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Gestorben Uwe Seeler, 85

aus DER SPIEGEL 30/2022
Foto: WITTERS

Vor einigen Jahren wurde ein Bild mit Uwe Seeler zum »Sportfoto des Jahrhunderts« gewählt. Nach dem verlorenen Weltmeisterschaftsfinale 1966 in London legt ein Sicherheitsbeamter dem deutschen Mittelstürmer mitfühlend die Hand auf den Rücken. Seeler hat den Kopf tief gebeugt, er wirkt wie ein Häuf­chen Elend. Das Bild drückt aus, wofür der Mittelstürmer stand. Leidenschaft­licher, ehrlicher Kampf bis zum Abpfiff. Ein fairer Verlierer zu sein, selbst in der größten Niederlage. Von allen Seiten bekam der Sportsmann Respekt, auch von den Gegnern. In seiner Heimatstadt Hamburg ist der Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft eine Legende. Seit seiner Geburt im Stadtteil Eppendorf, wo 1936 auch Arbeiterfamilien wohnten, ist Seeler der Stadt treu geblieben. Er hat dem Millionenangebot von Internazionale Mailand widerstanden, als der Trainer mit dem Geldkoffer angereist war, um ihn nach Italien zu locken. Seeler wäre der mit Abstand bestverdienende deutsche Fußballer geworden. Nach drei Tagen des Nachdenkens sagte er ab mit dem Satz: »Ich bin Hamburger, kein Wandervogel.« Am 29. August 1954 machte Seeler, Sohn des Hafenarbeiters und HSV-Idols Erwin Seeler, sein erstes Oberligaspiel. Bereits zwei Monate später stand er als 17-Jähriger im Aufgebot der Nationalmannschaft. Trainer Sepp Herberger hatte ihn beobachtet, er wusste, was für ein Juwel dort im Norden heranwuchs. Bis 1972 folgten 237 Oberligapartien, 239 Bundesligaspiele, 72 Länderspiele. 2005 haben sie »uns Uwe« vor dem Volksparkstadion in Hamburg ein Denkmal gesetzt, seinen rechten Fuß als Skulptur, 5,30 Meter hoch, 2,30 Meter breit. Seeler war Meister mit dem HSV, Pokalsieger und erster Torschützenkönig der neuen Bundesliga. Der Hamburger SV ist sein Verein geblieben, kein leichtes Los in den vergangenen 30 Jahren. Seeler war ein Gegenbild zu alldem, was viele am heutigen Fußball stört, vereinstreu, bodenständig, uneitel. Nach seiner Karriere wurde er Repräsentant von Adidas. Mitte der Neunzigerjahre ließ er sich breitschlagen, das Amt des HSV-Präsidenten zu übernehmen. Er war damit überfordert, erntete Spott, schlimmer noch: Mitleid. Zu seinem Abschied setzten sie ihm das Käppi eines Sponsors auf, er durfte ein Ge­winn­spiel moderieren. Nach zweieinhalb Jahren war das Trauerspiel beendet. Seeler durfte endlich wieder Seeler sein. In einer Dokumentation zu seinem 85. Geburtstag sagte er einen Satz, der ihn kennzeichnete: »Ich finde, das Wichtigste, was man im Leben haben kann, ist, wenn man normal ist.« Uwe Seeler starb am 21. Juli in Norderstedt bei Hamburg.

aha
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