US-Keeper Keller "Es ist eine Schande"

Dem hoch gelobten US-Team ist der WM-Start missglückt. Gegen Tschechien gab es eine hohe Niederlage. Im Interview erklärt Torwart Kasey Keller, 36, wie es zu dem Debakel kommen konnte und wie hoch er die Chancen einschätzt, doch noch das Achtelfinale zu erreichen.


Frage: Herr Keller, Sie haben mit Ihrem Team 0:3 gegen Tschechien verloren. Wie konnte das passieren?

Keller: Natürlich wussten wir, dass die tschechische Elf ein sehr starker Gegner sein würde. Doch wie konnten wir erwarten, dass Tomas Rosicky den Ball gleich mehrmals so optimal trifft und er bei mir zweimal wie eine Bombe einschlägt?

Frage: Lag es nur am Noch-Dortmunder Rosicky, der nächste Saison für den FC Arsenal spielen wird?

Keller: Zudem haben wir es Jan Koller beim frühen 0:1 sehr einfach gemacht. Er war das erste Mal in unserem Strafraum aufgetaucht, war völlig unbewacht und konnte problemlos aus sechs Metern einköpfen. Nach nur fünf Minuten saßen wir bereits in einem tiefen Loch und hatten selbst Schuld daran. Und wir hatten Probleme da wieder heraus zu kommen. Die Tschechen haben einige gute Spielzüge gezeigt, uns aber hat der entscheidende Pass in den Strafraum gefehlt.

Frage: Trotz des mehrheitlichen Ballbesitzes von 58 Prozent sah es teilweise sehr hilflos aus, was Ihr Team spielerisch versucht hat.

Keller: Wir hatten zwar häufiger den Ball, aber was heißt das schon? Wir konnten wenig mit ihm anfangen und das Spiel nicht dominieren. Da gibt es keine Ausreden. Die Tschechen dagegen haben das Spiel durch ihre individuelle Klasse entschieden. Das hat uns an diesem Tag gefehlt, das war auch der größte Unterschied zwischen den beiden Mannschaften. Und es kam auch noch Pech hinzu.

Torwart Keller: "Wir müssen uns erheblich steigern"
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Torwart Keller: "Wir müssen uns erheblich steigern"

Frage: Meinen Sie eine bestimmte Spielszene?

Keller: Wenn Claudio Reyna vor der Pause nicht den Pfosten getroffen hätte, sondern zum 1:1, wäre die Partie vielleicht anders gelaufen. Doch dann kam Rosicky und entschied mit seiner Klasse das Spiel. Bei ihm hat es gepasst, bei Reyna nicht. Im Fußball geht es eben manchmal um Zentimeter.

Frage: Es muss für Sie frustrierend gewesen sein, als Schlussmann die Bemühungen Ihres Teams mit ansehen zu müssen.

Keller: Na klar, das war sehr frustrierend, und ich bin auch wirklich sehr enttäuscht. Es ist eine Schande, dass es so gekommen ist. Aber fragen Sie mich nun bitte nicht, ob für mich diese Niederlage noch enttäuschender ist, weil ich als Bundesligaprofi in Deutschland lieber gewonnen hätte.

Frage: Und? Ist Ihre Enttäuschung deshalb größer?

Keller: Es ist völlig egal, ob wir in Deutschland, den USA oder auf dem Mond spielen. Wir wollen Schritt für Schritt bei der WM Erfolg haben. Das ist zunächst einmal wichtig, und das hat dieses Mal nicht funktioniert, worüber ich wirklich sehr enttäuscht bin. Aber wir wissen, was wir drauf haben und dass wir auch schon gegen Italien wieder besser spielen werden.

Frage: Gegen die Italiener geht es am Samstag in Kaiserslautern nun schon um alles. Wie schätzen Sie die Chancen auf das Erreichen des Achtelfinales ein?

Keller: Wir wussten vorher, dass es eine ganz schwere Gruppe werden würde. Daran, ob ein Unentschieden gegen Italien reichen könnte oder nicht, möchte ich auch gar nicht denken. Ich weiß nur, dass wir uns in jeglicher Hinsicht erheblich steigern müssen, um gegen Italien eine Chance zu haben – offensiv wie defensiv. Es sind einfach zu viele Fehler passiert.

Frage: Das klingt nicht sehr optimistisch.

Keller: Ich weiß, dass auch wir die individuelle Klasse haben, die ein Spiel entscheiden kann – nur leider nicht heute. Auch wenn vor vier Jahren vier Punkte gereicht haben, um die nächste Runde zu erreichen, möchte ich mich dieses Mal darauf nicht verlassen.

Die Fragen stellte Oliver Lück



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