Verrückter Aufsteiger Oberhausen "Prosecco aus Dosen"

Präsident Hajo Sommers hat aus dem Pleiteclub Rot-Weiß Oberhausen den witzigsten Zweitliga-Aufsteiger der letzten Jahre gemacht. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der Theaterchef über die Parallelen von Bühne und Fußballplatz sowie Sponsoren, die Kartons schleppen müssen.


SPIEGEL ONLINE: Herr Sommers, Sie sind im Frühjahr mit einer Mannschaft in die Zweite Liga aufgestiegen, in der fast alle Spieler aus Oberhausen oder der näheren Umgebung kamen. Selbst jetzt haben Sie nur drei Spieler, die nicht aus Nordrhein-Westfalen kommen, wollen Sie der Globalisierung trotzen?

Oberhausener Robben (r.): "Näher dran bei RWO"
DPA

Oberhausener Robben (r.): "Näher dran bei RWO"

Sommers: Gerne, aber der Hintergrund unserer Personalpolitik ist dann doch etwas anders. Wir waren vorletztes Jahr noch viertklassig und fast pleite, da brauchten wir auf der Suche nach Spielern sowieso nicht weit herumzugucken. Wir sind also halb zum Glück gezwungen worden, und nur zur anderen Hälfte stand ein Plan dahinter.

SPIEGEL ONLINE: Was war das für ein Plan?

Sommers: Der basierte auf der Erkenntnis, dass ein Mensch in seinem gewohnten Umfeld sich wohler fühlt. Da bilden Fußballspieler keine Ausnahme. Außerdem brauchen wir mit einer Mannschaft aus der Region keine Dolmetscher oder Betreuer, die irgendwas erklären, um eine soziale Chemie herzustellen. Und es hat uns auch noch geholfen, dem Club ein Image zu geben.

SPIEGEL ONLINE: Sie spielen gerne mit den Begriffen der im Ruhrgebiet weitgehend untergegangenen Arbeitswelt.

Sommers: Ja, weil das die Leute immer noch anspricht. Die vorletzte Saison stand unter dem Slogan "Sonderschicht", weil für einen Club wie Rot-Weiß Oberhausen die Viertklassigkeit die Ausnahme sein muss. Letztes Jahr hatten wir die "Malocherschicht", weil wir den kleinsten Etat der Regionalliga Nord hatten.

SPIEGEL ONLINE: Und diese Saison?

Sommers: Jetzt heißt es: "Malocherschicht, die II. Wir haben alles außer Kohle". Und das alles ließe sich mit einer aus Nigeria, Brasilien und Ghana zusammengekauften Mannschaft natürlich schlecht verkaufen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ließ es sich denn verkaufen, als Sie letzte Saison die Sponsoren im Gelenkbus zum Auswärtsspiel nach Düsseldorf gebracht haben, wo sie im Stadion keinen Zutritt zu den Logen hatten. Wie viele sind danach abgesprungen?

Sommers: Niemand, obwohl es unterwegs Prosecco aus Dosen gab und sie dann noch Kartons voller Fanartikel ins Stadion tragen mussten. Es hatten einfach alle Spaß, auch weil sie näher dran waren, als wenn man auf Schalke ein VIP-Ticket hat.

SPIEGEL ONLINE: Ist durch den überraschenden Aufstieg in die Zweite Liga nun Schluss mit lustig?

Sommers: Wir müssen zumindest aufpassen, denn von den Rahmenbedingungen her ist die Zweite Liga schon ein ganz anderes Kaliber. Es gibt eine Fülle neuer Sachzwänge, von den Wünschen unserer Mannschaft bis zu den Auflagen der Deutschen Fußball-Liga DFL. Aber wir wollen uns nicht verbiegen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Das hat Aufstiegstrainer Hans-Günther Bruns schon bewiesen und ist zurückgetreten, weil die gestiegene Medien- und Öffentlichkeitsarbeit nicht so sein "Ding" ist. Daraufhin haben Sie ihn mit Manager Jürgen Luginger den Job tauschen lassen, das klingt fast wie ein Witz.

Sommers: Es ist aber keiner. Bruns hatte auf Fernsehinterviews nach dem Abpfiff und die ganze andere Medienarbeit einfach keine Lust, Luginger hingegen wollte mittelfristig sowieso wieder als Trainer arbeiten, also haben wir sie tauschen lassen. So muss sich bei uns auch niemand an Neue gewöhnen.

SPIEGEL ONLINE: Sie scheinen das Fußballgeschäft sehr lässig anzugehen.

Sommers: Wenn wir wieder absteigen, ist es halt so. Schließlich hatte mit dem Aufstieg auch niemand gerechnet.

SPIEGEL ONLINE: Wird das von Ihren Zuschauern auch so gesehen?

Sommers: Nein, nie im Leben!

SPIEGEL ONLINE: Können Sie den Job so humorvoll angehen, weil Sie als Leiter des Kabaretts und Boulevardtheaters "Ebertbad" zum Fußball gekommen sind?

Sommers: Keiner im Vorstand hatte zuvor Erfahrungen im Fußball, als wir hier vor zweieinhalb Jahren eingestiegen sind. Also haben wir uns so strukturiert, wie wir es meinen und nicht wie man es immer schon gemacht hat. Zwischen Fußball und Theater gibt es viele Parallelen. In beiden Bereichen wird die Woche über für ein Stück geprobt, das von einem Team zur Aufführung gebracht wird. Nur weiß man bei einem Theaterstück in der Regel, wie es ausgeht.

SPIEGEL ONLINE: Mit Corny Littmann beim FC St. Pauli und Ihnen haben wir jetzt schon zwei Theaterchefs als Vereinspräsidenten im Profifußball, wird das noch zum Trend?

Sommers: Warum nicht, schließlich könnte man sich auch fragen, was die Arbeit von Teppichhändlern oder Hörgeräteverkäufern unbedingt mit Fußball zu tun hat.

Das Interview führte Christoph Biermann.



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