USA versus Mexiko Schizophrene Latinos

"Es gibt Reis, Baby!" - die tägliche Kolumne bei SPIEGEL ONLINE zur Fußball-WM. Heute: Für wen sollen sie sein? Vor dem Achtelfinale USA gegen Mexiko am Montag zittern die amerikanischen Bürger mexikanischer Abstammung.

Von Peter Unfried, Santa Cruz


Peter Unfried lebt derzeit in den USA und berichtet für SPIEGEL ONLINE aus den Staaten über die Fußball-WM in Südkorea und Japan.

Sie erinnern sich? Unsere Familie war im Geheimauftrag des derzeit noch amtierenden deutschen Außenministers nach Kalifornien übergesiedelt, um in einem humanitären Akt von bedingungsloser Solidarität die USA da zu unterstützen, wo sie mal wieder unsere Hilfe brauchten - im Fußball.

Im Morgengrauen hatte ich am Sonntag die Familie zusammengerufen und war mit ihnen nach San Jose rübergefahren, das Zentrum des kalifornischen Silicon Valley.
Ich sagte: Spürt ihr es?
Sie spürten es nicht. Typisch. Musste also wieder erklären: Dass niemand auf der ganzen Welt an diesem Sonntag so verunsichert sei wie die guten Leute von San Jose.
Die Familie: Weil die Aktienkurse der New Economy im Keller sind, die meisten Firmengebäude leer- und die ganzen Millionäre auf der Straße stehen?
Ich: Unsinn. Weil WIR heute Nacht im WM-Achtelfinale gegen Mexiko spielen. Es ist das erste Mal, dass die beiden Fußballverbände in einem derart wichtigen Spiel aufeinandertreffen.
Leere Gesichter.


Immer falsch, egal wen man unterstützt

Ich: USA versus Mexiko, das ist hier ein Duell wie Kain gegen Abel, Reich-Ranicki gegen Walser, Daum gegen Hoeneß, Schröder gegen Stoiber.
Die Familie: Weil es um Leben und Tod geht?
Ich: Nein, weil man immer falsch liegt, egal wen man unterstützt.
Noch leerere Gesichter.
Ich: In San Jose leben viele US-amerikanische Staatsbürger mexikanischer Herkunft.
Die Familie: Hä?
Ich: Latinos. In erster, zweiter, dritter Generation. Man hat man ihnen beigebracht, dass den Star Spangled Banner rauszuhängen hat, wer ein rechter US-Bürger sein will. Und das wollen sie. Andererseits betrachten sie Fußball als Teil ihres Kulturerbes. Des mexikanischen, nicht des amerikanischen. Aber heute müssen sie sich entscheiden. Die Heimat verraten? Oder ihr Land? Carlos Santana hat gesagt, er sei "für beide". Aber das geht natürlich nicht. Manche sagen, die Entscheidung sei so schwierig, wie wenn man der Tennisvater der Williams-Schwestern sei. Dabei hat gerade der sich noch immer für eine entschieden.

Appetit auf das scharfe Amerika-Derby USA gegen Mexiko
AP

Appetit auf das scharfe Amerika-Derby USA gegen Mexiko

Die Familie: Bei den Mexikanern ist doch sicher auch ein politisch und ökonomisch motivierter Minderwertigkeitskomplex im Spiel wie bei Östereich gegen Deutschland?
Ich: Viel schlimmer: Es ist wie bei Holland gegen Deutschland. Die Mexikaner haben nichts zu gewinnen, nur zu verlieren. Ihr größer Trost in ihrer Zweitklassigkeit ist der Glaube, dass die USA wenigstens keine Ahnung vom Fußball hat.
Die Familie: Und?
Ich: Stimmt natürlich. Andererseits halten die Gringos die mexikanische Liga auch für Schrott. Fakt ist: Vier der letzten fünf Spiele hat die USA gewonnen.



Bubi mit der unmöglichen Dorfdiskofrisur

Wir diskutierten die Frage der Verbundenheit mit jenem Land, das man gemeinhin Heimat nennt.
Die Frau sagte: Heimat hat man im Herzen, die kann halt nicht von einem auf den anderen Tag ablegen.
Soso. Ich erinnerte sie an ihr Verhalten beim Achtelfinale der Deutschen gegen Paraquay.
Alles, was sie an Anteilnahme beigesteuert hatte, waren angewiderte Sätze.
"Wer ist denn der da?" (Metzelder)
"Und der da?"(Kehl)
"Und der?" (Mist, den hatte ich selber noch nie gesehen.)
Und wer, um Gottes Willen, sei denn der Bubi mit dieser unmöglichen Dorfdiskofrisur? Es stellte sich dann heraus, dass sie immerhin nicht den DFB-Teamchef meinte, sondern nur den gefährlichsten Torjäger der Welt. Jedenfalls erging sie sich danach in einer halbstündigen Klage darüber, wie schrecklich das alles sei und wo euigentlich Mehmet, Babbel, Reuter, Berthold und Horst Eckel abgeblieben seien.


Was Wichtigeres als die Fußball-WM finden wir allemal

Am Ende fragte die Frau (ratlos): Und was ist mit uns? Jetzt haben wir extra das Land gewechselt. Wie stehen wir da, wenn wir jetzt gegen Mexiko ausscheiden?
Ich (besonnen): Ganz ruhig, Brauner. Gut stehen wir da. Lass die doch ausscheiden. Wir haben der Welt Babe Ruth geschenkt, Di Maggio, Kissinger, Tyson, die Eagles und den 49-Cent-Cheeseburger. Überall jubeln uns die Menschen zu, selbst in Südkorea. Okay, es sind die immer noch dort stationierten GIs. Aber auch das muss uns erst mal einer nachmachen.
Die Frau (irritiert): Aber wir sind doch extra gekommen, um das Fußballteam zu unterstützen. Wer hat mich denn gezwungen, mir "zu Ehren von Clint Mathis" einen Irokesenschnitt machen zu lassen? Du doch.
Ich (unwirsch): Paperlapapp, was ein richtig assimilierter US-Bürger sein will, der ist nicht gegen, aber auch auf keinen Fall für das US-Fußballteam. Uns wahren Amerikanern ist das alles völlig egal.
Sie (kläglich): Aber jetzt wo Basketball und Eishockey aus ist, was sollen wir denn da anschauen?
Ich: Was Wichtigeres als die Fußball-WM finden wir allemal.



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