Wir brauchen nicht mehr, sondern weniger Politik im Sport«, schrieb die Republikanerin in ihrem Brief. Sie glaube, dass die Werte der Black-Lives-Matter-Bewegung nicht mit denen der Liga und der Atlanta Dream vereinbar seien. Ihr Vorschlag: Statt Botschaften gegen Rassismus und Polizeigewalt solle die US-Flagge auf den Trikots abgebildet werden. Verpflichtend.

Eine ganze Liga reagiert

Loefflers Brief löste ligaweit Empörung aus. Sue Bird von den Seattle Storm, eine der Topspielerinnen der Liga und Verlobte von Megan Rapinoe, antwortete: »Sie wollte keine Politik im Sport, hat aber selbst Politik hineingebracht. Sie nutzte Spielerinnen als Pfand in ihrem politischen Spiel.« Sue Bird ist weiß. Das ist erwähnenswert, weil es sinnbildlich steht für eine Liga, in der der Schulterschluss zwischen schwarzen und weißen Akteuren deutlich stärker ausfällt als in der NFL, NBA oder im Fußball.

Bird gehörte zu den zentralen Kräften hinter dem teamübergreifenden Gegenangriff, der folgen sollte. Zunächst wurde entschieden, Loefflers Namen nicht mehr öffentlich auszusprechen. Im Vorfeld der Senatswahlen in Georgia wollte man ihr keine Bühne bieten. Stattdessen organisierten die Spielerinnen zwei ligaweite Videocalls mit einem demokratischen Gegenkandidaten Loefflers: Reverend Raphael Warnock, einem Pastor der Ebenezer Baptist Church, ausgerechnet jener Gemeinde, für die einst Martin Luther King predigte.

Wendepunkt im Wahlkampf

Die Athletinnen und der Politiker tasteten sich ab, tauschten Standpunkte und Meinungen aus. Später bezeichnete Warnock die Begegnung als einen »Wendepunkt« im Wahlkampf. Am 4. August begannen die Spielerinnen der Atlanta Dream, den Demokraten öffentlich zu unterstützen. Vor ihrem Spiel trugen sie »Vote Warnock«-Shirts, in Interviews und auf ihren Social-Media-Kanälen warben sie für Stimmen. Andere Teams folgten.

Laut einer Analyse der »Washington Post« hatte die Mobilisierung signifikanten Einfluss: Neben einem großen Aufmerksamkeitsschub erhielt Warnock allein in den ersten 48 Stunden nach der T-Shirt-Aktion 183.000 Dollar Wahlkampfspenden. Über 20 Prozent mehr als in Vergleichszeitsräumen.

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Aus dem Underdog Warnock, der selbst unter den demokratischen Bewerbern nicht als aussichtsreichster Kandidat galt, wurde eine ernste Gefahr für Loeffler – und letztlich ihr Bezwinger. Am 5. Januar 2021 setzte sich der Reverend mit 51 Prozent der Stimmen durch, wodurch die Republikaner ihre Mehrheit im Senat verloren.

Und Kelly Loeffler? Wie am vergangenen Freitag bekannt wurde, haben sie und ihre Miteignerin die Dream-Franchise verkauft. Zur neuen Besitzergruppe gehört mit Renee Montgomery erstmals eine ehemalige WNBA-Spielerin. 2018 und 2019 war sie für Atlanta aufgelaufen, die Saison 2020 hatte sie ausgesetzt, um sich voll auf ihre soziale Arbeit konzentrieren zu können. Dass sie nun in einer Machtposition zurückkehrt, steht sinnbildlich für eine Liga, in der sozialer Aktivismus zunehmend normalisiert wird.

Der Kampf der WNBA-Spielerinnen verschafft ihnen Aufmerksamkeit

Der Kampf für Gleichberechtigung als Teil der DNA, dieses Image haben die Spielerinnen kultiviert. Was auch von ökonomischem Nutzen ist: Ihr Wirken verschafft der WNBA, die sportlich noch immer wenig Aufmerksamkeit findet, Beachtung und Attraktivität vor Sponsoren.

Es zieht aber auch Kritiker an: Jene, die finden, dass der Sport frei von politischer Verantwortung sein sollte. Oder jene, die glauben, dass das, was Loeffler widerfahren ist, Cancel Culture im großen Stil sei.

Es ist zu erwarten, dass diese Stimmen lauter werden, je stärker sich die WNBA sozialpolitisch engagiert, und dass die Frage, welche Gegenpositionen sie für tolerabel hält und welche nicht, an Raum gewinnt.

Unabhängig davon aber zeigt die Geschichte der Atlanta Dream vor allem, welch immensen Einfluss Athletinnen und Athleten ausüben können. Sofern sie das denn wollen.

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