Verdacht auf Wettbetrug "So blöd kann man doch nicht sein"

In die Diskussion um angeblich geschobene Fußballspiele hat sich nun auch der Weltverband eingeschaltet. Fifa-Präsident Blatter will die WM-Partie Brasilien gegen Ghana 2006 untersuchen lassen. Karlsruhe und Kaiserslautern dementieren unterdessen, dass es Betrugsfälle gab.


Der Fußball-Weltverband Fifa hat an diesem Mittwoch angekündigt, sich der WM-Achtelfinalpartie Brasilien gegen Ghana von 2006 anzunehmen, die 3:0 ausging. "Wir werden jetzt aktiv, um Klarheit in diese verworrene Situation zu bringen", sagte Fifa-Chef Joseph Blatter in einem "Sport Bild"-Interview. "Wir werden das Spiel überprüfen, ob etwas Unanständiges geschehen ist. Wenn es so ist, steckt sicher illegales Wetten dahinter, und dann sind uns die Hände gebunden. Das muss von staatlichen Behörden verfolgt werden."

Lauterer Engelhardt (2006): Abstieg am Ende einer verkorksten Saison
REUTERS

Lauterer Engelhardt (2006): Abstieg am Ende einer verkorksten Saison

Die Partie der WM in Deutschland war, wie der SPIEGEL am Wochenende exklusiv berichtet hatte, zusammen mit zwei weiteren Spielen unter Verdacht geraten, von asiatischen Wettbetrügern manipuliert worden zu sein. Auch das Erstligaspiel Hannover gegen Kaiserslautern im November 2005 (5:1) und der 2:0-Sieg des damaligen Zweitligisten Karlsruhe gegen Siegen im August 2005 könnte demnach geschoben worden sein. Wegen beider letzterer Spiele hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) schon am Montag die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main kontaktiert.

Die drei genannten Begegnungen haben eines gemeinsam: Die Favoriten siegten. Das legt die Vermutung nahe, dass anscheinend versucht wurde, durch Geldzuwendungen das nominell ohnehin stärkere Team abzusichern. Für das Gelingen einer Manipulation reicht es schon, wenn in einer Elf wenige Akteure absichtlich schlecht spielen, so dass man davon ausgehen kann, dass niemals ein gesamtes Team in den Betrug involviert ist.

Am ersten Spieltag der Saison 2005/2006 ging auch Karlsruhe als klarer Favorit ins Spiel gegen den späteren Absteiger Siegen. Das 2:0 war ein eher unauffälliges Ergebnis. Gut möglich, dass es bloßer Zufall ist, dass ein 2007 in Deutschland verurteilter Geschäftsmann aus Malaysia viel Geld auf einen KSC-Sieg gesetzt hatte – den Löwenanteil davon auf einen Sieg mit zwei Toren Differenz.

Der Zocker aus Asien behauptet allerdings, zwei ehemaligen Karlsruher Spielern (Ioannis Masmanidis und Sean Dundee) sowie einem immer noch beim KSC unter Vertrag stehenden Profi (Edmond Kapllani) Geld angeboten zu haben. Kapllani und Dundee haben inzwischen zugegeben, 2000 beziehungsweise 3000 Euro angenommen zu haben, aber nicht dafür, ein Spiel zu manipulieren. Sie hätten keine Gegenleistung erbracht. Dundee bestätigte, dass ihm von dem verurteilten Asiaten 10.000 bis 20.000 Euro offeriert wurden, wenn er einen Elfmeter verschießen würde. Er habe abgelehnt, so Dundee.

Auch Thomas Kies, der in diesem Sommer seine Karriere beendet hat, war im ominösen Spiel gegen Siegen dabei. "Ich habe in meiner ganzen Laufbahn nie den Verdacht gehabt, dass jemand absichtlich verliert", sagte er SPIEGEL ONLINE. Ihm sei damals nicht das Geringste aufgefallen, das Spiel sei wie alle anderen in der Saison gewesen. Keinem seiner Mannschaftskameraden würde er eine solche Manipulation zutrauen - und auch keinem gegnerischen Spieler.

KSC-Trainer Edmund Becker mag ebenfalls nicht daran glauben, dass einer seiner Spieler tatsächlich Geld angenommen hat, um den von den Wettbetrügern gewünschten Sieg mit zwei Toren Differenz herbeizuführen: "Wir zahlen zwar deutlich schlechter als die meisten Konkurrenten", sagte Becker SPIEGEL ONLINE, "aber dass jemand wegen einer solchen Summe seine Karriere aufs Spiel setzt, kann ich mir einfach nicht vorstellen. So blöd kann man nicht sein."

Auf jeden Fall wolle man die Spieler nun noch einmal "für das Thema sensibilisieren", um zu verhindern, "dass sie sich mit zwielichtigen Gestalten" abgeben, betont Becker. Auch mit Kapllani, der derzeit mit der albanischen Nationalmannschaft auf Länderspielreise ist, werde der Club nach dessen Rückkehr nach Karlsruhe sprechen.

Dementi kommen auch vom 1. FC Kaiserslautern. Den früheren Vereinschef René C. Jäggi zitiert stern.de mit der Aussage: "Die Vorwürfe der Manipulation halte ich für absoluten Schwachsinn." Der 2005 für das Team verantwortliche Coach Wolfgang Wolf sagte "Bild am Sonntag", dass viele "dumme Tore" gefallen seien. "Aber so etwas kann man nicht mit Absicht machen. Ich glaube an die Unschuld der Spieler."

Dass der FCK Spiel um Spiel verlor und auch die Partie bei Hannover 96, wundert Spieler und Funktionäre in der Rückschau nicht. Heute geben sie unumwunden zu, dass es im Team damals überhaupt nicht stimmte.

Wer damals beim Training zuschaute, sah eine Lauterer Mannschaft, die lustlos ihr Pensum herunterspulte. Wenn andere nicht funktionierende Teams unter Grüppchenbildung leiden, wäre das in Kaiserslautern fast schon ein Idealzustand gewesen. Hier gab es in der Abstiegssaison 2005/2006 nicht einmal mehr Grüppchen. Nur noch Einzelspieler, die in Gedanken längst beim nächsten Arbeitgeber waren. Solche Kicker passen bestens ins Beuteschema der Wettmafia. Beweiskraft hat diese Erkenntnis allerdings nicht.

Dass der kaufmännische Geschäftsführer und ehemalige Vorstandsvorsitzende des 1. FC Kaiserslautern, Erwin Göbel, beurlaubt wurde, habe mit dem Bekanntwerden der jüngsten Manipulationsvorwürfe nichts zu tun, versichert FCK-Sprecher Oliver Duetschke. In der Pfalz war schon seit einigen Tagen bekannt, dass Göbels Ablösung bevorstand. Und auch, dass Jens König, bislang bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) angestellt, Göbels Nachfolger werden würde.



insgesamt 133 Beiträge
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Seite 1
Baikal 30.08.2008
1.
Zitat von sysopBislang war Wettmanipulation in Deutschland nur ein Problem der unteren Ligen. Nun stehen erstmals auch Spiele der Bundesliga und sogar der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 unter Verdacht. Wie sauber ist der Fußball heute noch?
Wenn überall geschoben wird, warum sollte dann ausgerechnet der Fußball davon frei sein? Dass hier nicht der Sport oder der Wettkampf im Vordergrund steht,beweist die Bundesliga doch an jedem Spieltag. Geschäft, Rendite und Profite, das ist gefragt.
Querschläger, 30.08.2008
2.
Ich habe schon vor ein paar Tagen in einem anderen Thread geschrieben, daß das, was bisher an Manipulationen im Fußball bisher ans Tageslicht kam, nur die Spitzen eines Eisbergs sind. q.e.d.
fusbalsau, 30.08.2008
3.
Zitat von sysopBislang war Wettmanipulation in Deutschland nur ein Problem der unteren Ligen. Nun stehen erstmals auch Spiele der Bundesliga und sogar der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 unter Verdacht. Wie sauber ist der Fußball heute noch?
keine Ahnung. Wird immer wieder probiert werden. Die malayische Wettmafia ist doch schon legendär. Säähr merkwürdig kommt es mir daher vor, dass dieser William Bee Wah Lim durch eine lächerliche Kaution die kostengünstige Gelegenheit erhalten hat unterzutauchen. Dass die Ghanaer beim Achtelfinale absichtlich verloren haben sollen, erscheint mir fast unglaublich. Schließlich hätte sich der Marktwert der Spieler und ihre Möglichkeit, gut dotierte Verträge zu erhalten bei einem Sieg gegen Brasilien exponentiell erhöht. Die müssten eigentlich unbezahlbar gewesen sein. Aber bestimmt ein interessantes Buch.
Pablo alto, 30.08.2008
4. Wettpaten?
Schönes Wort, "Wettpaten". So heißen aber dummerweise die Promis bei "Wetten, dass ...", die einem Kandidaten mehr oder weniger die Daumen drücken sollen, leider auch. Ein (Gott)Schalk, der Böses dabei denkt.
blurps11 30.08.2008
5.
Die durch Abwehrchef John Mensah verursachte extrem hohe Abseitsfalle und die miserable Chancenverwertung sind charakteristisch für diese ghanaische Mannschaft und waren die beiden wesentlichen Gründe für die Niederlage bei der WM. Seitens der ghanaischen Nationalmannschaft sehe ich da nicht die geringsten Anhaltspunkte für Manipulation. Die eine oder andere (Nicht)Abseitsentscheidung der Schiris war zweifelhaft, aber die "Großen" haben halt immer einen Bonus. Das Ausscheiden der Westafrikaner war nach Spielanteilen zwar absolut unverdient, aber vorhersehbar, auch in dieser Höhe.
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