Verdacht auf Wettbetrug Hill will Filme und Tonbänder vorlegen

Der kanadische Enthüllungsjournalist Declan Hill kündigte in der TV-Sendung "Beckmann" an, Filme und Tonbänder zu veröffentlichen, die seine Manipulationsvorwürfe zu WM-Spielen bestätigen sollen. Auf die Nachfragen des Moderators konnte Hill aber nur Indizien liefern.

Gibt es Beweise? Ja - nur kann man sie leider nicht veröffentlichen. "Das ist gefährlich", sagt der kanadische Journalist Declan Hill schließlich, nachdem ihn Reinhold Beckmann wieder und wieder mit der Frage gequält hat, ob er seine Aussagen belegen kann. Denn die haben es in sich.

Hill - so hat er es auch im SPIEGEL und in seinem Buch "Sichere Siege" erzählt - will in Bangkok einen Asiaten getroffen haben, dem er den Decknamen Lee Chin verpasste. Der hat laut Hill Millionen daran verdient, dass er 2006 WM-Partien wie das Achtelfinalspiel Ghana gegen Brasilien (0:3) manipulierte. Auch über eine angeblich geschobene Partie der ersten deutschen Liga hatte Chin Kenntnis.

Ein anderer asiatischer Wettbetrüger, der in Deutschland zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und fünf Monaten verurteilte William Bee Wah Lim, hatte zudem von einem Zweitligaspiel, das geschoben worden sei, berichtet.

Es gibt tatsächlich etliche Spieler der beteiligten Zweitliga-Clubs, die inzwischen zugeben, von Mittelsmännern einer fraglos existierenden asiatischen Wettmafia angesprochen worden zu sein - sie alle aber streiten ab, sich auf krumme Deals eingelassen zu haben.

Und es gibt die Aussagen von Hill, der dabei gewesen sein will, als Chin in diversen Telefonaten den Ausgang von Fußballspielen manipulierte. Nur Beweise - die gibt es noch nicht. Zumindest hat der Kanadier bislang keine vorgelegt.

Schon am Montagmorgen hieß es in "Bild", Hill werde am Abend bei "Beckmann" zwei weitere WM-Spiele von 2006 präsentieren, die unter Korruptionsverdacht stehen: England gegen Ecuador (1:0) und Ukraine gegen Italien (0:3). Vor laufender Kamera antwortete der investigative Reporter auf die Frage nach seinen Beweisen für die Manipulation dieser Partien fast schon vorauseilend: "None" – "keine". Bis auf die Aussagen Lee Chins natürlich.

Wenn der Auftritt von Hill bei "Beckmann" einen weiteren Erkenntnisgewinn brachte, dann diesen: Dank des dieses Mal konsequenten Nachfragens des Moderators wurden die Schwachpunkte in Hills Argumentationskette klar erkennbar. Es gibt Beobachtungen, Behauptungen und es gibt für die betreffenden Spiele jeweils abnorme Wettquoten. Zusammen ergibt das eine ziemlich schlüssige Indizienkette für die Manipulation bestimmter Fußballspiele.

Doch Indizien sind keine Beweise, was nicht Hills Verdienst schmälert, den Blick auf das Paralleluniversum der Zocker zu lenken, das weltweit Jahr für Jahr Milliarden umsetzt. Angesichts dieser Zahlen lässt sich nachvollziehen, dass Hill immer wieder durchklingen lässt, sein Leben sei bedroht, falls er Beweise veröffentliche.

Manchmal wirkt der Kanadier allerdings leicht melodramatisch, wenn er etwa davon berichtet, wie er dem Hotelpersonal in Bangkok vor der Fahrt zu Lee Chin bittet, es möge doch die Behörden alarmieren, falls er nicht zurückkomme - mit den Worten: "Vielleicht ist das meine letzte Taxifahrt."

Von anderen Gesprächspartnern fühlt sich Hill offenbar weniger bedroht. Beckmann zitiert den als Mittelsmann bei der Anwerbung williger Kicker beschriebenen ehemaligen ghanaischen Nationalkeeper Abukari Damba mit einem wütenden Dementi: "Der Mann hat mich gelinkt, der will mich und meine Familie fertigmachen." Hill bleibt ruhig und kündigt an, er werde binnen der nächsten 24 Stunden Film- und Tonaufnahmen auf seiner Homepage veröffentlichen, die beweisen, dass nicht er der Lügner sei.

Man spürt: Hier hat Hill gute und Damba umso schlechtere Karten. Auch als Beckmann den ghanaischen Kapitän Steve Appiah wiedergibt, der ebenfalls behauptet, von Hill Sinn entstellend zitiert worden zu sein, wirkt der Oxford-Absolvent souverän.

Doch das war an diesem Abend im "Beckmann"-Studio nicht immer so. Immer wieder stellte der Moderator die Frage, warum der Mann, der im Buch Lee Chin heißt, denn überhaupt sein Insider-Wissen mitgeteilt habe. Warum der Mann, der Millionen mit Spielmanipulationen verdient haben muss, riskierte, sich sein Geschäft kaputt zu machen? Der eloquente Redner Hill, der am Schluss ein wenig pikiert wirkt ("Sie haben mich nicht ausreden lassen") bietet als Motiv an: Lee Chin habe sich wohl an der Ehre gepackt gefühlt, sich von Hills Skepsis provozieren lassen.

Im SPIEGEL-Interview sagte Hill, Chin habe sich womöglich geschmeichelt gefühlt, "dass jemand aus einer ganz anderen Welt - ein Journalist und Wissenschaftler der Universität Oxford - ihn ernst nahm und respektvoll behandelte".

Das ist natürlich eine mögliche Erklärung. Wie die, dass Mitglieder des ghanaischen Teams absichtlich gegen Brasilien verloren, obwohl ihre Bestechungsprämie niedriger ausgefallen wäre als die Siegprämie des Verbandes: Hill, der sich bei der WM im ghanaischen Mannschaftshotel einquartiert hatte, berichtet von "Finanzstreitigkeiten" zwischen Verband und Spielern und suggeriert, dass die Spieler auf ihr Geld warten mussten. Dass frustrierte Spieler den Spatz in der Hand der Taube auf dem Dach vorziehen, klingt einleuchtend. Belegen lässt es sich bislang nicht.

Ob sich sein Informant Chin in den vergangenen Monaten bei ihm gemeldet habe, will Beckmann dann noch wissen - schließlich produziert die Geschichte immer mehr Schlagzeilen. Nein, das sei nicht geschehen, sagt Hill. Er zögert kurz und fügt dann hinzu: "Ich freue mich auch nicht allzu sehr auf den Anruf."