Fußball-Legende Seeler "Über das Wembley-Tor lache ich heute"

Er war einer der besten Stürmer seiner Zeit: Uwe Seeler schoss über 40 Tore für Deutschland und ist Ehrenspielführer des DFB-Teams. Im Interview spricht der 75-Jährige über die Weltmeisterschaft 1966, Auslandsreisen nach dem Krieg und ein Angebot von Inter Mailand.


Frage: Herr Seeler, auf dem Bild, das zum Sportfoto des Jahrhunderts gewählt worden ist, sind Sie beim WM-Finale 1966 zu sehen: Sie schleichen mit gesenktem Kopf vom Platz.

Seeler: Und Sie wollen jetzt bestimmt wissen, wann das Foto gemacht worden ist.

Frage: Genau. Weil doch immer wieder gestritten wird: in der Halbzeitpause oder nach dem Schlusspfiff?

Seeler: Also, das kann ich leicht beantworten: Es muss nach dem Schlusspfiff gewesen sein. Da war die Königin im Stadion und deshalb auch die Kapelle, die auf dem Bild zu sehen ist. Und wenn man genau hinguckt, sieht man auch Willi Schulz im Hintergrund, der macht so ein trauriges Gesicht.

Frage: Aber Sie selbst haben lange gesagt, dass es in der Halbzeitpause aufgenommen worden sein muss.

Seeler: Tja, so kann man sich täuschen. Ich hatte wohl ein bisschen oberflächlich hingeschaut. Heute bin ich mir sicher: Das war nach dem Schlusspfiff.

Frage: Das Spiel ging unglücklich verloren, unter anderem durch das umstrittene Wembley-Tor. Sind Sie heute noch traurig, wenn Sie an dieses Finale denken?

Seeler: Ach was, darüber lache ich. Im Fußball muss man Dinge abhaken können. Es bringt doch nichts, lange darüber nachzudenken. Wenn du verloren hast, hast du verloren. Einen Tag lang verarbeiten, dann wieder nach vorne schauen, so habe ich es immer gehalten.

Frage: Direkt nach dem Spiel haben Sie aber sicher über die verpasste Chance getrauert, oder?

Seeler: Ich hätte lieber gewonnen, ist ja klar. Aber noch in London haben wir damals gefeiert. Nach dem Bankett sind wir in so eine Riesen-Disco gegangen. Max Lorenz, unser Verrückter, ist sogar auf die Bühne gestiegen und hat die Kapelle dirigiert. So viel Beifall hatte ich im Ausland noch nicht erlebt, Standing Ovations, die haben uns gefeiert.

Frage: Na ja, weil Sie verloren hatten und die Engländer damit Weltmeister geworden waren.

Seeler: Die wussten doch alle, dass das kein Tor war. Aber im Ernst: 1966 ist der Bann gebrochen, bis dahin war es bei Auswärtsspielen manchmal ganz schön schwierig. Besonders in den Fünfziger Jahren, so kurz nach dem Krieg. Bevor wir ins Ausland gefahren sind, hat Sepp Herberger erst einmal einen Vortrag darüber gehalten, was wir Deutschen da im Krieg gemacht hatten, was alles vorgefallen war. In Frankreich oder England sind wir dann auch nicht gerade freundlich empfangen worden. Umso mehr hat es mich 1966 gefreut, dass die Engländer uns gefeiert haben.

Frage: Erstmals haben Sie im Herbst 1954 in der Nationalmannschaft gespielt, im Alter von nur 17 Jahren. Stimmt es eigentlich, dass Sie die WM nur knapp verpasst haben?

Seeler: Vor der WM 1954 habe ich das Weltjugendturnier in Deutschland gespielt. Da hat Herberger zwei, drei Spiele von mir gesehen, und da lief es recht gut für mich. Ich habe, glaube ich, 13 von 20 Toren geschossen, es hat ordentlich geknallt. Da hat Herberger wohl überlegt, mich zur WM mitzunehmen, aber das ging nicht mehr, weil er den Kader doch schon lange vorher anmelden musste. Sonst hätte er mich gerne mitgenommen - zumindest hat er das so gesagt.

Frage: Wie wichtig war es Ihnen damals, in der Nationalmannschaft zu spielen?

Seeler: Wenn Herberger gerufen hat, dann wäre jeder von uns bis München mit dem Rad gefahren. Du musstest mindestens ein Jahr lang kontinuierlich gut spielen, um eingeladen zu werden. Bei mir kam noch ein bisschen Glück hinzu. Ich habe ja kurz nach der WM 1954 mein erstes Spiel für die Nationalmannschaft gemacht, in Hannover gegen Frankreich.

Frage: Wenn Sie sich erinnern, was Sie damals angetrieben hat: Kann man das mit dem Wort Ehre erfassen?

Seeler: Ja, das trifft es gut. Geld hat jedenfalls keine Rolle gespielt. Wir haben 320 Mark Aufwandsentschädigung bekommen, später 400. Selbst als dann 1963 die Bundesliga eingeführt wurde, habe ich als der Spieler mit den meisten Länderspielen nur 1250 Mark brutto verdient. Da war gar nicht daran zu denken, den Beruf aufzugeben, das war ein Taschengeld. Deshalb habe ich immer gearbeitet und habe 1961 die Generalvertretung für Adidas übernommen. Da bin ich um die 60.000 Kilometer pro Jahr gefahren und habe unterwegs trainiert.

Frage: Bei Vereinen in den Orten, in denen Sie gerade waren?

Seeler: Das habe ich zweimal gemacht, aber beide Male musste ich bis tief in die Nacht Autogramme schreiben, obwohl ich doch morgens wieder früh rausmusste, um zum nächsten Kunden zu fahren. Das ging so nicht mehr. Ich habe dann unterwegs nur noch alleine trainiert, Laufen und Gymnastik, also nur Fitnesstraining. Ich war sehr konsequent, es ist ja nicht so einfach gewesen, Fußball und Beruf zu vereinbaren. Das erfordert eine sehr solide Lebensweise. Ich war auch immer sehr rechtzeitig in der Kiste.

Frage: Sie hätten damals aber auch mit dem Fußball viel Geld verdienen können, Inter Mailand hat 1961 angeblich eine Million Mark geboten.

Seeler: Ach, das stimmt doch gar nicht.

Frage: Nicht?

Seeler: Das war noch weitaus höher, die haben immer mehr geboten. Inter Mailand war damals ja das Nonplusultra, finanziell und leistungsmäßig. Es war auch der einzige Verein, den ich mir angehört habe. Das hatte Niveau, von Montag bis Mittwoch haben wir uns im Hotel Atlantic hier in Hamburg unterhalten.

Frage: Sie sind in Hamburg geblieben. Warum?

Seeler: Das war eine Bauchentscheidung. Ich bin ein Sicherheitsfanatiker, ich hatte einen Super-Beruf und habe mir gesagt: Wenn dir mal was passiert, dann haste was. Also bin ich geblieben.

Lesen Sie die ungekürzte Fassung des Interviews im Buch "Wie gut ist Ihre Allgemeinbildung? Fußball"

Das Interview führten Martin Doerry und Markus Verbeet



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